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Musikkabarett »Schwarze Grütze« therapiert in der Kulturfabrik Vlotho den täglichen Wahnsinn

Ab in die Notaufnahme!

Vlotho (WB). Diagnose: ungesundes Miteinander, geistige Blutergüsse und krankhafte Selbüberschätzung. Die »Schwarze Grütze« sieht den Wahnsinn in der Gesellschaft um sich greifen. In der Kulturfabrik hat das Musikkabarett mit seinem Programm »Notaufnahme« Gegenmitteln verabreicht.

Frank Lemke

Zwei böse Barden in der Kulturfabrik: Stefan Klucke (links) und Dirk Pursche amüsieren sich über den Zustand der Gesellschaft. Foto: Frank Lemke

»Wie gut, dass sie zu uns in die Notaufnahme gekommen sind«, sagte Stefan Klucke. »Nur keine Sorge«: Bei ihm und seinem Kollegen Dirk Pursche seien alle in besten Händen. Die beiden Leipziger kündigten eine zweistündige Therapie mit intensivem Gehirnjogging und mit Nierenspülung in der Pause an – »Dialyse to Go« an der Theke.

Mit Schwung eröffnete das Kabarett-Duo einen ganzen Katalog voller Sofortmaßnahmen, den es mit Trommel und Gitarre für seine Gäste in der Vlothoer Kulturfabrik vorsah: Musik, Satire und Kabarett plus einer genauen Analyse des geistigen Zustandes der Gesellschaft, angefangen bei der Presse.

Warum ist der Ranzen nicht ranzig?

»Die Presse schreibt immer wieder, dass wir aus Leipzig kommen. Doch das stimmt nicht«, sagte Stefan Klucke. Einmal habe ein Redakteur aus Dresden sie sogar als »bayrisches Kabarett-Duo« betitelt. Doch das »P« auf dem Nummernschild ihres Autos stehe nicht für Passau, sondern für Potsdam. »Berlin ist die Muschel, Potsdam die Perle« sagte Dirk Pursche. So ähnlich sei das auch mit Bad Oeynhausen und Vlotho.

Die beiden Brandenburger aus Potsdam sangen eine Hymne auf ihr Bundesland, überflogen die Schulden des geplanten BER-Flughafens, sprachen über Politik, Wirtschaft, Gewohnheiten des Menschen und die Sprache an sich. »Was ist bloß schief gegangen? Warum ist unsere Gesellschaft so kaputt?«, fragte Stefan Klucke. »Ach, ist doch klar. Jeder Zweite will ein DSDS-Superstar werden. Jeder Bauer sucht eine Frau. Und dank des Internets gehört uns die ganze Welt«, antwortete Dirk Pursche.

Die schonungslose Wahrheit ihrer Gesellschaftsanalysen präsentierte die »Schwarze Grütze« im Kleid der Ironie. Manchmal lüpften sie es ein wenig: »Worte folgen keinen Gesetzmäßigkeiten. Deswegen sind sie zum Sprechen einfach ungeeignet«, sagte Dirk Pursche. Beispielsweise sei die Sonne sonnig und das Kind kindisch, doch der Ranzen nicht ranzig, der Kran nicht kranich, der BH nicht beharrlich und das Garn schon garnich. »Das muss ich mir den ganzen Tag anhören«, stöhnte Stefan Klucke und winkte ab. Sein Kollege habe großen Spaß daran, sich auf langen Autofahrten von Potsdam nach Passau (oder Leipzig) solche Wortspiele auszudenken.

»Kommt eine Erde in die Notaufnahme…«

Die 65 Gäste haben laut gelacht und applaudiert. »Dirk, du darfst den Applaus nicht mit Ironie verwechseln. Wir haben hier ein niveauvolles Publikum«, sagte Stefan Klucke. Doch sein Freund war in voller Fahrt und fasste den Zustand des Wahnsinns mit einer Anekdote aus dem Krankenhaus zusammen: »Kommt eine Erde in die Notaufnahme. Sagt der Arzt. ›Hauchen‘se mich mal an.‹ Die Erde haucht. Aha. Die Diagnose: ›Der blaue Planet.‹« Der Baumausfall? Liege an Parasiten. Das Jucken am Hintern? Überbevölkerung. Das Stechen in der Brust? Der Flughafen BER. Da sei gerade ein Flugzeug abgestürzt.

Am Ende der Show haben die Symptome des alltäglichen Wahnsinns nicht mehr ganz so weh getan. Die Therapie wirkte beim Publikum wie erhofft. Die Gäste haben sich amüsiert, viel gelacht und am Ende lange Beifall geklatscht. Der Förderverein der Stadtbücherei Vlotho hatte die beiden bösen Barden eingeladen.

Als nächstes präsentiert der Förderverein den Tastenkabarettisten Axel Pätz am Freitag, 22. Februar, in der Kulturfabrik. Der Beginn seines Programms »Realipätztheorie« ist um 20 Uhr.

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