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Herausforderung: Corona-Impfung bei Demenzkranken – Spenger Martinsstift-Leiter: „Gezwungen wird niemand“

Zum kleinen Pieks gibt‘s ein Liedchen

Enger/Spenge (WB)

Sobald die Corona-Impfung zur Verfügung steht, sind die Bewohner der Seniorenheime mit als erste an der Reihe. Doch was ist, wenn sie selber nicht mehr begreifen können, warum dieser kleine Pieks so wichtig ist? Sie nicht aufgeklärt werden können oder sich gar gegen die Spritze wehren?

Kathrin Weege

Schon bald wird es mit den Corona-Impfungen losgehen. Dann sind Seniorenheime mit als erstes an der Reihe. Foto: dpa

Die ersten Gespräche zum Thema Corona-Impfung hat Dr. Matthias Kramer, Leiter des Martinsstifts, bereits mit den Ärzten geführt. „Die genauen Abläufe sind noch nicht ganz klar. Ich hoffe sehr, dass unser Hausarzt hier im Martinsstift impfen kann. Er hat schon Bereitschaft signalisiert. Der Vorteil ist: Unsere Bewohner kennen ihn“, sagt Kramer.

Vor der Impfung muss – wie übrigens beim Corona-Schnelltest auch – das Einverständnis des Jeweiligen vorliegen. „Wer selber nicht mehr in der Lage ist, das zu entscheiden, für den übernimmt das ein Angehöriger oder ein gesetzlicher Betreuer“, erklärt der Einrichtungsleiter. Dieses Prozedere ist im Seniorenheim bekannt, denn immer wieder müssen in den unterschiedlichsten Dingen Entscheidungen getroffen werden.

Möchte sich jemand partout nicht impfen lassen, wird im Martinsstift niemand gezwungen. Gerade bei Demenzerkrankten kann es zu einer Abwehrhaltung kommen.

Damit hatte Kramer auch bei den Schnelltests gerechnet. 90 Prozent der Bewohner hätten aber mitgemacht. Natürlich habe ein Pflegeheim Interesse daran, dass möglichst viele geimpft werden – zum Schutz aller.

Wichtig bei Demenzkranken sei, dass man einen Zugang zu ihnen habe. Bevor es ans Impfen oder einen Abstrich geht, reden Mitarbeiter mit den Bewohnern. „Manchmal singen sie ein Lied und sorgen so für entspannte Stimmung“, erklärt Kramer. Klappt das nicht beim ersten Mal, wird es eben am Folgetag noch einmal versucht und dann wieder. „Lässt es ein Bewohner nicht zu, zeigt das durch körperliche Abwehrhaltung, dann wird er nicht geimpft. Man muss dann auf andere Schutzmaßnahmen setzen.“

Das Koppeln der Impfe an das Aufenthaltsrecht in der Einrichtung lehnt Dr. Kramer ab. „Das wird es bei uns nicht geben. Die Rechte der Menschen bleiben bei uns auch im Falle einer Demenz gewahrt“, sagt er.

Günter Niermann, Leiter des GTE, weist darauf hin, wie wichtig das Abschließen einer Patientenverfügung und Versorgungsvollmacht sei. „Dann kann ein ausgewählter Angehöriger im Sinne des Betroffenen entscheiden. Andernfalls muss vom Gericht ein gesetzlicher Betreuer bestimmt werden“, erklärt der 76-Jährige. Er rät daher auch schon Jüngeren, rechtzeitig vorzusorgen. Denn eine solche Vollmacht kann nur ausgestellt werden, so lange man geistig in der Lage ist, zu entscheiden. „Und das kann beispielsweise ein Unfall oder eine Krankheit schnell ändern.“

Im GTE selber gibt es weiterhin keine geselligen Angebote. Besetzt ist die Hotline für Notfälle, außerdem werden Hausbesuche gemacht. „Vor der coronabedingten Schließung hatten wir 80 Ehrenamtliche, jetzt sind wir noch fünf im harten Kern, die vor allem Hausbesuche machen“, sagt GTE-Leiter Günter Niermann. Die Organisation bietet auch einen Service für Besorgungen und Einkäufe an. „Das übernehmen aber Jüngere. Es sind oft Enkel oder Kinder unserer Ehrenamtlichen“, erläutert Niermann. Viele hätten aktuell kein gutes Gefühl, da die meisten Ehrenamtlichen bereits älter sind und zur Corona-Risikogruppe zählen.

„Ich hatte erst überlegt, ob wir im Oktober wieder öffnen. Da waren die Coronazahlen noch moderat. Als es aber wieder losging, war klar: Das wird nichts“, so der 76-Jährige. Er geht davon aus, dass der GTE mit seinem vielfältigen Programm nicht vor Ostern oder Sommer wieder an den Start gehen kann. Erst müssen viele Menschen geimpft sein.

Er und sein Team haben Betroffene angerufen, die sonst regelmäßig zu den GTE-Veranstaltungen kommen. „Die meisten kommen ganz gut zurecht. Nachbarn und Angehörige helfen ihnen. Das funktioniert hier in Enger und Spenge scheinbar sehr gut“, meint Niermann, der fürchtet, dass, wenn der GTE wieder öffnen kann, er wieder bei Null anfangen muss.

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