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Herfords neuestes Restaurant ist startklar, wird jedoch vom Lockdown ausgebremst

Willkommen im Wohnzimmer!

Herford (WB)

Grimms Märchen auf dem stillen Örtchen, nostalgische Telefone an den Tischen und skurrile, großformatige Bilder an den Wänden: Herfords neuestes Restaurant ist in vielerlei Hinsicht besonders. Willkommen im Wohnzimmer!

Moritz Winde

Künstler Rolf Ohst bringt das letzte der 23 fürs Wohnzimmer gemalten Bilder persönlich nach Herford. Foto: Moritz Winde

Eigentlich sollten bereits am 26. November die ersten ostwestfälischen Tapas serviert werden. Die Neugier auf die gute Stube am Ufer der Aa war riesig. Alle 230 Plätze waren ruckzuck reserviert. Doch der Lockdown ließ die Eröffnung platzen. Aufgeschoben ist ja aber nicht aufgehoben: „Sobald wir dürfen, geht‘s los“, verspricht Betriebsleiter Simon Klocke. Der 35-Jährige ist ein alter Bekannter, er schmiss bereits den Vorgängerladen.

Vom Schiller beziehungsweise Nil ist kaum etwas geblieben. Nur der Grundriss ist nahezu unverändert. Die Komplettsanierung wurde trotz einiger Überraschungen zügig durchgezogen, gerade einmal 16 Monate betrug die Bauzeit. Die Höhe der Investitionssumme nennt Lars Uhlen, geschäftsführender Gesellschafter, nicht. Nur so viel: „Es waren mehrere Millionen.“

Der Bonitas-Gründer hat Spaß daran, historischen Immobilien neues Leben einzuhauchen. Ist der 52-Jährige erst einmal von einem Projekt überzeugt, steckt er nicht nur viel Geld, sondern auch jede Menge Herzblut hinein. So ließ er den markanten, stadtbildprägenden Turm inklusive Glockengeläut detailgetreu rekonstruieren.

Doch nicht nur von außen – die Fassade kann im Dunkeln illuminiert werden – macht das Haus zwischen Marta und Wilhelmsplatz was her. Beim Betreten des Lokals – natürlich auf Echtholz-Parkett – stellt sich Behaglichkeit ein. In einem der schweren Ledersessel möchte man am liebsten mit einem Glas Wein versinken und die Seele baumeln lassen. Die beiden Kamine sorgen für wohlige Wärme.

Sofort fallen die ungewöhnlichen Porträts an den Wänden auf. Ob Narzisst Peter, Fürstin Renate oder Kampfsportler Max: Die Bilder zeigen die unterschiedlichsten Typen, vor ihnen steht auf dem Tisch ihr Lieblingsgericht.

Die Arbeiten der Reihe „Good Morning“ stammen vom Lübecker Künstler Rolf Ohst und sind speziell fürs Wohnzimmer entstanden. „Die Leute kamen zu mir ins Atelier nach Travemünde. Dort haben wir sie in Szene gesetzt und fotografiert. Das habe ich dann abgemalt“, sagt der 68-Jährige. So entstanden 23 beeindruckende Werke. Kaum zu glauben, dass es sich um Ölgemälde handelt – so realistisch ist das Gemalte.

32 der 52 Tische – sie sind in unterschiedlichen Farben gruppiert – verfügen über ein Telefon im Retro-Stil. Mit ihnen kann man aber nicht den Kellner rufen, sondern andere Gäste kontaktieren. „Wir sind kein Kuppel-Restaurant, sondern ein Ort der Begegnungen“, stellt Lars Uhlen klar. Die Fernsprecher bimmeln übrigens nicht, sondern blinken. Und wer gar nicht gestört werden möchte, zieht einfach den Stecker.

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal sind die Toiletten. Dort bekommt man was auf die Ohren – allerdings keine Musik. In den schalldichten Kabinen erklingen die bekanntesten Märchen der Gebrüder Grimm. So kann man, während Frau Holle die Kissen ausschüttelt, sein Geschäft erledigen.

Natürlich gibt‘s neben dieser Kuriositäten auch zu essen und zu trinken im Wohnzimmer. Dabei legen die Macher Wert darauf, kein Etepetete-Laden zu sein. „Faire Preise bedeuten nicht teures Essen. Unser Anspruch ist es, für eine große Mehrheit ein entsprechendes Angebot zu schaffen“, heißt es auf der Internetseite.

Die mehr als 20 Leckerbissen – so werden die kleinen Appetithäppchen genannt – kosten zwischen vier und neun Euro. Zudem gibt es fünf wechselnde Tagesgerichte. Überwiegend sollen regionale Zutaten verwendet werden.

Im Wohnzimmer haben 40 Menschen einen Job gefunden. Eine von ihnen ist Ninprapha Lippert. Die 56-Jährige hat eine besondere Beziehung zu diesem Ort. „Mein Mann Bernd hat 1967 genau hier mit Jimi Hendrix an der Bar gesessen. Damals hieß es noch Tamburin.“ Zuvor hatten die Musiker im Jaguar-Club gespielt.

Apropos Live-Musik: Auch die soll es im Wohnzimmer geben. Doch bevor ausgelassen getanzt werden kann, muss erst einmal der Lockdown beendet sein.

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