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Verkaufspläne für Brauerei liegen offenbar erst einmal auf Eis

Warsteiner startet „Herforder“-Offensive

Herford (WB). Die Herforder Brauerei wird verkauft oder mit einem neuen Partner vereint – das schien vor Ausbruch der Corona-Krise nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Am Montag, 162 Tage nach Beschluss des Lockdowns in Nordrhein-Westfalen, sucht der neue Warsteiner-Chef den Betrieb an der Bünder Straße auf – und verkündet auf einmal ganz andere Botschaften.

Stephan Rechlin

Warsteiner-Geschäftsführer und „Undercover-Boss“ Christian Gieselmann hat sich diesmal ohne Verkleidung zeigen lassen, wie man Großplakate an eine Werbetafel bekommt. Für die Marke „Herforder Pils“ kleistert der gebürtige Herforder gerne mit. Foto: Stephan Rechlin

Statt die Herforder Brauerei zu verkaufen soll die hier produzierte Marke „Herforder Pils“ weiter gestärkt werden. Die Warsteiner-Gruppe investiert einen hohen Betrag in eine langfristig ausgetüftelte Werbekampagne, die nicht wegen, sondern trotz der Corona-Krise am 7. September starten soll. Glaubwürdig, bodenständig, unaufgeregt, gastfreundlich und immer mit dem Schalk im Nacken – so wie tausende Konsumenten ihren Eindruck von der Marke beschrieben haben, so soll sie auch auf 18 großen Einzelplakaten, auf City-Light-Postern, an Bushaltestellen und digitalen Werbedisplays rüber kommen.

Der Boss als Praktikant

Es sind Eigenschaften, die sich der neue Geschäftsführer Christian Gieselmann (48) selbst zurechnen dürfte. Gieselmann ist in Herford aufgewachsen, hat am Friedrichs-Gymnasium sein Abi abgelegt, später die Süßwarenfirma seiner Familie geleitet, ist zur Unternehmensberatung Roland Berger gewechselt und hat in München erfahren, dass dort niemand „Herford“ kennt.

Nach einer längeren Zeit im Lieken-Vorstand wechselte Gieselmann als Finanzvorstand 2018 zur Warsteiner-Gruppe; im Januar 2019 übernahm er dort die Geschäftsführung. Als vom Fernsehsender RTL begleiteter „Undercover-Boss“ legte er verkleidet in der Rolle eines Praktikanten im eigenen Unternehmen einen filmreifen Start hin.

Doch prägender als das dürfte die persönliche Brauerei-Besichtigung mit dem ehemaligen Geschäftsführer Karl Fordemann gewesen sein, einem beeindruckenden, charismatischen Unternehmer. Gieselmann: „Unsere Familien kannten sich.“ In der „Herforder Wirtschaft“ am Fuße des Brauereihügels feierte Gieselmann 20 Jahre Abi-Jubiläum und mit seiner Familie die Taufe seines Patenkindes.

Regionale Verankerung

Plötzlich sind die Werbe-Engagements der Brauerei beim SC Herford, dem VfL Osnabrück, dem Herforder Eishockey-Club, dem SC Verl und TBV Lemgo keine Streich- und Sparpositionen mehr in einem noch vor anderthalb Jahren in Warstein kursierenden „Zukunftsprogramm“, sondern eine willkommene Vertiefung der regionalen Verankerung in einer 2,1 Millionen Menschen zählenden Region. Die persönliche Verbundenheit Gieselmanns zum Herforder Standort sollte jedoch keine Zweifel an seiner betriebswirtschaftlichen Entschlossenheit aufkeimen lassen – auch das familieneigene Unternehmen ist inzwischen verkauft.

Doch bevor Warsteiner die Herforder Brauerei aufgibt, dürfte Gieselmann erst noch ein paar Rettungsvarianten ausprobieren. Für das kommende Jahr kündigt er neue Etiketten und neue Produkte an. Das Lieblingsmotiv der Werbekampagne wird Gieselmann sicher bald einmal seinen Bekannten in München zeigen. Es zeigt das vom amerikanischen Architekten Frank O. Gehry entworfene Marta, aber nur als Silhouette im Hintergrund. Vorn im Bild reicht jemand eine knubbelige Flasche Herforder Pils herein und meint: „Von wegen wir haben keine Sehenswürdigkeiten.“

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