Justizminister Peter Biesenbach startet digitales Pilotprojekt in der Justizvollzugsanstalt Herford

Im Knast steht jetzt ein Terminal

Herford

Der edelstahleingefasste 24-Zoll-Touchscreen in Ebene eins der Justizvollzugsanstalt Herford sieht aus wie der Buchungsterminal im Hauptbahnhof. Doch mit ihm kommen die inhaftierten Jugendstraftäter nicht hinaus in die weite Welt – jedenfalls nicht auf direktem Weg.

Von Stephan Rechlin

Der in Herford inhaftierte Marvi Bethea (links) erklärt Justizminister Peter Biesenbach, wie der Terminal auf Ebene eins der Haftanstalt funktioniert. Foto: Stephan Rechlin

Auf ihm aber lernen sie immerhin, ihre persönlichen Dinge digital zu erledigen. Sie können ein Blick in ihre Lohnabrechnung werfen, sie mit den von ihnen zu zahlenden Haftkosten abgleichen, können ihre Kontoauszüge und Freistellungskontingente prüfen und werden auf noch ausstehende Buchungen hingewiesen. Später werden noch Möglichkeiten hinzuprogrammiert, Urlaub, Taschengeld und Besuche zu beantragen oder Einkaufswünsche online zu bestellen – das alles passiert bisher analog auf Antragsformularen, die anschließend digital erfasst werden.

Die am Knastterminal erlernten Techniken seien nach der Haft von hohem Nutzen, betont NRW-Justizminister Peter Biesenbach in Herford: „Ein Klempner berechnet einen Kostenvoranschlag ausschließlich am Computer. Jeder Handwerksbetrieb fordert seine Auszubildenden auf, ihre Ausbildungsunterlagen digital zu führen. Derzeit müssen die bei uns inhaftierten Insassen dabei passen.“ Für die Anstalt wiederum bedeute das interaktive Kiosksystem eine hohe Arbeitsentlastung. Leiter Friedrich Waldmann: „Die bisherige Antragspraxis verursacht eine Papierflut und bindet viele Arbeitskräfte.“

Alles selbst gemacht

Die Wandhalterungen der insgesamt drei Terminals, die Elektroverkabelungen, die Maurerarbeiten – alles hätten die in handwerklichen Fachbereichen beschäftigten Insassen selbst gefertigt und damit die Herstellungskosten gedrückt. Über das Betriebssystem Linux hätten sie einen datenschutzsicheren Zugang zum Hausserver, nicht aber ins Internet. Stefan Fischer aus der Technik der Haftanstalt: „Ich habe einige verrückte Dinge mit dem Programm angestellt und bin mir ziemlich sicher, dass damit kein Missbrauch getrieben werden kann.“

Am liebsten, daran lassen die jungen Inhaftierten keinen Zweifel aufkommen, wäre es ihnen, wenn sie ihre Handys zumindest zeitweise wiederbekommen würden. Doch da beißen sie sowohl beim Minister als auch beim Anstaltsleiter auf Granit: „Dabei können wir Missbrauch nicht ausschließen. Das sind Erfahrungen, die damit in ganz Europa gesammelt wurden.“

Tablets für alle JVAs

Immerhin plant das Ministerium, sämtliche Justizvollzugsanstalten im Land mit Tablets auszustatten. Doch wie in den Schulen würden dazu zunächst Konzepte benötigt, welche Anwendungen tatsächlich gut auf ein Leben nach dem Knast vorbereiten. Biesenbach: „Da sind jetzt Pädagogen gefragt.“

SPD-Landtagsabgeordnete und JVA-Beirats-Mitglied Angela Lück bezeichnet das digitale Pilotprojekt als „Sahnehäubchen“ auf den Berufswegen von Friedrich Waldmann und seinem Stellvertreter Heinz-Herbert Droste. Beide gehen zum Jahresende in den Ruhestand.

Startseite