Herforder Großdiskothek X investiert in neue Luftfilter – Geschäftsführer plädiert für moderate Öffnung

Wann geht die Party wieder los?

Herford (WB)

Seit einem Jahr und zwei Monaten herrscht zwangsweise Totentanz im X – und ein Ende ist nicht absehbar. Betriebsleiter Dirk Becker glaubt nicht an eine Öffnung in diesem Jahr. Doch aller Tristesse und wirtschaftlicher Unsicherheiten zum Trotz investiert die Großdiskothek mitten in der Pandemie.

Moritz Winde

Seit 14 Monaten gibt‘s im X kaum etwas zu tun: Betriebsleiter Dirk Becker und Ehefrau Tanja jobben an der Tankstelle – aus Langeweile und um das Kurzarbeitergeld aufzustocken. Foto: Moritz Winde

Denn obwohl die Stimmung momentan auf dem Nullpunkt ist, soll die Party an der Bünder Straße irgendwann wieder losgehen. Um auf einen Start vorbereitet zu sein, wird jeder Raum des fast 2000 Quadratmeter großen ehemaligen Fabrikgebäudes mit modernsten Lüftungsanlagen ausgestattet. Spezielle Luftreiniger sollen sämtliche Viren und Bakterien abtöten – und zwar nicht nur auf Flächen, sondern auch in der Luft. Kosten: an die 40.000 Euro.

Das X an der Bünder Straße: Hier konnten vor Corona zeitgleich 2400 Menschen feiern. Foto: Moritz Winde

„Es ist das neueste vom Neuen und wird derzeit in Krankenhäusern getestet“, sagt Geschäftsführer Kai-Uwe Nolte, der für eine langsame Wiederkehr zur Normalität plädiert. Schon jetzt spreche aus seiner Sicht nichts gegen eine moderate Öffnung der Disco. „Wir haben die entsprechenden Hygiene-Konzepte.“ Er sagt, er wolle Corona keineswegs verharmlosen – und weiß, wovon er redet: Im Dezember erkrankte er selbst an dem Virus. Noch heute habe er bei sportlicher Belastung Schmerzen in der Lunge.

Trotzdem hält Kai-Uwe Nolte ein schrittweises Wieder-Hochfahren – und dabei schließt er die Gastronomie ausdrücklich ein – für vertretbar und sogar dringend erforderlich. „Sonst fallen noch mehr Betriebe hinten rüber, als es ohnehin schon tun werden, wenn das Insolvenzrecht geändert wird.“

Zwar sei die Party-Sehnsucht bei vielen groß – „jeder möchte doch mal wieder gerne einen drauf machen“ –, an einen Boom nach Corona glaube er aber nicht so recht. „Die Leute sind vorsichtig. Und sie können nur das Geld ausgeben, das sie haben.“ Nach der behördlichen Schließung am 13. März 2020 waren von jetzt auf gleich etwa 60 Mini-Jobber ohne Verdienst, lediglich die sechs fest X-Angestellten bekommen Kurzarbeitergeld.

Die Main-Hall ist leer. Anfangs streamten Djs noch, doch das Angebot wurde schnell eingestellt. Foto: Moritz Winde

Zu ihnen gehören Betriebsleiter Dirk Becker und seine Ehefrau Tanja, die normalerweise an der Kasse sitzt und sich um den Einkauf kümmert. „Zu Beginn der Krise haben wir uns gefreut“, gibt der 59-Jährige zu. Man habe Zeit für Reisen und Ausflüge, Umzug und Renovierung, Westernfilme und Gesellschaftsspiele gehabt. Doch die anfängliche Euphorie sei längst verflogen, Resignation habe sich breit gemacht.

Sonst jeden Tag vor Ort, kommt er seit Langem nur noch zwei Mal die Woche, um nach der Post zu sehen. „Wir sind machtlos, können nichts beeinflussen“, sagt Dirk Becker, der schon zum X gehörte, als es noch Kick hieß. Der Engeraner ist studierter Bau-Ingenieur, hat aber nie wirklich in diesem Beruf gearbeitet. „Ich habe hier an der Theke angefangen und bin dann hängen geblieben. Diese Disco ist mein Baby.“

Nach zwei Schlaganfällen – „das Nachtleben zieht eben nicht in den hohlen Baum“ – hat der Betriebsleiter einen Gang runtergeschaltet, macht nur noch Tagdienst. Wenn es aber wieder losgeht, wolle er sich mitten ins Getümmel stürzen – so sehr vermisse er das Party-Volk.

Das waren noch Zeiten: Dicht gedrängt steht das Party-Volk bei einem Live-Auftritt zusammen – heute undenkbar. Foto: Moritz Winde
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