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Auf der musikalischen Wildwasserbahn mit dem Jazztrio Kordes - Tetzlaff - Godejohann

Ein Bach rauscht durch Sankt Stephan Vlotho

Vlotho

In tiefstes Ultramarin getaucht wurde aus St. Stephan in Vlotho eine Unterwasser-Wunderwelt. „JazzBach“ hatte das Jazztrio Kordes - Tetzlaff - Godejohann ihr Konzert  genannt.

Ultramarine Wunderwelten ließ das Trio in St. Stephan nicht nur akustisch entstehen. Foto: Kirchenkreis Vlotho

Das Publikum merkte schnell, dass dies nicht nur ein Wortspiel war: Mal gemütlich plätschernd, mal spritzig, mal mit Wucht über die Besucher hereinbrechend trieb das Trio sie den verjazzten Bach hinunter, bis dieses sie mit wohlverdienten Standing Ovations in den Heimathafen brachte.

Die drei Jazzkünstler an Flügel, Bass und Schlagzeug sind nicht die ersten, die im barocken Bach Anknüpfungspunkte für den Jazz der Neuzeit finden. Die Vermischung von mathematischer Präzision mit kreativer Improvisation war bereits für viele ihrer musikalischen Vorgänger Anreiz, sich mit dem Leipziger Giganten auseinanderzusetzen, nicht zuletzt in Jacques Loussiers monumentaler „Play Bach“-Reihe. Doch man steigt nicht zweimal in denselben Fluss, und das Jazztrio konnte in Vlotho zeigen, wie viel es noch auf einer Reise auf dem Jazzbach zu entdecken gibt.

Mit Loussier und Peterson auf großer Fahrt

 Für die über 80 Besucher in der gut gefüllten Kirche St. Stephan am Donnerstagabend wurde es eine spannende Fahrt entlang einer clever ausgetüftelten musikalischen und erzählerischen Route. Olaf Kordes, Pianist des Trios und Arrangeur vieler der Stücke, übernahm die Rolle des Lotsen und führte mit Wortwitz durch das Programm, immer wieder bezugnehmend auf die hydrologische Landschaft Vlothos.

Zu Weser, Linnenbeeke und Forellenbach gesellte sich so ein Jazzbach dazu, an dem bekannte Bach-Kompositionen wie das Präludium C-Dur (BWV 846), das Brandenburgische Konzert Nr. 5 oder das Präludium G-Dur (BWV 860) Leuchttürmen gleich Fixpunkte anboten. Doch die drei Musiker stießen sich immer wieder vom Ufer ab und gönnten sich, bei aller Durchstrukturiertheit des Programms, Momente der Improvisation. Der Spielspaß kam dabei nicht zu kurz, wie die drei Künstler auch in ihrer Körpersprache und Interaktion untereinander zeigten.

Von Bach bis Netflix

Von bluesig bis energetisch getrieben ging es den Jazzbach hinab, mit kurzen Abstechern zu unerwarteten Stücken wie der Titelmusik der Netflixserie Narcos. Doch kurz bevor der unbedarfte Zuhörer die Orientierung verlor, fand die Musik dann wieder den Weg zurück ins Bach-Bett, und es blitzten bekannte Motive am Ufer auf. Das Spiel des Jazztrios schien spielerisch und frei, aber auch mit Respekt vor der Komposition und den etablierten Arrangements durch Jacques Loussier oder Oscar Peterson, dessen „Salute to Bach“ für Olaf Kordes zum „Salute to Peterson“ zu werden schien. Nach über einer Stunde näherte sich der Zielhafen, doch das Publikum verlangte nach einer Extrarunde auf dem Jazzbach, bevor es die drei Musiker mit Standing Ovations verabschiedete und aus dem Blau des Kirchenraums in die Stadt hinaus auftauchte.

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