Nachgefragt bei „Stamm-Spielern“ der Vlothoer Kulturfabrik – Erwin Grosche im Interview

Wenn der Vorhang sich nicht öffnet

Vlotho (WB)

Sie sind immer wieder nach Vlotho gekommen. Immer wieder haben sie sich auf der Bühne der Kulturfabrik vor dem Publikum verneigt, das ihnen jahrelang die Treue hielt. Und nun? Was machen die Künstler eigentlich im Corona-Lockdown? Zum Beispiel: Erwin Grosche?

Heike Pabst

„Und spreizen – der Weizen!“ Erwin Grosche tanzt auf der Bühne auch schon mal Getreidesorten vor. Foto: Heike Pabst

Im Rahmen unserer neuen Serie „Wenn der Vorhang sich nicht öffnet“ fragen wir bei „Stamm-Spielern“ der Kulturfabrik nach. Zum Auftakt: Erwin Grosche aus Paderborn.

Wie ergeht es Ihnen in der Pandemie?

Erwin Grosche: Ich spüre so langsam, dass ich meine Bühnentexte von meinen Programmen nicht mehr wie im Schlaf vortragen kann. Durch die über hundert abgesagten Auftritte habe ich meine Bühnenheimat verloren. Ich habe große Sehnsucht nach der abgestanden Garderobenluft, nach den hölzernen Bühnenböden und dem muffigen Geruch roter Samtvorhänge. Da wir Paderborner sehr zurück gezogen leben, fällt uns das Fehlen menschlicher Kontakte zum Glück nicht so auf.

Womit befassen Sie sich zurzeit?

Erwin Grosche: Ich schreibe nun viel und habe in diesem Jahr schon ein neues Buch „Die Weltenlauscher“ herausgebracht, welches ich nur schreiben konnte, weil ich auf einmal die ungestörte Aufmerksamkeit in dieses Projekt stecken konnte. Ich kann finanziell nicht klagen, da ich sowieso nie reich werden wollte. Das scheint zu gelingen. Am 22. April läuft mein neuer Film „Der Tortentester“ auf Kanal 21 Bielefeld. Kleine Ereignisse beleben den Alltag.

Wirkt sich Corona auch inhaltlich auf Ihr Programm oder Ihre Arbeit aus?

Erwin Grosche: Ich darf für eine große Zeitung eine Kolumne schreiben „Grosches Gedanken“, die oft den Alltag in Corona-Zeiten zum Inhalt hat. Ich habe auch für Kinder ein Händewaschlied geschrieben, damit ihnen beim dauernden Händewaschen nicht der Spaß vergeht.

Wie stehen Sie zu Kultur im „Live-Stream“ – geht es auch ohne Publikum?

Erwin Grosche: Ich kann das Wort Stream nicht mehr hören. Wenn ich „Stream“ sage, komme ich mir vor, wie der Vertreter, der eine Melkmaschine verkaufen will, und dafür des Bauers einzige Kuh als Anzahlung nimmt. „Auftritte ohne Publikum“ ist wie schwimmen ohne Wasser. Nichts trägt einen davon, man wird nicht nass und kein Bademeister muss einen retten. Wenn schon Stream, dann Soda-Stream.

Können Sie schon absehen, ob und wann Sie nach Vlotho zurückkehren werden?

Erwin Grosche: Ich habe so oft in Vlotho gespielt, dass ein Teil von mir dort auf diesen Brettern verewigt sein muss. Wer Vlotho im Herzen trägt, ist nie ganz fort. Wir sehen uns.

Kommentar von Heike Pabst

Durchhalten! Etwas anderes bleibt weder dem Publikum noch den Künstler*innen übrig. Das fällt nach einem Jahr Pandemie aber immer schwerer. Worauf soll man sich freuen, wenn „Corona endlich vorbei ist“, aber die Kinos und Bühnen schließen mussten? Wenn die Kulturschaffenden sich einen anderen Beruf suchen mussten, weil die Rücklagen aufgebraucht waren? „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, lautet ein bekanntes Zitat aus dem Film „Die verkaufte Braut“. Und sie kostet nun mal Geld. Jetzt bräuchte es massive Maßnahmen zur Unterstützung von Auftrittsstätten und Künstler*innen. Etwas Hilfe, irgendwann, demnächst...: Das könnte zu spät sein. Und wenn sich doch ein Vorhang wieder heben sollte: Dann geht auch hin, liebe Vlothoer*innen, und schaut es euch an.

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