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Debatte über Schul-Digitalisierung in Herford

Wie werden 2000 Geräte verteilt?

Herford (WB). Wie sehr das Corona-Virus das Schulleben in den vergangenen Wochen durcheinander gewirbelt hat, wird an zwei Pressemitteilungen der Stadt deutlich. Noch Mitte Februar wurde aus dem Rathaus stolz verkündet, die Stadt Herford werde bis 2024 die Zahl der Computer an Schulen von 1200 auf 1800 aufstocken. Die zwischenzeitlichen Schulschließungen in der Corona-Krise führen nun dazu, dass der Stadtrat Anfang Juni beschließen wird, dass 2000 zusätzliche mobile Endgeräte angeschafft werden.

Ralf Meistes

Die Stadt Herford will mehr Schüler mit Tablets ausstatten. Foto: dpa

Was Mitte Februar als wichtiger Schritt in Richtung Digitalisierung an Schulen verkauft wurde, erweist sich heute schon als kalter Kaffee. Der von der Stadt erarbeitete Medienentwicklungsplan „basiert auf der grundlegenden Annahme, schulischer Unterricht findet im Schulgebäude statt“, schreibt der von der Stadt engagierte Medienplaner Wolfgang Richter (Büro Dr. Garbe, Lexis & Berlepsch, Halle/Westfalen). Diese Annahme werde zukünftig eher eingeschränkt gelten. Mit anderen Worten: Alle Beteiligten stellen sich darauf ein, dass es für die Schüler nur wenige Stunden in der Woche in der Schule gibt und der Unterricht ansonsten zu Hause stattfindet.

Die Stadt Herford plant, die 2000 zusätzlichen Geräte zu leasen. Sollten die Finanzmittel durch ein Corona-Schutzpaket vom Land abgedeckt sein, wäre auch ein Kauf möglich.

„30 Prozent haben zu Hause keinen Computer“

Die reine Anschaffung löst allerdings nicht alle Probleme, sondern sie wirft auch neue Fragen auf. Beispielsweise: Wie werden die neuen Endgeräte verteilt. Die Kommunalpolitiker im Schulausschuss haben bereits deutlich gemacht. „Wir müssen uns zunächst auf die konzentrieren, bei denen es zu Hause keinen Computer gibt“, sagte Wolfgang Rußkamp (CDU).

Dass das in Herford nicht wenige sind, machte Karsten Heumann, Schulleiter an der Otto-Hahn-Realschule (OHS) deutlich. „Ich schätze, dass es an unserer Schule etwa 30 Prozent der Schüler sind, die über keinen Computer zu Hause verfügen.“ Die Nutzung eines Smartphones, so die Rückmeldung aus den Schulen, eigene sich nicht als „Lerngerät“. Die Verteilung der Endgeräte an die Schüler, deren Eltern einen Nutzungsvertrag abschließen müssen, wird voraussichtlich über die Schulen laufen. „Die Schulen kennen am Besten die Bedarfe“, heißt es.

Die Stadt will in den kommenden Monaten auch die Breitbandversorgung sowie den W-Lan-Ausbau forcieren. Zudem sollen zwei IT-Experten eingestellt werden, die für den Support an den Schulen sorgen und ein Koordinator, der den Medienentwicklungsplan und den Digitalpakt umsetzen wird.

Rechnerisch 2,5 Schüler pro Gerät

OHS-Schulleiter Heumann machte zugleich deutlich, dass nicht alle Haushalte über eine Internetverbindung verfügen. Deshalb sollen laut Kai Wilkening vom Schulamt der Stadt etliche mobile Geräte mit einer Sim-Karte ausgestattet werden. „Das könnte natürlich Probleme geben, wenn man etwas hochladen möchte. So umwerfend ist die Lösung dann nicht“, warf Ausschuss-Vorsitzender Hans-Jürgen Rühl (SPD) ein. Beigeordnete Birgit Froese-Kindermann betonte, man werde die Geräte so ausstatten, dass das funktioniert.

Mit der Anschaffung der 2000 Endgeräte erreicht die Stadt nun eine Abdeckung von 2,5 Schülern pro Gerät. Klar ist aber auch, die Stadt wird nicht für alle 7400 Schülerinnen und Schüler ein Laptop und Tablet kaufen können. Deshalb müssten Eltern auch beraten werden, eigene Geräte anzuschaffen, die von den Schülern dann genutzt werden können. Selbstverständlich gibt es in vielen Haushalten mittlerweile einen Computer. Zum Teil werden die Geräte aber von den Eltern in Corona-Zeiten für Home-Office genutzt.

Medienplaner Richter aus Halle stellt in seinen Anmerkungen noch eine Frage, die auf die Zukunft von Schule gerichtet ist: „Wenn klar ist, dass Unterrichtsmaterialien auch dezentral und dauerhaft verfügbar sein können, warum sollte man dann zu nur temporärer Verfügbarkeit nur im Umfeld des Schulgebäudes zurückkehren?“ Wie wichtig allerdings der direkte Austausch zwischen Schülern und Lehrern ist, haben beide Seiten in den vergangenen Wochen deutlich gemacht.

CDU sieht Mängel bei Digitalisierung

Für die Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern werden derzeit zwei pädagogische Oberflächen getestet. Am Ende, so betont Froese-Kindermann, wolle man sich auf ein System verständigen. Über die digitale Oberfläche sind Stundenpläne aufrufbar, in Chats wird miteinander kommuniziert, es werden Aufgaben von Lehrern hochgeladen und die erledigten Hausaufgaben von Schülern in Abgabeordner gestellt. „Was derzeit noch fehlt, sind Videokonferenzen“, sagte Rita Klötzer, Schulleiterin am Ravensberger Gymnasium. In puncto Homeschooling müssten auch einige Lehrer noch geschult werden. An jeder Schule gibt es einen Medienbeauftragten, der sich auch um kleine technische Probleme kümmern soll, damit mit nicht immer ein Fachmann in die Schule kommen muss.

Birgit Froese-Kindermann betonte, sie habe Hochachtung für das, was in den vergangenen Wochen an Schulen in Bezug auf den digitalen Unterricht geleistet worden sei. Die Beigeordnete musste sich allerdings auch Kritik gefallen lassen. Wolfgang Rußkamp (CDU) zitierte aus einer Stellungnahme der Schulleiter der Gymnasien und der Gesamtschule. In den Schreiben vom September heißt es, dass das Engagement der Stadt im Bereich der Digitalisierung eher rückläufig sei. Er selbst habe von Medienbeauftragten der Schulen erfahren, dass sie seit zwei Jahren Konzepte schreiben, „ohne dass dies zu Erfolg geführt hat. Das lag auch an der Herforder Stadtverwaltung“, sagte Rußkamp.

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