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Jugendliche arbeiten im Jugendhof an einer inklusiven Aufführung

Die Freiheit im Tanz erleben

Vlotho (WB). Es ist egal, ob sie sich öfter zu Fuß oder mit dem Rollstuhl fortbewegen. Denn jeder Mensch kann tanzen: Diese Erfahrung haben 13 Jugendliche am LWL-Bildungszentrum Jugendhof Vlotho gemacht. Gemeinsam entwickeln sie ein inklusives Projekt, das am 19. November ab 19 Uhr im Herforder Marta-Forum aufgeführt wird.

Heike Pabst

Wer im Alltag auf den Rollstuhl angewiesen ist und wer »Läufer« ist, soll in der Aufführung im Marta-Forum Herford zur Nebensache werden. Die Jugendlichen arbeiten mit Feuereifer im LWL-Bildungszentrum Vlotho an ihrem gemeinsamen Tanzprojekt. Foto: Heike Pabst

Chantal (16) aus Bad Oeynhausen und Jule (15) aus Vlotho üben das elegante Niedersinken. Schließlich liegen sie auf dem Boden. »Vielleicht könnten wir ein Herz bilden, jeder eine Hälfte«, überlegt Chantal.

Katharina Vorderbrügge gefällt der Vorschlag. »Aber wir müssten überlegen, ob wir von oben filmen, sonst kann das Publikum das schlecht erkennen«, regt die Choreografin und Musiktherapeutin aus Vlotho an. Bernadette Schnabel schaltet die Musik an. »Bitte jetzt noch einmal alle zusammen«, ruft die Kulturwissenschaftsstudentin, die die Proben mit Katharina Vorderbrügge künstlerisch leitet.

»Mach dich auf und bleib nicht stehen«

Bereits zum dritten Mal gibt es das inklusive Tanzprojekt, das diesmal eine Gemeinschaftsproduktion der Arbeitsgemeinschaft Musik-Szene-Spiel OWL, der LWL-Förderschule am Weserbogen Bad Oeynhausen, dem Jugendzentrum Vlotho, dem Arbeitskreis Entwicklungspolitik und dem Jugendhof Vlotho ist. Gefördert wird das Projekt von »ChanceTanz«, einem Projekt des Bundesverbandes »Tanz in Schulen« im Rahmen eines Programms des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Zu den Vorbereitungen auf die Aufführung gehört ein viertägiges Probenwochenende auf dem Amtshausberg. Die Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren diskutieren miteinander, denken sich Bilder und Szenen rund um das Oberthema »Mach dich auf und bleib nicht stehen« aus, suchen nach einem roten Faden für ihre einstündige Aufführung.

Kontraste werden genutzt, nicht geglättet

Vor dem Probenwochenende hatten sie bereits zwei Proben im Jugendhof und einen Probentag im Jugendzentrum Vlotho hinter sich gebracht, weitere Probetage stehen noch aus. »Sie waren bereits in einem frühen Stadium eine intensiv zusammenarbeitende Gruppe«, fasst Helmut Bieler-Wendt vom Jugendhof seine Eindrücke zusammen. »Sie haben schnell viele eigene Ideen eingebracht.«

Über gesellschaftliche und politische Fragen wie »Fühlt ihr euch in Deutschland sicher« bis hin zu sehr persönlichen Überlegungen zu Freiheit und Geborgenheit tauschen sich die Jugendlichen aus, und dabei sind sie nicht immer einer Meinung. Kontraste werden nicht geglättet, sondern auch thetralisch genutzt.

»Ich habe mir das alles zunächst etwas anders vorgestellt«, sagt Danara (16) aus Porta Westfalica. »Ich mache ja Rollstuhltanzen bei den Dancing Wheels. Aber hier sind viele Läufer dabei. Fürs erste Mal stellen die sich schon ganz gut mit den Rollstühlen an.«

»Macht« und »Normalität« in Frage stellen

Chantal gefällt das Projekt. »Das ist eine schöne Freizeitbeschäftigung. Man hängt nicht zuhause rum.« Es irritiere sie allerdings, »dass die Läufer das Fahren mit den Rollstühlen cool finden. Für uns ist das ja nicht so eine coole Sache.«

Jule war schon im vergangenen Jahr dabei und hat sich aus Begeisterung wieder angemeldet: »Es ist nicht wie das normale Tanzen. Man kann eigene Ideen einbringen und lernt Menschen kennen, die man sonst nicht treffen würde«, sagt die Vlothoerin.

Ohnehin hält das inklusive Projekt für alle Teilnehmer Überraschungen bereit. »Kategorien wie ›Normalität‹ und ›Macht‹ drehen sich um, denn hier lernen alle von einander«, sagt Bernadette Schnabel. Die Jugendlichen ohne körperlichen Beeinträchtigungen studieren für sie völlig neue Bewegungsformen ein, ebenso wie die Rollstuhlfahrer.

»Wir werden im Publikum Sehgewohnheiten und Erwartungen aufbrechen«, kündigt Bernadette Schnabel an. Dafür verwenden sie auch zusätzliche Rollstühle, die das Sanitätshaus Schröer zur Verfügung gestellt hat. »Es ist eine Herausforderung und eines unserer Ziele, Grenzen zu verwischen«, erklärt Katharina Vorderbrügge.

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