Hermann Meinhold stellt lebensgroße Skulptur seines Urgroßvaters Hermann Meyer-Lippinghausen auf Sokratherm-Balkon

Der Schöpfer des Margarinen-Dorfes

Hiddenhausen

„Den kenn‘ ich doch“, denkt sich Ulrike Bleimund von der Hiddenhauser Gemeindeverwaltung, als sie am Neubau der Firma Sokratherm an der Bünder Straße vorbeifährt. Auf dem Balkon im zweiten Obergeschoss sieht sie Hermann Meyer-Lippinghausen, den Gründer der ehemaligen Margarinefabrik. Es handelt sich um eine lebensgroße und sehr lebensecht gestaltete Figur der bekannten Bildhauerin Christel Lechner.

Sonja Töbing

Die Hermann Meyer-Lippinghausen nachempfundene Figur blickt vom Balkon der Firma Sokratherm auf das heutige Tankstellen-Gelände, auf dem sich bis 1984 die Gebäude der Margarine- und Raffinationswerke H. Meyer-Lippinghausen KG befanden. Foto: Sonja Töbing/privat

„Ich habe die Skulptur meines Urgroßvaters in Auftrag gegeben, zur Erinnerung an sein Lebenswerk und aus Dankbarkeit, dass ich in sein ehemaliges Bauernhaus einziehen durfte und so die Möglichkeit hatte, vor 40 Jahren in einer alten Feldscheune meine Firma Sokratherm zu gründen“, erzählt Hermann Meinhold.

Der Standort auf dem Balkon sei bewusst gewählt worden: „Die Figur blickt auf das heutige Tankstellen-Gelände, auf dem sich bis 1984 die Gebäude der Margarine- und Raffinationswerke H. Meyer-Lippinghausen KG befanden“, sagt der Urenkel des 1926 gestorbenen Fabrikbesitzers.

Historische Fotos aus dem umfangreichen Familienarchiv zeigen das Unternehmen zu seiner Blütezeit – einer Zeit, in der Lippinghausen zum wohl bekanntesten „Margarine-Dorf“ Deutschlands avancierte. 1894 errichtet, wurde in den Fabrikhallen die sogenannte „Ersatzbutter“ hergestellt und vor allem in Sachsen, Thüringen, Schlesien, Brandenburg und Berlin vertrieben. „Die eigene Werksbahn fuhr aus dem Füllenbruch kommend direkt neben dem Büroneubau her“, berichtet Hermann Meinhold.

Nach dem Zweiten Weltkrieg brachen die Absatzgebiete im Osten weg, die Umsätze gingen zurück. Und so musste das Lebenswerk von Hermann Meyer-Lippinghausen, der sich immer stark für seinen geliebten Ortsteil eingesetzt hatte, 1969 an einen belgischen Konzern verkauft werden. Nur drei Jahre später wurde der Betrieb komplett eingestellt.

Das schwärzeste Kapitel der Firmengeschichte wurde 1984 aufgeschlagen. „Als von der NRW-Denkmalbehörde die Frage aufkam, ob das Kontorgebäude denkmalwürdig sei, veranlasste der Eigentümer einen bis heute umstrittenen Dringlichkeitsbeschluss zum sofortigen Abriss wegen angeblicher Baufälligkeit“, erinnert sich Meinhold noch heute an die skandalträchtige Entscheidung.

Ohne die Begutachtung durch die Denkmalbehörde abzuwarten, ließ der Besitzer sofort die Bagger anrollen, um vollendete Tatsachen zu schaffen. Trotz des Engagements der damals gegründeten Bürgerinitiative verliefen alle Rettungsversuche erfolglos, ein Stück Lippinghausener Geschichte wurde innerhalb kürzester Zeit für immer zerstört. Meinhold: „Insofern soll die Figur meines Urgroßvaters auch als Mahnung dienen. Damit es nie wieder heißt: Eine Dorf reißt seine Geschichte ab.“

Wer also an dem neuen Sokratherm-Firmensitz an der Bünder Straße entlangfährt, sollte einen Blick zum Balkon hinauf wagen. Denn dort steht der Mann, der Lippinghausen einst groß gemacht hat – der einstige Kleinbauer und spätere Großunternehmer Hermann Meyer-Lippinghausen.

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