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Klima, Digitalisierung, Mobilität: Vlothos Bürgermeister möchte in zweiter Amtszeit Projekte fortführen

„Wir haben viel geschafft“

Vlotho (WB). Seit Oktober 2015 ist Rocco Wilken (45) Bürgermeister der Stadt Vlotho. Im September wird er sich wieder zur Wahl stellen. Im Interview mit Redaktionsleiter Jürgen Gebhard blickt er zurück, spricht über die ärztliche Versorgung, über Schandflecken in Vlotho und über millionenschwere Investitionen.

Bürgermeister Rocco Wilken ist am 21. Oktober 2015 als Bürgermeister ins Chefzimmer des Vlothoer Rathauses eingezogen. Am 13. September 2020 stellt er sich erneut zur Wahl. Foto: Jürgen Gebhard

In neun Monaten sind in NRW Kommunalwahlen. Freuen Sie sich auf eine zweite Amtszeit?

Rocco Wilken: In Vlotho haben wir in den letzten Jahren viel geschafft und wichtige zukunftsweisende Maßnahmen eingeleitet. Diese teilweise sehr langfristig angelegten Projekte aus den Bereichen Klima, Digitalisierung, Mobilität und Nachhaltigkeit gilt es nun fortzuführen. Ich würde mich freuen, diese weiter umsetzen zu dürfen, von daher möchte ich gerne die Herausforderung einer zweiten Amtszeit annehmen.

Sie sind im Oktober 2015 ohne große Erfahrungen ins Rathaus eingezogen. Haben Sie anfangs alles richtig gemacht?

Wilken: Ich würde heute nichts anders machen. Im Rückblick ist der Weg genauso notwendig gewesen, wie ich ihn gegangen bin. Zum Beispiel waren wir gleich zu Anfang mit der großen Flüchtlingswelle konfrontiert. Die haben wir vor Ort gut gemeistert.

Auf welche Leistungen ihrer bisherigen Amtszeit sind Sie besonders stolz?

Wilken:  Ganz besonders stolz bin ich darauf, dass wir die Rekommunalisierung des Stromnetzes hinbekommen haben – was zuvor unmöglich erschien. Ich bin sehr zufrieden, dass wir die Förderung für den Sportplatz Exter erhalten haben und einige neue Gewerbeflächen anbieten können. Richtig gut ist die gelungene Verwaltungs-Neuorganisation, die im Großen und Ganzen geräuschlos gelaufen ist. Das Beste ist aber, dass ich es geschafft habe, die Herausforderung von Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren.

Im Wahlkampf hatten Sie unter dem Stichwort „Vlotho – die smarte Stadt“ gefordert, dass die Bürger städtische Dienstleistungen online erledigen können. Das ist bis heute noch nicht der Fall und auch die für 2018 versprochene Vlotho-App gibt es noch nicht.

Wilken: Um Insellösungen einzelner Kommunen zu vermeiden, hat das Land mit einigen Pilotkommunen die Möglichkeiten der Digitalisierung von Verwaltungsdienstleistungen erarbeitet und erprobt. Von den Erfahrungen werden wir profitieren.  Online könnten demnächst zum Beispiel Melde- oder Steuerangelegenheiten erledigt werden. Am 1. Oktober ist die neue Homepage der Stadt mit einigen neuen Funktionen an den Start gegangen. Die noch zu entwickelnde Vlotho-App wird einen darauf aufbauenden Mehrwert für die Bürger schaffen.

Neuer Arzt im Gesundheitszentrum

Ein anderes Stichwort war: „ärztliche Versorgung“. Wie ist es darum bestellt?

Wilken: Ein Allgemeinmediziner möchte sich Anfang 2021 im Gesundheitszentrum unter dem Dach des Altbaus ansiedeln. Hier gibt es bereits einen Vorvertrag. Außerdem führen wir sehr konkrete Gespräche mit einer Allgemeinmedizinerin, die sich in der Sparkasse Exter ansiedeln will. Bedauerlich ist, dass der Augen- und der HNO-Arzt vor kurzem ihre Zweitpraxen in Vlotho geschlossen haben. Es ist eine dramatische Entwicklung, dass die fachärztliche Versorgung aus der Fläche rausgeht.

Ende 2017 hatten Sie im Interview vorausgesagt, dass der Bahnhof im Jahr 2020 vollständig saniert, die Innenstadt belebter als heute und die Burg auf gutem Weg sei, eine touristische Attraktion zu werden. Da muss in diesem Jahr noch einiges geschehen...

Wilken: Wir sind alle hocherfreut, dass wir jetzt einen guten Betreiber in der Burg haben. Zur touristischen Weiterentwicklung des Burggeländes gab es im vergangenen Jahr einen Workshop mit der TU Dortmund. Dazu wird es in diesem Jahr noch konkrete Planungen geben. Als Kommune investieren wir das maximal Mögliche, um die Innenstadt zeitgemäß zu gestalten. Nach der Neugestaltung der Langen Straße werden wir in diesem Jahr gemeinsam mit der Gemeinde St. Stephan den Kirchplatz umgestalten. Wir kümmern uns auch um den Apothekerweg und den Hafen. Nachdem der Investor die Baugenehmigung für den Bahnhof erhalten hat, gehen wir davon aus, dass es hier bald losgeht. Den Abbruch des Güterbahnhofs haben wir in Auftrag gegeben. Die Arbeiten dazu werden mit den Naturschutzbehörden abgestimmt, weil dort seltene Zauneidechsen und Blindschleichen leben.

Die Folgen der Digitalisierung

In Vlotho gibt es einige Schandflecken. Dazu gehören das Hotel Lütke ebenso wie das Weser-Center und die Ratsstuben. Was kann die Stadt hier tun?

Wilken:   Diese Objekte befinden sich in Privateigentum. Da können wir als Stadt kaum mehr machen, als bei den Eigentümern die Verkehrssicherungspflicht einzufordern. Es gibt durchaus Investoren, die ein Konzept für einzelne Objekte haben. Wir unternehmen alles Mögliche, um diese Bereich zu entwickeln. Über Erwerb oder Abriss kann man mit den Eigentümern leider nicht sprechen.

Die obere Lange Straße ist neu gestaltet worden. Neue Geschäfte haben sich seitdem nicht angesiedelt. Ganz im Gegenteil: Gerade hat Ines Wedhorn-Tumat angekündigt, ihren Buchladen zu schließen. Nimmt die Stadt diese Entwicklung tatenlos hin?

Wilken:  Die Folgen der Digitalisierung auf das Einkaufsverhalten können wir nicht verändern. Wir tun aber alles, damit die Stadt ansprechend und zeitgemäß auftreten kann. Unsere Vlotho-Marketing GmbH unternimmt im engsten Kontakt mit den Einzelhändlern außergewöhnlich viel, um Lust darauf zu machen, in die Vlothoer Innenstadt zu kommen und einzukaufen.

Mit der Sanierung der Feuerwehrgerätehäuser, der Erweiterung der Grundschule Vlotho und dem Kunstrasenplatz in Exter hat der Rat einige millionenschwere Investitionen auf den Weg gebracht. Hat Vlotho zu viel Geld?

Wilken: Wir leiden sicher nicht unter Verschwendungssucht. Das sind notwendige Investitionen, um die Stadt und die Infrastruktur attraktiv zu erhalten. Wenn wir über die Feuerwehrgerätehäuser sprechen, geht es nicht nur darum, aktuelle DIN-Normen zu erfüllen. Es geht auch darum, die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten und die Ehrenamtlichen zu unterstützen. Bei den beiden anderen Investitionen geht es darum, dass wir ein gutes Schul-  und Betreuungsangebot haben, beziehungsweise darum, dass wir die Infrastruktur für eine sehr gute Vereins- und Jugendarbeit zur Verfügung stellen. Insgesamt müssen wir attraktive Angebote haben, damit die Menschen hier gerne leben, sich in Vlotho wohlfühlen und sich gerne im Ehrenamt engagieren. Wir werden in diesem Jahr die Akquise von Fördermitteln verstärken, um hier weiter investieren zu können.

Der Rest der ersten Amtszeit

Pfarrer Jörg Uwe Pehle hatte homophobe Beleidigungen gegen sich und seinen Ehemann öffentlich gemacht, damit eine große Welle der Sympathie ausgelöst und eine Toleranz-Debatte angestoßen. Sind Sie stolz auf die Vlothoer, die sich hinter den Pfarrer gestellt haben? Wie unterstützt die Stadt die geplanten Toleranz-Aktionen?

Wilken: Ich bin glücklich darüber, dass es uns als Stadtgesellschaft gelungen ist, ein Zeichen zu setzen für Toleranz, Vielfalt und Solidarität und ich freue mich, dass Herr Pehle bleibt. Wir unterstützen die Toleranz-Aktionen, die er beim Neujahrsempfang der Kirchengemeinde am 19. Januar vorstellen wird.

Welche Ziele haben Sie für den Rest Ihrer ersten Amtszeit?

Wilken: Ziele sind, dass wir alles das, was wir im Haushalt geplant haben, so auch umsetzen. Dann werden wir in 2020 gemeinsam mit Rat und Verwaltung sehr, sehr viel erreicht haben.

Rechnen Sie damit, dass ein Gegenkandidat aufgestellt wird?

Wilken: Selbstverständlich. Vielleicht entscheidet sich nach SPD und Grüner Liste ja die eine oder andere Partei auch noch dazu, mich zu unterstützen.

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