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Versorgung von kranken Hunden und Katzen sorgt für große Finanzprobleme im Vlothoer Eichenhof – mit Video

Was die Tierliebe kostet

Vlotho (WB). Die zwölf Jahre alte Hündin hat Tumore an den Milchdrüsen, die so groß sind wie Tischtennisbälle. Ihre Gebiss ist entzündet und brüchig. Ihr Besitzer geht nicht mit ihr zum Tierarzt. Er setzt sie vor dem Tierheim Eichenhof aus. Kein Einzelfall, beklagt der Tierschutzverein Vlotho und Umgebung: »Sobald es kompliziert wird, stehlen sich viele Leute aus der Verantwortung.«

Heike Pabst

Die Zahl der kranken Tiere, die vor dem Eichenhof ausgesetzt werden, ist in diesem Jahr so hoch wie noch nie. Das Tierheim schlägt Alarm. Foto: Pabst

Mal steht eine Mutterkatze mit drei Kätzchen in einer kaputten Transportbox vor der Tür, mal wird ein Stallhase auf dem Weg vor dem Eichenhof aus dem fahrenden Auto geworfen. Gerade im Juli saß wieder eine betagte Hündin am Tierheim in Vlotho-Steinbründorf, die Wasser in der Lunge und einen Herzfehler hatte.

Kristin Bleibohm, der stellvertretenden Tierheimleitung, ist die Frustration über die wiederkehrenden schweren Tierschicksale anzumerken, als sie erzählt: »Wir behandeln die Tiere medikamentös und versuchen alles, und dann müssen wir sie häufig doch erlösen.«

16.000 Euro für den Tierarzt

Die Diagnose, die Medikamente, das Einschläfern: Das alles kostet Geld. Mehr, als der Tierschutzverein hat, zumal die Fallzahlen stark gestiegen sind. Annette Kortekamp, Vorsitzende des Tierschutzvereins, verdeutlicht den Ernst der Lage: »Seit Februar sind bei uns alleine 16.000 Euro an Tierarztkosten angefallen. Wir hatten noch nie so viele kranke Tiere, die uns einfach vors Tor gestellt worden sind, wie in diesem Jahr.«

Vielleicht wissen manche nicht, dass sie damit eine Straftat begehen. Anderen, davon sind die Tierschützer überzeugt, ist das egal.

Besonders schlimm wurde es eine bis zwei Wochen vor den Sommerferien. Oft ist nicht einmal ein Zettel dabei, der Informationen zu dem Tier gibt. »Für viele Leute sind die Tiere nur noch eine Wegwerfware«, sagt Annette Kortekamp. Der Tierschutzverein sieht aber nicht nur mangelndes Verantwortungsbewusstsein bei solchen Tierhaltern, sondern fühlt sich generell als Alibi zur Beruhigung des kollektiven Gewissens. »Es ist nicht okay, dass wir vom Tierschutzverein schlaflose Nächte haben und sich sonst, zugespitzt gesagt, niemand ums Tierheim kümmert«, so Annette Kortekamp.

Nur wenig Einnahmen

Tierheime werden zumeist von Tierschutzvereinen betrieben, denen es finanziell vergleichbar schlecht geht. Deren Mitglieder stemmen eine Situation, die sie nicht zu verantworten haben, und fühlen sich dabei nicht selten allein gelassen.

Auf der Einnahmen-Seite des Tierschutzvereins Vlotho und Umgebung steht nicht viel. 268 Mitglieder zahlen je etwa 30 Euro Mitgliedsbeitrag im Jahr, die wenigstens mehr. 68 Paten geben jeweils mindestens fünf Euro monatlich für Futter, Medikamente, Streu und andere Bedürfnisse für jeweils ein Tier aus.

Dazu kommen regelmäßig neu zu verhandelnde Jahresbeiträge von elf Kommunen für die Versorgung der Fundtiere, außerdem Adoptionsgebühren, Spenden und Einnahmen aus Veranstaltungen wie der Kaffeestube und dem regelmäßigen Flohmarkt.

Ehrenamtliche Leitung eines Wirtschaftsunternehmens

Auf der Ausgaben-Seite steht deutlich mehr. »Unser Vorstand leitet in ehrenamtlicher Arbeit ein kleines Wirtschaftsunternehmen«, verdeutlicht Annette Kortekamp. Der Tierschutzverein Vlotho und Umgebung hat für das Tierheim vier Vollzeit-Mitarbeiter angestellt, eine 30-Stunden-Kraft, fünf 450-Euro-Kräfte und mit Sebastian Kortekamp einen Garten- und Landschaftsbauer als Haustechniker.

Zu den Personal- und Fortbildungskosten kommen die Tierarzt- und Futterkosten, Erhaltungskosten der Gebäude, laufende Kosten unter anderem für die Heizung. Aktuell klafft ein 40.000 Euro tiefes Loch in den Kalkulationen der Vlothoer Tierfreunde: 14.000 Euro mussten zwischen Februar und Juli für Bauarbeiten ausgegeben werden, 10.000 Euro für die Instandhaltung und besagte 16.000 Euro für den Tierarzt.

Das Geld ist weg, und die noch anstehenden Aufgaben werden nicht weniger. Wie viele andere Tierschutzvereine auch residiert das Vlothoer Tierheim in einem sehr betagten Gebäude außerhalb der Stadt. Das bedeutet: »Es ist ein Fass ohne Boden«, so Kristin Bleibohm. Jedes Bauprojekt wird größer als geplant.

Spendenkampagne soll helfen

Das merkt Sebastian Kortekamp gerade besonders am neuen Katzenfreilaufgehege, für dessen Fertigstellung er kostenpflichtig Baumaschinen leihen musste. »Im Untergrund ist alter Bauschutt verbuddelt worden. Den mussten wir ordnungsgemäß entsorgen. Beim Auskoffern musste ich also tiefer gehen als gedacht, und nun brauche ich dementsprechend mehr Schotter, um den Boden wieder aufzufüllen.«

In diesem Jahr müssten eigentlich noch der Auslauf des Kleintierhauses sowie alle Dächer der Hundehäuser erneuert und der holprige Weg im Tierheim neu gepflastert werden. Bei Regen drückt das Abwasser durch die Rohre wieder hoch, weil deren Durchmesser zu klein ist. »Wir müssten den Festplatz hinter dem Haupthaus aufbuddeln und die Rohre neu verlegen«, sagt Annette Kortekamp.

Wie soll das alles gehen? »Irgendwie geht’s immer«, sagt die Tierschutzvereinsvorsitzende. Doch allmählich wächst der Unwille, dieses Dauerprovisorium stillschweigend selbst zu stemmen. Das Tierheim funkt deshalb »S.O.S« und hat eine Spendenkampagne samt Benefizkonzert gestartet. Seit 2. August sind dabei bislang 686,71 Euro zusammengekommen. Zwar zählt wirklich jeder Euro, doch mit diesem Zwischenergebnis sind die Initiatoren der Sammlung nicht wirklich zufrieden.

»Ich bettele sehr ungern«, sagt Annette Kortekamp. »Aber wir brauchen wirklich Hilfe.« Das Spendenkonto hat die IBAN DE81494501200251621504.

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