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Bewegende musikalische Lesung bei Poetischen Quellen auf Aqua Magica

Eine ganz besondere Offenbarung

Löhne/Bad Oeynhausen  (WB). Im Rahmen einer musikalischen Lesung hat der Schauspieler Rolf Becker am Samstagabend im Literaturzelt der Poetischen Quellen auf der Aqua Magica zwei bekannte literarische Werke miteinander verknüpft: das große biblische Weltuntergangs-Szenario des Johannes mit zeitkritischen Versen des italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini zu dessen Projektfilm „Der Zorn“.

Gabriela Peschke

Der bekannte Schauspieler und Synchronsprecher Rolf Becker (links) erweckt die gelesenen Passagen zum Leben. Der Instrumentalist Jan Schulte-Bunert begleitet die Lesung auf dem Saxophon mit eindrucksvollen musikalischen Sequenzen. Foto: Gabriela Peschke

Begleitet wurde das besondere literarische Ereignis von Jan Schulte-Bunert auf verschiedenen Saxophonen. Dabei gelang es dem Instrumentalisten, auf eindrucksvolle Weise die Stimmung und atmosphärische Dichte der Texte musikalisch abzubilden.

Wie in den Jahren zuvor, konnte Rolf Becker auch diesmal wieder die Zuhörer vom ersten Satz an in den Bann seiner Sprachgestaltung ziehen. Mit schauernder Stimme trug er Passagen aus der „Offenbarung“ des Johannes vor, unterstrichen von lebhafter Gestik. Denn die Apokalypse, diese düstere Prophezeiung vom Ende der Welt und dem großen Gericht Gottes, sie entwirft in bedrohlichen Sprachbildern ein Szenario, dessen Sog man sich kaum entziehen konnte.

Die Zuhörer erfuhren zunächst, dass der historische Autor Johannes seine Visionen an sieben Gemeinden in Kleinasien versandt hatte, vermutlich um sie im Glauben an das Gute zu bekräftigen. „Ich bin das Alpha und das Omega. Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige“, zitierte Rolf Becker dann auch das Versprechen Christi an die Gläubigen.

Diabolische Visionen

Jedoch flammten hernach die diabolischen Visionen der schlechten, vom „Teufel“ verführten Welt auf. Da war zunächst die Rede vom „Buch mit den sieben Siegeln“, das nur vom Lamm geöffnet werden kann. Und als der Autor Johannes „einen Ruf wie von Donnerhall“ vernimmt, donnerte die Stimme von Rolf Becker so markant auf die Zuhörer ein, dass man schaudern mochte.

Die verklärten Bilder von Engeln und Posaunen, vom diabolischen Tier oder von der „Hure Babylon“ als Sinnbild für Verwahrlosung, Becker hat sie mit fiebriger Eindringlichkeit vor das Publikum gestellt. All das gruselige Geschehen dieses prophetischen Buchs aus dem Neuen Testament verfolgt dabei ein klares Ziel: Es will Mahnung sein vor Selbstgerechtigkeit, Hochmut und menschlicher Anmaßung, so sieht es die theologische Auslegung.

Zwischendurch Musik

In kurzen Unterbrechungen, musikalisch einfühlsam gestaltet von Jan Schulte-Bunert, entstand Raum zur Reflektion über das Gehörte: So alt diese biblische Schrift auch sein mag, birgt sie nicht auch einen Fingerzeig auf das Jetzt und Hier? Auf desaströse gesellschaftliche und politische Umstände in der Welt, die zum Einschreiten aufrufen?

Im zweiten Teil der musikalischen Lesung wandte sich Rolf Becker den Skripten zu, die der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini für seinen 1963 erschienenen Film „Der Zorn“ verfasst hatte. Dieser Film, eine Montage aus vorhandenem Wochenschau-Material, wurde von Pasolini selbst zeitkritisch kommentiert.

Auch hier hob Becker erschütternde Themen wie Krieg, die Verwahrlosung der Armen oder die Gier des Kolonialismus beispielhaft aus den Schriften des italienischen Intellektuellen hervor. Und es klang wie eine zeitlose literarische Anklage, als Rolf Becker mit bebender Stimme zitierte: „Das Leben ist wie ein Monument von Erde und Blut.“

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