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Unfallgefahr zu hoch – neue Regel für Müllautos in Herford – Änderung betrifft 1500 Haushalte

Vorwärts immer, rückwärts nimmer

Herford (WB). Riskante Rückwärtsmanöver sind bald vorbei: Müllfahrzeuge sollen ab 2020 in Herford möglichst nur noch vorwärts unterwegs sein. Zu groß ist die Unfallgefahr. Das hat Abhol-Auswirkungen auf 1500 Haushalte.

Moritz Winde

Knappe Kiste: Noch fahren die Müllautos – wie hier in der Gutenbergstraße – rückwärts. Ab 2020 ist jedoch nur noch vorwärts erlaubt. Foto: Moritz Winde

Am Morgen in der Gutenbergstraße: Ein schriller Piepton erklingt, die Warnlampen leuchten orange. Müllwerker Andreas Brinkmann hat soeben den Rückwärtsgang eingelegt und manövriert den tonnenschweren Lkw im Schritttempo in die enge Sackgasse hinter dem Mathilden-Hospital. Ein Kollege weist ihm den Weg.

Der Drei-Achser ist zehneinhalb Meter lang und zweieinhalb Meter breit. Der Abstand zwischen den kindshohen Reifen und den parkenden Autos misst gerade einmal eine Unterarmlänge.

Verdammt knappe Kiste: »Und jetzt stellen Sie sich das mal im Dunkeln vor, wenn hier auch noch die Realschüler umherflitzen. Da sieht man fast nichts. Wir fahren immer mit Muffensausen und sind erleichtert, wenn wir nach der Tour zurück auf dem Betriebshof sind, ohne das etwas passiert ist«, sagt Andreas Brinkmann.

Neues Fahrzeug ist vier Meter kürzer

Der erfahrene Brummi-Pilot und seine 20 Kollegen sind heilfroh, dass diese »Quasi-Blindflüge« demnächst ein Ende haben – so fordert es die Berufsgenossenschaft. »Rückwärtsfahren kann lebensgefährlich sein. Deutschlandweit sterben durch rückwärtsfahrende Müllautos jährlich zwei bis drei Menschen. Das wollen wir in Herford verhindern«, sagt SWK-Chef Wolfgang Rullkötter.

Die Rückwärtsmanöver waren bislang nötig, weil das Wenden in vielen kleineren Straßen aus Platzgründen schlicht nicht möglich ist. Deshalb investiert die Stadt Herford 150.000 Euro in ein neues Fahrzeug.

Der Vorteil: Das Auto ist kleiner – exakt 6,8 Meter lang und zwei Meter breit – und damit wendiger, es kommt problemlos vorwärts in fast jede Straße hinein und wieder heraus.Der Nachteil: Das Volumen beträgt im Vergleich zu seinem großen Bruder gerade einmal ein Drittel, es muss also öfter geleert werden. Durch den Einsatz dieser unterschiedlichen Fahrzeuge verändern sich im kommenden Jahr die Touren und der Rhythmus der Abfuhr.

Von den 34.500 Haushalten sind 1500 betroffen. Beispiel Eckermannstraße: Die Anwohner der Stiftberg-Sackgasse müssen ab 2020 fast täglich eine andere Müll-Fraktion vor die Tür stellen: am Dienstag gelbe Säcke, am Donnerstag Bio, am Freitag Restmüll und am nächsten Freitag Papier. Andere Bürger wiederum müssen ihren Abfall an einem Sammelplatz deponieren, weil in ihren Straßen selbst das kleine Auto keine Chance zum Drehen hat.

Bei wem sich was ändert, kann dem Sonderabfallkalender entnommen werden, der – wie der normale Kalender – in der nächsten Woche verteilt wird. Dort sind die 100 Straßen aufgelistet. Manchmal geht’s nur um ein einziges Grundstück. Rullkötter: »Wir haben uns bemüht, die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten.«

Kommentar von Moritz Winde

Nein, ein Gewinner-Thema ist es nicht, mit dem sich Verwaltung und SWK herumschlagen müssen. Wenn es um die Abholung des Mülls geht, können die Gemüter schnell erhitzen. Weshalb soll plötzlich nicht mehr gehen, was jahrzehntelang funktionierte? Warum soll ausgerechnet ich Tonnen und Säcke zur Sammelstelle schleppen?

Diese und ähnliche Fragen werden kommen, wenn der neue Sonderabfallkalender zur Jahreswende in Kraft tritt. Trotz monatelanger Planung der Touren wird es anfangs hier und da knirschen. Völlig normal. Doch bevor die Wellen der Empörung hochschlagen – allen wird man es bei dieser Komplexität ohnehin nicht recht machen können –, sollte eines bedacht werden: Die SWK macht all dies nicht, um die Bürger zu schikanieren. Es geht um nichts weniger als darum, Leben zu schützen.

Fakt ist: Rückwärtsfahren bleibt trotz technischen Fortschritts riskant – und tötet. Jedes Jahr sterben deutschlandweit zwei bis drei Menschen, weil sie unter die Räder eines tonnenschweren Müllfahrzeugs beim Zurücksetzen geraten. Die Gefahr für alle wird nun minimiert. Ein etwas höherer Aufwand beim Müllraustragen ist im Vergleich dazu doch eine Kleinigkeit.

Beim Vorwärtsfahren ist die Unfallgefahr deutlich geringer. Foto: Moritz Winde
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