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Lucas Heumann nimmt Abschied von der Möbelbranche – Bilanz „durchwachsen“

„Wie immer vor der Messe kribbelt es“

Herford (WB). Nach der IMM ist für Lucas Heumann Schluss. Das Resumé fällt für den langjährigen Geschäftsführer der Küchen- und Wohnmöbelindustrie sowie weiterer Verbände in Herford, insgesamt positiv, hin und wieder aber auch „durchwachsen“ aus. Mit Heumann sprach Bernhard Hertlein.

Der Jurist Lucas Heumann, seit 1983 in der Möbelbranche und seit 1996 Chef der Verbände der Holz- und Möbelindustrie in Herford, geht Ende Januar in den Ruhestand. Foto: Moritz Winde

Am kommenden Montag beginnt die internationale Möbelmesse IMM Cologne – die vermutlich letzte, die sie in „offizieller Funktion“ besuchen werden. Kribbelt es da noch vor Spannung – oder überwiegt die Nostalgie?

Lucas Heumann: Auch 37 Jahre nach meinem ersten Besuch auf der Kölner Möbelmesse kribbelt es – diesmal sogar besonders. In dem harten Wettbewerb, in dem die Möbelbranche steckt, muss man sich als Hersteller von der Masse abheben. Das geht nirgendwo besser als auf einer Messe, wo sich die Produzenten direkt mit den Konkurrenten messen und gemessen werden. Beste Gelegenheiten bieten dafür national die regionalen Hausausstellungen im Herbst und international die Kölner Möbelmesse.

Die Küchenhersteller haben sich besser als andere Segmente der Möbelbranche entwickelt. Was ist das Erfolgsrezept?

Heumann: In diesem Fall führen mehrere Weg zum Erfolg. Jede Küche, so unterschiedlich sie auch ist, besteht zum großen Teil aus Schrankteilen. Diese können auf den modernen Anlagen der heimischen Küchenmöbelindustrie hoch automatisiert hergestellt werden. Dadurch kann die Lohnquote bei Küchen auf unter zehn Prozent sinken. Das ist einmalig in der Branche. Zugleich sind die baulichen Voraussetzungen und die individuellen Wünsche so unterschiedlich, dass sich kaum zwei fast komplett gleiche Küchen finden. Nicht zuletzt sorgen eine gute Fachberatung und der enge Kontakt zwischen Handel und Hersteller für Vertrauen und gute Umsätze. Das schützt insgesamt den inländischen Markt und führt dazu, dass heute weniger als drei Prozent der in Deutschland verkauften Küchen aus dem Ausland kommen.

Das Gleiche müsste aber auch für ausländische Hersteller in ihren Heimatmärkten gelten. Trotzdem ist die Exportquote mit mehr als 40 Prozent die höchste der Möbelbranche...

Heumann: Und das mit großem Abstand. Möglich ist dies, weil die deutschen Küchenhersteller nicht nur hinsichtlich technischer Qualität, sondern auch Design, Service und Lieferzuverlässigkeit einen guten Ruf haben. „Made in Germany“ ist hier noch echter Qualitätsausweis.

Dagegen ging es mit der Polstermöbelindustrie immer weiter bergab. Liegt das ausschließlich an den niedrigeren Lohnkosten in Polen und China?

Heumann: Bergab ging es mit Teilen der heimischen Produktion, aber nicht mit der Branche an sich. Zur Globalisierung gehört, dass die Produktion sich international den günstigsten Standort sucht. Angesichts des hohen Personalkostenanteils von 60 Prozent in der Polstermöbelindustrie haben Länder wie Polen und China natürlich große Vorteile. Firmen wie Polipol (früher Rahden, heute Diepenau) und 3D (Rheda-Wiedenbrück) profitieren davon, dass sie ihre Produktion zum großen Teil verlagerten. So sicherten sie viele Jobs in Entwicklung, Verwaltung und Vertrieb in Deutschland und ihre gute Wettbewerbssituation.

Italien, vor zwölf Jahren noch der weltweit größte Möbelproduzent, ist mittlerweile weltweit auf Platz 4 abgerutscht. Droht Deutschland, derzeit Nummer 2, das Gleiche?

Heumann: In Segmenten mit einer Lohnquote von 30 bis 40 Prozent lässt sich das im niedrig- und mittelpreisigen Bereich kaum verhindern. Soviel können und sollen die Tarifgehälter gar nicht sinken, damit sich eine heimische Produktion noch rechnet. Die Einkaufspolitik im Möbelhandel fördert die Verlagerung ins Ausland noch. Um die Hersteller in Preisverhandlungen gegeneinander ausspielen zu können, legen die Verbände großen Wert auf Vergleichbarkeit der Produkte. Folge: Wer heute als Verbraucher das Besondere sucht, muss dafür schon einiges an Zeit und Geld aufwenden. Oder er wird gar nicht erst fündig...

Mit Ihnen hat sich Herford nicht nur im Küchenbereich zu einem Verbandszentrum der deutschen Möbelindustrie entwickelt. Wird das so bleiben?

Heumann: Der Standort Herford wurde sogar gestärkt, in dem hier nun auch eine Geschäftsstelle des Verbandes der deutschen Möbelindustrie ist. Zudem kam im Zuge der Neugliederung Expertenwissen etwa im technischen Bereich nach Herford.

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