Neugegründeter Verein Himmelsfalter begleitet Familien in der letzten Lebensphase eines Angehörigen

Wenn Kinder trauern

Herford

Beim Blick zum Himmel bei schönem Wetter sind sich die Mädchen sicher: „Mama lässt die Sonne scheinen.“ Die bald dreijährigen Zwillinge haben vor wenigen Monaten ihre Mutter verloren. „Wir haben gemeinsam Abschied nehmen können“, sagt ihr Vater (48).

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Sie haben den Verein gegründet (v.l.): Susanne Dieckmann, Svenja Kelly, Hanna Kleine-Klatte, Silvia Erdmann, Käthe Schumacher, Lydia Bosch, Nanis Taha. Foto: Himmelsfalter

Begleitet haben sie dabei Nanis Taha und ihre Mitstreiterinnen. Die Herforder Internistin und Palliativmedizinerin hat mit anderen Frauen den Verein Himmelsfalter gegründet.

Er stellt sich der schweren Aufgabe, Kinder und Jugendliche in der Trauerphase zu stützen. „Das Besondere ist, dass wir bereits während der Erkrankung eines nahe stehenden Menschen damit beginnen“, erläutert Taha. Mit diesem Konzept sei der Verein in der Region einmalig.

Auslöser für die erst vor wenigen Tagen abgeschlossene Vereinsgründung war das Schicksal der Herforder Familie mit den Zwillingsmädchen. „Die Mutter war eine meiner Patientinnen“, erklärt Taha, die an der Heidestraße eine Praxis unterhält. Kurz nach dem ersten Geburtstag der Kinder habe sie bei der Frau einen Tumor diagnostiziert – der zum Tod der 38-Jährigen führen sollte.

Der schreckliche Befund habe das Leben der Familie auf den Kopf gestellt. Wie geht es weiter? Wie vermittelt man den Kindern, dass ihre Mutter sterben wird? Für einen Menschen, auch wenn er Mediziner ist, eine zu große Aufgabe. „Deshalb knüpfen wir mit dem Verein ein Netzwerk.“ Krankenpflegerinnen, Sozialpädagoginnen, medizinische Fachkräfte und Ärztinnen aus unterschiedlichen Bereichen und Institutionen machen mit (siehe Infokasten). So wurde es möglich, dass die 38-Jährige die letzten Wochen zu Hause im Kreis der Familie verbringen konnte.

„Meine Frau wollte unbedingt noch einmal mit den Kindern raus, einen Ausflug machen“, sagt der Vater der Zwillingsmädchen. Die Himmelsfalter-Gründerinnen ermöglichten dies in Begleitung von Rettungssanitätern. Die Familie fuhr zum Hof Pape nach Preußisch Oldendorf. Ein besonderer, für diesen Anlass passender Ort: Eigentümer Frank Pape hat in dem Bestseller „Gott, du kannst ein Arsch sein“ – verfilmt mit Til Schweiger und Heike Makatsch – die Geschichte seiner Tochter Stefanie erzählt, die mit 15 Jahren erfuhr, dass sie Krebs hat und kein Jahr später daran starb. „Es war noch mal ein sehr schöner Tag“, erinnert sich der Vater.

Damals entstand in Zusammenarbeit mit den Himmelsfalter-Aktiven auch eine Abschiedsdecke und die Mutter bastelte gemeinsam mit den Kindern Weihnachtsbaumschmuck. „Wir haben natürlich auch immer wieder über die Situation geredet und das, was kommen wird, angesprochen“, sagt Taha. Der Kontakt zur Familie besteht weiter: „Die Kinder malen immer noch Bilder für die Frauen“, erklärt ihr Papa.

Mittlerweile kümmert sich der Verein um zwei weitere Familien in Herford. „Und nächste Woche besuchen wir eine syrische Flüchtlingsfamilie. Die Mutter ist schwerstkrank. Das älteste der fünf Kinder ist erst neun“, sagt Susanne Dieckmann vom Vereinsvorstand, die sich schon lange in der Hospizbewegung engagiert.

„Es geht darum, die Familien aufzufangen. Die Kinder sollen in dieser schweren Zeit Kind bleiben können“, ergänzt Vorstandsmitglied Svenja Kelly, von Beruf medizinische Fachangestellte.

Vereinsvorsitzende Taha weiß aber auch: „Kinder begreifen eigentlich erst mit etwa zwölf Jahren, dass der Tod endgültig ist.“ Und Erwachsene hätten oft Schwierigkeiten, das Verhalten eines Kindes zu verstehen, weil Kinder ihre Trauer häufig anders ausdrückten, gerade in der Pubertät. Deshalb sollen langfristig Kindertrauerbegleiterinnen und eventuell in Kooperation mit dem Kinderschutzbund Familienpatinnen ausgebildet werden.

Ach ja, warum eigentlich der Name Himmelsfalter? „Wir fanden die Assoziation der Verwandlung einer Raupe zum Schmetterling passend: Auch wenn ein Mensch uns verlässt, lebt er in uns weiter.“

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