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Corona-Impfung: Interview mit Hausarzt Dr. Henrich Malz und Apotheker Dr. Eckhard Neddermann

„Es gibt keine Alternative“

Vlotho (WB)

Der Sprecher der Vlothoer Ärzte, Dr. Henrich Malz, und Fachapotheker Dr. Eckhard Neddermann sehen in der Corona-Impfung die einzige Chance, aus der Pandemie-Situation herauszukommen. Im Interview beantworten sie auch die Frage, warum Kinder derzeit nicht gegen Corona geimpft werden.

Jürgen Gebhard

Dr. Eckhard Neddermann (links) ist Fachapotheker für Pharmazeutische Analytik; bekannt ist der 63-Jährige in Vlotho als Sprecher vom Forum Natur und als FDP-Ratsherr. Dr. Henrich Malz praktiziert seit 25 Jahren in der Innenstadt als Hausarzt; der 59-Jährige ist Sprecher der Vlothoer Ärzteschaft. Foto: Jürgen Gebhard

Bewohner und Mitarbeiter der Vlothoer Seniorenheime haben inzwischen die erste Impfung erhalten. Jetzt warten auch die anderen darauf, dass es endlich losgeht und dass auch sie sich schützen können. Im Interview informieren der Sprecher der Vlothoer Ärzteschaft, Hausarzt Dr. Henrich Malz, und Dr. Eckhard Neddermann, Fachapotheker für Pharmazeutische Analytik, über die Corona-Impfung.

Sollte man sich wirklich impfen lassen? Vielleicht verschwindet Corona ja einfach wieder – von der Spanischen Grippe hat man auch nie wieder was gehört...

Dr. Henrich Malz: Ja, man sollte sich auf jeden Fall impfen lassen. Es gibt keine Alternative zu einer Impfung. Nur damit haben wir die Möglichkeit, aus der jetzigen Situation mit weitgehendem Stillstand des öffentlichen Lebens, mit wirtschaftlichen Problemen, mit Schwerstkranken, mit zahllosen Toten und mit noch nicht absehbaren gesundheitlichen Spätfolgen herauszukommen.Dr. Eckhard Neddermann: Zur Spanischen Grippe muss man wissen, dass sie bei einer Weltbevölkerung von 1,8 Milliarden Menschen für 50 bis 100 Millionen Tote gesorgt hat. Heute leben vier Mal so viele Menschen auf der Erde. Man muss auch berücksichtigen, dass die Menschen vor 100 Jahren nicht annähernd so mobil und global unterwegs waren wie die Menschen, die heute leben.

Wie viel Prozent der Bevölkerung muss gegen Corona geimpft sein, um Herdenimmunität zu erreichen?

Dr. Malz: Etwa 70 Prozent. Einzelne Virologen sprechen auch von 90 Prozent. Eine hohe Durchimpfung der Bevölkerung verhindert außerdem das Entstehen weiterer Mutationen.

Gibt es eine Prognose, wie lange in Deutschland das Impfen der Bevölkerung dauern wird und wann wir wieder zum gewohnten Leben zurückkehren können?

Dr. Malz: Das hängt von der Verfügbarkeit des Impfstoffs und der Zahl der Menschen ab, die sich impfen lassen. Die Rückkehr in ein normales Leben, wie wir es gewohnt sind, wird kaum vor der zweiten Jahreshälfte möglich sein.

Warum sollen Kinder unter 16 Jahren nicht gegen Corona geimpft werden?

Dr. Neddermann: Die Impfstoffe haben derzeit noch keine Zulassung für Kinder. Kinder haben ein anderes Immunsystem. Sie reagieren bei medizinischen Wirkstoffen oft anders. Ich gehe davon aus, dass die Corona-Impfung für Kinder noch kommen wird, möglicherweise wird es andere Dosierungen geben. Die Kinder schützen wir am besten, indem wir Erwachsene uns impfen lassen.

Wie unterscheiden sich die Wirkungsweisen der verschiedenen Corona-Impfstoffe?

Dr. Neddermann: Es gibt zwei verschiedene Impfstoff-Typen. Zugelassen ist zur Zeit nur der mRNA-Impfstoff. Bei der Impfung werden Bruchstücke des Virus-Bauplanes injiziert. Der menschliche Körper bildet daraufhin gegen dieses Bruchstück Antikörper und damit einen Schutz gegen das Corona-Virus. Eine Veränderung des menschlichen Erbguts ist ausgeschlossen. Dieser Impfstoff ist unabhängig voneinander von den renommierten britischen, amerikanischen und europäischen Zulassungsbehörden eingehend geprüft und zugelassen worden. Ein zweiter Impfstofftyp steht unmittelbar vor der Zulassung.

Kann ich den Impfstoff wählen, mit dem ich geimpft werden möchte?

Dr. Malz: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht. Um einen möglichst umfassenden Impfschutz der Bevölkerung zu erreichen, müssen wir die Impfstoffe einsetzen, die verfügbar sind. Es ist wichtig, dass möglichst schnell möglichst sehr viele Menschen geimpft werden.

Ist bei allen Impfstoffen eine zweite Impfung notwendig?

Dr. Malz: Eine zweite Impfung ist je nach Impfstoff nach drei beziehungsweise vier Wochen erforderlich. Der ausreichende Impfschutz ist erst sieben Tage nach der zweiten Impfung vorhanden. Auch bei den Corona-Impfstoffen, die noch nicht zugelassen sind, ist die zweite Impfung sehr wahrscheinlich. Das ist überhaupt nichts Ungewöhnliches: Auch eine Tetanus-Impfung wirkt nach der ersten Impfung noch nicht vollständig.

Wie lange hält der Schutz an? Muss die Corona-Impfung im nächsten Jahr erneuert werden?

Dr. Neddermann: Dazu liegen noch keine Erkenntnisse vor. Die Impfstoffe gibt es ja noch nicht einmal seit einem Jahr. Studien laufen. Wie bei allen anderen Impfstoffen auch ist damit zu rechnen, dass der Schutz erneuert werden muss. Über den Zeitraum kann man jetzt noch nichts sagen.

Warum hat es noch nicht einmal ein Jahr gedauert, um die Corona-Impfstoffe zu entwickeln, die wie die mRNA-Wirkstoffe sogar eine ganz neue Wirkung haben?

Dr. Neddermann: Die Gruppe der Corona-Viren ist seit Jahren bekannt. Man hat schon sehr lange daran geforscht – nicht erst seit Beginn der Pandemie, wie es viele meinen. Auch bei den mRNA-Wirkstoffen wurde nicht bei Null angefangen. Hier gab es schon eine sehr gute Grundlagen-Forschung. Verschiedene Hersteller haben unabhängig voneinander an der Impfstoff-Entwicklung geforscht. Sie haben eng mit den Zulassungsbehörden zusammengearbeitet und ihnen die Ergebnisse regelmäßig weitergegeben. Viele Studien sind parallel und nicht wie oft üblich nacheinander gelaufen.

Wie gut oder wie schlecht sind die Corona-Impfungen verträglich?

Dr. Malz: Es sind ähnliche Nebenwirkungen wie bei einer Grippe-Impfung möglich: ein leichter Schmerz oder Brennen an der Einstichstelle, Kopf- und Gliederschmerzen, Müdigkeit oder etwas erhöhte Temperatur – maximal für 72 Stunden. Extrem selten sind allergische Reaktionen, die auch bei anderen Impfungen und selbst bei Nüssen vorkommen können.

Hat es bei den Impfungen im Simeonsstift Zwischenfälle gegeben?

Dr. Malz: Gemeinsam mit dem Ehepaar Windhorst und Apotheker Edward Mosch war ich dort vor einer Woche für die Corona-Impfungen zuständig. Bei den 140 Impfungen hat es keinerlei Zwischenfälle gegeben. Alle Senioren und Mitarbeiter haben das Impfen sehr gut vertragen. Ich habe bei meiner eigenen Impfung außer einem leichten Schmerz an der Einstichstelle nichts gemerkt.

Können Langzeitfolgen der Impfung ausgeschlossen werden?

Dr. Malz: Zum jetzigen Zeitpunkt geht man davon aus, dass es keine Langzeitschäden gibt. Es gibt auch keinerlei Hinweise darauf.

Wann ist mit einem verlässlich wirkenden Medikament zur Corona-Behandlung zu rechnen?

Dr. Neddermann: Die Wahrscheinlichkeit, dass kurz- oder mittelfristig ein wirksames Medikament entwickelt wird, ist leider sehr gering. Deshalb bleibt als einziger Weg aus der Pandemie die Impfung. Alle Medikamente, die jetzt bei einer Erkrankung eingesetzt werden, behandeln nur die Symptome, aber nicht die Ursache.

Haben Sie Verständnis für Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen?

Dr. Malz: Selbst, wenn man meint, dass man die Risiken einer Corona-Erkrankung mit schwerem Verlauf oder Todesfolge persönlich eingehen kann, so hat man doch eine sehr große Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen und dabei besonders gegenüber denen aus Risiko-Gruppen.Dr. Neddermann: Ich halte es für absolut unverantwortlich, sich nicht impfen zu lassen. Wir sprechen doch nicht über eine Krankheit, bei der man vielleicht zwei Wochen nur etwas Fieber hat und davon ausgehen kann, dass man anschließend wieder zu 100 Prozent genesen ist. Es gibt bei zahlreichen Patienten erhebliche Spätfolgen – und diese Spätfolgen werden die Patienten und die Ärzte noch sehr lange beschäftigen.

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