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Der Löhner Felix Rosentreter und seine sechs Rolli-Freunde haben einen großen Traum

Sie war’n noch niemals in New York

Löhne-Melbergen (WB). Felix Rosentreter aus Löhne-Melbergen und seine sechs Freunde (20 bis 29 Jahre alt) haben einen gemeinsamen Traum. Die Rolli-Fahrer, die allesamt an unterschiedlichen Typen von Muskelschwund erkrankt sind, wollen im Mai 2020 zusammen nach New York fliegen. Für manchen von ihnen könnte das die letzte Reise sein. Denn Muskeldystrophie Typ Duchenne endet tödlich, weil die Muskeln irgendwann keine Kraft mehr haben – das Herz hört auf zu schlagen.

Dominik Rose

Felix Rosentreter (21) aus Löhne-Melbergen und die ehrenamtliche Organisatorin Sabrina Raschke zeigen den Flyer zur geplanten Reise „New York 2020“. Foto: Dominik Rose

Felix Rosentreter ist 21 Jahre alt. Er selbst leidet zwar nicht an der schlimmsten Form von Muskelschwund, dennoch ist er mit seiner Erkrankungsform, der heriditären spastischen Paraplegie, im Alltag eingeschränkt. Längere Strecken kann er nicht zu Fuß gehen, dann braucht er immer seinen Rollstuhl.

Zwei Operationen

Der Löhner wuchs ganz normal auf. Doch im Kindergartenalter machte sich die Spastik erstmals bemerkbar. „Er zog auf einmal das linke Beim immer nach“, erinnert sich Vater Andreas Rosentreter (52). Ärzte diagnostizierten die Erkrankung. Die Folge: Felix Rosentreter hatte einen Spitzfußgang und „lief wie eine Ballerina“, erzählt der Vater. Die Folge waren unter anderem zwei Operationen (2010 und 2012), bei denen die Achillessehnen verlängert werden mussten. „Danach musste ich jeweils wieder das Laufen komplett neu lernen“, sagt der 21-Jährige.

Zur Reha kam er zu den Spezialisten in die Weserberglandklinik in Höxter. Seit 2008 ist Rosentreter dort jedes Jahr für mehrere Wochen zur Behandlung. Dort lernte er auch viele andere junge Menschen mit Muskelschwunderkrankungen kennen und schätzen. „Ich habe dort Freundschaften geschlossen“, sagt der Löhner. Doch einige von ihnen leiden an der heftigsten Form der Erkrankung – allein sieben Freunde sind in den vergangenen Jahren gestorben. Die meisten waren noch sehr jung. Bei ihnen versagte letztlich die Atmung.

„Wir sind eine tolle Gemeinschaft“

„Wir sind eine tolle Gemeinschaft. Die Leute wissen genau, was mit ihnen los ist, gehen aber wie selbstverständlich damit um – auch mit dem Thema Tod. Sie lassen sich nicht die Laune vermiesen, sondern sind total positiv, lebensfroh“, berichtet Felix Rosentreter. Doch der Tod kann nicht ausgeblendet werden. „Wenn ich die Nachricht erhalte, dass wieder jemand gestorben ist, dann habe ich damit immer echt zu knacken“, sagt der Löhner.

Das war beim Treffen der Gruppe (Felix Rosentreter: „Wir sind sechs Jungs und ein Mädel.“) in diesem Sommer auch der Anlass, um sich über Lebenswünsche zu unterhalten. Rosentreters Freund Alexander Gluzinski (25) war da ganz klar: „Mein größter Traum ist es, bevor mein Leben ein Ende nimmt, einmal nach Amerika zu fliegen und New York zu erleben!“ – und zwar mit seinen Freunden aus der Reha. Die anderen waren begeistert, machten sofort erste Reisepläne.

Teurer Transport

Doch allein schon der Transport der Geräte (High-Tech-Rollstühle, Lifter, Beatmungsgeräte) ist für den Einzelnen unbezahlbar. Viele Familien sind wegen der hohen Kosten für Behandlungen, Material und behindertengerechte Umbauten in den eigenen vier Wänden nicht auf Rosen gebettet. Sollte der Traum also schnell zerplatzt sein? Nein.

Sabrina Raschke lernte die Gruppe über einen ihrer Patienten, der in Höxter zur Reha war, in diesem Jahr kennen. Die 30-Jährige aus Hamm ist Pflegefachkraft für außerklinische Beatmung. Vom Zusammenhalt und dem Ideenreichtum der Freunde, aber vor allem auch von ihrem gemeinsamen Wunsch, einmal im Leben zusammen nach New York zu reisen, war sie vom Fleck weg begeistert: „Ich bin ein Herzensmensch. Und diese Sache habe ich zu meiner Herzensangelegenheit gemacht!“

Sie entwickelte ehrenamtlich das Spendenprojekt “New York 2020“ mit dem Untertitel „Rollis on Tour: sieben Freunde, ein Schicksal, ein Traum“. Raschke plante, organisierte, telefonierte – und stellte fest, dass die Durchführung der Reise für die Erkankten und die sieben Begleitpersonen 80.000 Euro kosten wird. „Eine Wahnsinnssumme“, gibt Raschke zu. Die Kosten ergeben sich vor allem aus dem teuren Transport von Menschen und Material (etwa eine Bulliladung pro Teilnehmer), aber auch aus den Bedürfnissen vor Ort (behindertengerechtes Hotel mit entsprechenden Betten und Einrichtungen). Nicht jede Fluggesellschaft bietet solch eine Reise überhaupt an. Mittlerweile sei das Projekt aber auf einem guten Weg.

Schon 46.000 Euro auf dem Konto

Raschke sagt: „Das Spendenkonto ist am 18. November eröffnet worden. Bis zum 20. Dezember sind schon 46.000 Euro darauf eingegangen. Das ist unglaublich!“ Sie ist zuversichtlich, dass die Reise vom 21. Mai bis zum 2. Juni stattfindet. Voraussetzung dafür ist, dass die Kosten gedeckt sind. „Ansonsten verschieben wir die Reise. Aber sie wird definitiv durchgeführt“, betont die 30-Jährige.

Felix Rosentreter freut sich sehr darauf. Der Verwaltungsfachangestellte im Fachbereich Finanzen bei der Stadt Löhne ist selbst zwar schon mehrfach (auch mit dem Flugzeug) gereist, war jedoch noch nie in den USA. „Meine Kollegen sind super und haben viel Verständnis für mich und für das Projekt. Sie haben sofort gesagt: ‚Du fliegst da auf jeden Fall mit!‘ Das ist eine ganz tolle Unterstützung“, sagt der 21-Jährige.

Die sieben Rolli-Freunde: Sie war’n noch niemals in New York – aber sie werden bald dorthin kommen. Hoffentlich alle.

Kontaktdaten:

Wenn Sie das Projekt unterstützen wollen, können Sie Organisatorin Sabrina Raschke (geborene Hellenkamp) kontaktieren: Sie ist per E-Mail (sabrina.hellenkamp@freenet.de) und per Telefon unter 0172/6513243 erreichbar. Das Spendenkonto bei Rückenwind e.V. Bielefeld hat die BIC: SPBIDE3BXXX und die IBAN: DE61 4805 0161 0044 1957 82.

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