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Ein Besuch bei den Waldkindern Spenge – mit Video

Frei aufwachsen unter Baumwipfeln

Spenge (WB). Aus Ästen bauen die Kinder einen Stall. Die »Pferde« darin werden mit Rüben gefüttert – dargestellt von Tannenzapfen. Aus Eicheln und einem Baumstumpf entsteht eine Kaffeemaschine. Dass der Fantasie tatsächlich keine Grenzen gesetzt sind, beweisen die Waldkinder Spenge jeden Tag aufs Neue.

Heike Pabst

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung: Auch bei knackigen 3 Grad Celsius gehen die Waldkinder Spenge ins »Katzenholz«. Der Waldboden wird zur Turnhalle. Zum Frühstücken und Mittagessen sowie zu Musikrunden mit Wolfgang Voss finden sich die Kinder wieder am Bauwagen ein. Foto: Heike Pabst

Hinter dem Waldheim der »IG Katzenholz« erklingt eine Ukulele. »Es tönen die Lieder, der Frühling kehrt wieder«, singen die Kinder dazu. Sie sind in Matschhosen, Gummistiefeln und Mützen eingepackt und halten sich an den Händen. Sie üben gerade für ihr Frühlingsfest. »So, die Biene geht jetzt zu den Blüten dahinten und sammelt Nektar«, leitet Erzieherin Catharina Lehradt die Gruppe an.

Während die Jungen und Mädchen »Hallihallo, der März beginnt« singen, trällern Vögel dazwischen. Ein Specht hämmert laut. Der Frühling ist ganz nah und spürbar – wie überhaupt alle Jahreszeiten intensiv erlebt werden.

Im Frühjahr entdecken die Kinder das erste Grün, im Sommer erforschen sie den Bach mit Becherlupen, im Herbst lassen sie sich von Blättern beregnen. »Der Winter birgt schon manche Herausforderung«, sagt Einrichtungsleiterin Beate Timm. Doch genau diese Erfahrungen sind es, die in der Waldpädagogik gewünscht sind.

Gemeinsam frühstücken im Bauwagen

Nach der Morgenrunde setzen sich die Jungen und Mädchen in den Bauwagen und leeren ihre Brotdosen. Es ist noch zu kalt, um wie üblich draußen zu sitzen. Doch kaum ist das Frühstück vorbei, zieht es die Zwei- bis Sechsjährigen hinaus. »Wir bauen uns Flugzeuge und spielen, dass wir woanders hinfliegen«. »Ich bin ein Forscher!« »Manchmal schaukeln wir.« Alle sind mitteilsam und erklären ihren Kindergarten gern.

Beate Timm ist von der Waldpädagogik überzeugt. »Ich muss oft gleichlautende Fragen von Eltern dazu beantworten«, sagt sie. »Da geht es um Dinge wie: Können Waldkinder stillsitzen? Haben sie Schulreife? Ich kann sagen: Sie stehen Kindern aus Regelkindergärten in Nichts nach. Sie sind resistenter etwa gegen Erkältungen, und sie können gut stillsitzen und zuhören.«

Selbst hämmern, bohren und sägen

Ausgerüstet mit einem »Wickelzelt«, einem Bollerwagen, einem Rucksack mit Erste-Hilfe-Set und Werkzeug ziehen die »Waldkinder« los. Auch ein Spaten ist mit dabei, um körperliche Hinterlassenschaften verbuddeln zu können. An Totholz dürfen die Kinder selbst hämmern, bohren, sägen. Aber es gilt der Grundsatz: »Wir sind im Wald zu Gast«, sagt Beate Timm. Dementsprechend werden etwa zusammengenagelte Bauwerke nie liegen gelassen.

Daten und Fakten

Im Kreis Herford gibt es fünf Waldkitas. Die Waldkinder Spenge, An der Allee 60, werden geleitet von Beate Timm. Die Waldkita in Spenge ist eine Elterninitiative und besteht als eigenständiger Träger seit 1. August 2016. Die Einrichtung in Spenge nimmt neben Ü3-Kindern auch vier bis sechs U3-Kinder auf. Es gibt eine Gruppe mit etwa 20 Plätzen; intern ist die Gruppe nach Alter in Mini-Gruppen unterteilt: die »Frösche«, »Katzen«, »Rehkitze« und »Wildschweine«.

Auch bei Regen und Schnee gehen sie gemeinsam in den Wald. Es gibt natürlich Ausnahmen: »Wir haben eine Sturm-App«, erklärt Beate Timm. »Wenn die auf Orange steht, ist es zu gefährlich.« Wenn die Waldkita auf das Bürgerbegegnungszentrum Lenzinghausen ausweicht, dürfen die Kinder Spielzeug von Zuhause mitbringen. Ansonsten stellt die Natur das Spielzeug zur Verfügung.

Musikalische Bildung gehört dazu

Es gibt drei Spielorte im »Katzenholz«, die die Gruppe in fünf bis zehn Minuten Fußmarsch erreicht. »Manchmal gehen wir auf einen Spielplatz, der ist etwa 20 Minuten entfernt«, sagt Erzieherin Jeanny Lohmeier. Gemeinsam mit Beate Timm, Angie Merschmann, Catharina Lehradt und Sophie Westerheide bildet sie das pädagogische Fachteam, das von zwei Praktikantinnen ergänzt wird.

Auch »der Wolfgang« gehört aus Sicht der Kinder bereits fest zum Team dazu: Seit einigen Wochen kommt der selbstständige Musiker Wolfgang Voss dienstags, um mit den Älteren zu singen, Instrumente zu bauen und Klänge zu entdecken. »Letzte Woche haben wir gelernt, auf einem Kamm zu blasen!«, erzählt die fünfjährige Lea begeistert. Ab nächste Woche will Voss Waschbretter mit ihnen basteln.

Mittags essen die Waldkinder das von Eltern mitgebrachte Essen im Bauwagen. Spätestens um 14.30 Uhr endet der Kita-Tag im »Katzenholz«.

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