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NWD-Musiker aus Moskau spricht in Herford über seine Haltung zum Krieg – Sorge um die Familie

„Wie kann man den Wahnsinn stoppen?“

Herford

Er wurde in Moskau geboren und hat den Mut, öffentlich über den Krieg in der Ukraine zu sprechen. Er ist Musiker bei der Nordwestdeutschen Philharmonie (NWD) in Herford, die in der ganzen Region und darüber hinaus Konzerte gibt.

Von Hartmut Horstmann

Aus Angst um seine Familie, die in Moskau lebt, will Musiker der Nordwestdeutschen Philharmonie anonym bleiben. Foto: Horstmann

Abera seine Familie noch in Russland lebt, legt er um ihrer Sicherheit willen Wert auf Anonymität.

Diese Angst vor Gefahren und Repressalien sagt viel aus über die aktuelle Situation in Russland. Über Telegram steht der 27-Jährige, der in Herford seine erste feste Stelle hat, mit seiner Mutter und seinem Bruder in täglichem Kontakt. Daher kennt der Musiker ihre Ängste. Was aber über ihre Haltung sagen, ohne die Familienmitglieder zu belasten? Der Cellist denkt nach und formuliert: „Meine Familie ist gegen jede Art von Krieg.“ Der Name Putin fällt nicht.

Was die eigene Position angeht, so ist der Musiker eindeutig, sucht aber auch hier nach Formulierungen, die seiner Familie nicht zum Nachteil gereichen sollen. Er lehne jeden aggressiven Krieg ab – und fügt hinzu: „Ich habe bis zum Schluss gehofft, dass die russische Regierung nicht machen wird, was sie gemacht hat.“

Die ersten 20 Jahre seines Lebens hat der junge Mann in Moskau verbracht. Dann zog es ihn zum Studium nach Deutschland. In Hannover hat er sein Masterstudium beendet, jetzt bereitet er dort neben seiner Tätigkeit bei der NWD sein Konzertexamen vor. Zuvor hatte er auch ein einjähriges Stipendium im Orchester der Elbphilharmonie absolviert.

Cellist der NWD

Viele Musiker aus verschiedenen Ländern hat der 27-Jährige kennengelernt. Zudem hat er nach eigenen Angaben in Hannover zahlreiche ukrainische Freunde. In der Ablehnung des „Wahnsinns“ seien sie sich einig, sagt der Cellist. Er könne zwar nicht für alle sprechen, aber: „Es wäre seltsam, wenn es anders wäre. Denn Musiker sind international, sie leben in einer offenen Welt.“

Im Orchester der NWD wirken drei russische und ein aus der Ukraine stammender Musiker mit. Probleme gebe es da überhaupt nicht, betont Friedrich Luchterhandt, Künstlerischer Betriebsdirektor: „Das sind ja alles vernünftige Leute.“ Was nicht bedeute, dass der Krieg keine Rolle spiele. Für alle Musiker gelte, so Luchterhandt: „In den Konzerten sollen sie für die Zuhörer einen Ausgleich schaffen. Aber so richtig loslassen tut es keinen.“

Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung"

So heißt es seitens der NWD in einer offiziellen Erklärung zum aktuellen Geschehen: „Als Kulturinstitution mit Musikern aus 20 Nationen, darunter Bürgern sowohl aus Russland als auch der Ukraine, stehen wir bedingungslos ein für Frieden, Völkerverständigung und den gleichberechtigten kulturellen Austausch aller Nationen.“ Das aktuelle Konzertprogramm enthalte Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ – mit dem „Großen Tor von Kiew“ am Schluss.

Friedrich Luchterhandts Bemerkung, dass das Kriegsgeschehen keinen loslasse, trifft in besonderem Maße auf Musiker zu, die aus der Ukraine oder aus Russland stammen. Der junge Cellist spricht von einer schlimmen Nacht, als der Krieg begann. Gegen 2.30 Uhr habe er im Internet Bilder von Explosionen gesehen, um 3 Uhr dann die Rede von Putin: „Ich konnte nicht mehr schlafen, obwohl ich am anderen Tag Dienst hatte.“

Die Frage, auf keiner eine Antwort weiß

Seitdem hat der 27-Jährige viele Gespräche geführt – mit Verwandten in der Heimat und mit befreundeten Musikern. Dabei drehen sich die Gedanken immer auch um eine Frage, auf die keiner eine Antwort wisse: „Wie kann man den Wahnsinn jetzt stoppen?“

Über die aktuelle Entwicklung durch den russischen Angriff auf die Ukraine halten wir Sie in unserem Liveticker auf dem Laufenden.

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