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»Wege durch das Land« an zwei Abenden zu Gast auf Gut Böckel

»Die Kunst existiert um der Menschen Willen«

Rödinghausen (WB). »Sind alle Handys aus«, fragte Dietmar Bär. Müsse noch irgendjemand ein Bonbon auspacken? »Dann machen Sie das jetzt, damit das die Lesung nicht stört«, sagte Bär. Mucksmäuschenstill folgten die rund 500 Besucher den Worten des Tatortkommissars Freddy Schenk im umgebauten Kuhstall auf dem Gut Böckel. Im Rahmen des Literatur- und Musikfestes »Wege durch das Land« las der Schauspieler am Samstag aus Julian Barnes »Der Lärm der Zeit«.

Thomas Klüter und Raphael Steffen

Alissa Margulis (von links), Alexander Buzlov und Elisaveta Blumina begeistern mit Schostakowitschs Trio Nr. 2. Foto: Thomas Klüter

Vom Telefonat zwischen Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch und Josef Wissarionowitsch Stalin las Bär. Der Komponist habe zu den renommiertesten Künstlern der Sowjetunion gehört bis der Diktator eine seiner Opern bereits in der Pause verließ. Seitdem waren seine Kompositionen verboten, Schostakowitsch zum »Abschuss freigegeben«. Seine Musik weiche vom Kurs der sowjetischen Kunst ab, warf ihm die Obrigkeit vor. Im Telefonat mit Stalin widersprach Schostakowitsch aber, denn die Kunst existiere um der Menschen Willen.

Der Frage, inwieweit freies Schaffen oder sogar Widerstand in einer Diktatur möglich seien können, geht der britische Autor Julian Barnes in seinem neusten Werk »Der Lärm der Zeit« nach. Und Dietmar Bär las daraus konzentriert und mit ruhiger Stimme, richtete den Blick selten ins Publikum, nahm die Zuhörer aber trotzdem mit auf die Reise ins Russland des vergangenen Jahrhunderts.

Dem Thema »Mut und Widerstand« widmet sich die gesamte Veranstaltungsreihe »Wege durch das Land« in diesem Jahr mit 26 Veranstaltungen an historischen Orten in ganz Ostwestfalen-Lippe. »Auf Gut Böckel sind wir immer besonders gern«, sagt Helene Grass, Künstlerische Leiterin des Literatur- und Musikfestes und bedankte sich beim Hausherren Ernst Leffers. Und da Leopold König, der frühere Besitzer des Anwesens, seinen Reichtum dem Zuckerrübenanbau in Russland verdankt und seine Enkelin, die Lyrikerin Hertha König, das Gut Böckel den künstlerischen Einflüssen der späteren Sowjetunion öffnete, beschäftigen sich die Veranstaltungen auf dem Rittergut aus dem 14 Jahrhundert jedes Mal mit der Kunst des ehemaligen Zarenreichs.

Klassiker der russischen Literatur

So las denn auch der Schauspieler Stephan Szász noch vor Dietmar Bär aus einem Klassiker der russischen Literatur. Den satirischen Roman »Der Meister und Margarita« von Michail Bulgakow hatte der Theater- und Fernsehdarsteller ausgewählt. Die Geschichte, die den Teufel höchst selbst in das chaotische, unmoralische Moskau des 20. Jahrhunderts begleitet, bot dem Schauspieler viel mehr Möglichkeiten zur sprachlichen Interpretation, als Barnes‘ Roman. In unterschiedlichen Stimmlagen und mit verschiedenen Akzenten las Szász den Protagonisten Voland, seinen Gehilfen Fagott und den Kater Behemoth. Zusammen mit Pianistin Elisaveta Blumina kreierte Szász seine Lesung als Dialog zwischen Wort und Klang.

Die herausragende Musik stellte dann den eigentlichen Höhepunkt des Abends auf dem Gut Böckel dar. Blumina interpretierte Werke von Prokofjew, Weinberg und Frid. Gemeinsam mit dem Cellisten Alexander Buzlov und der Violinistin Alissa Margulis sorgte die Echo-Preisträgerin mit Schostakowitschs Trio Nr. 2 für ein fulminantes Finale der Veranstaltung. »Ich kann dabei kaum still sitzen«, sagte Helene Grass, die in der ersten Reihe jeden Takt sichtlich mit durchlebte. Und so ging es wohl auch den Zuhörern, die gebannt der Musik lauschten und Dietmar Bärs Anweisung zur Ruhe folgten. Ein Handy klingelte dann doch während der Lesung, aber das ignorierten alle Beteiligten höflich, wen auch mit Unverständnis.

Stammsitz Gut Böckel

Am Sonntagabend kamen abermals rund 500 Besucher bei herrlichstem Sommerwetter in den Park rund um das Gut Böckel. Mittlerweile sei das hier »fast ein Stammsitz«, sagte Albrecht Simons von Bockum Dolffs, leitender Dramaturg der Veranstaltungsreihe. Weil seit den Tagen der Rilke-Freundin Hertha Koenig die Dichtkunst auf dem Gut zuhause ist, stand die Lyrik auch im Mittelpunkt der zweiten Veranstaltung. Die niederländische Autorin Margriet de Moor machte den Anfang und las aus ihrem neuen Roman »Von Vögeln und Menschen« in dem es darum geht, wie ein Mensch dazu kommt, einen Mord zu gestehen, den er nicht begangen habe. »Es geht also um Mord und Totschlag, aber die Tonalität ist sanft«, so de Moor und ihr liebenswerter holländischer Akzent tat das Seine dazu, den grausigen Inhalt der Geschichte effektvoll zu kontrastieren.

Für Musik sorgte am zweiten Abend das Vokalquintett Berlin unter dem Titel »1000 Ohm«. Der elektrische Widerstand des Menschen beträgt in der Physik 1000 Ohm. »Wir haben uns vom Festivalmotto ›Mut und Widerstand‹ inspirieren lassen«, so die Künstler. Anne Bretschneider (Sopran), Tobias Hagge (Bass), Alexandra Lachmann (Sopran), Martin Netter (Tenor) und Timothy Wong (Alt) sangen a capella in zwei Blöcken Lieder von Brahms und Schumann, aber auch von William Byrd oder Wolf Biermann.

Nichts für Zartbesaitete

Höhepunkt des Abends war die Lesung des bekannten Schauspielers Udo Samel, der Gedichte Edgar Allan Poes vortrug. Samels Stimme verlieh den alten Worten beeindruckende Kraft. »Poe ist bis heute nichts für Zartbesaitete«, hatte Bockum Dolffs vorab gewarnt. Die Zuhörer wurden nicht enttäuscht.

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