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Höxters Landrat Michael Stickeln fordert im 100-Tage-Interview Öffnungsperspektiven für den Handel

„Bei vielen geht es um die Existenz“

Kreis Höxter

Landrat Michael Stickeln ist seit etwas mehr als 100 Tagen im Amt. Die Corona-Pandemie bestimmte den Arbeitsalltag. Über die Auswirkungen auf die Schuleingangsuntersuchungen, die Chancen für den Tourismus nach der Pandemie und seine Vorliebe für Soziale Medien und einen Ausgleich für ländliche Regionen als Energielieferanten für die Städte hat der Höxteraner Redaktionsleiter Marius Thöne mit Stickeln gesprochen.

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Rückblick: Am 2. November ist Michael Stickeln vom ältesten Kreistagsmitglied Paul Wintermeyer (links) ins Amt eingeführt worden. Foto: Jürgen Vahle

Hier noch ein Glückwunsch, dort eine schnelle Antwort auf eine Frage zu den Corona-Zahlen. Wer Ihre Aktivitäten bei Facebook verfolgt, fragt sich, kommt dieser Mann mit zwei Stunden Schlaf aus?

Michael Stickeln: Ich schlafe in der Tat nicht viel. Nach dem Aufstehen gehe ich normalerweise eine halbe Stunde joggen und versuche dann gegen 5.45 Uhr in Höxter zu sein.

Dann sind Sie der erste im Kreishaus?

Stickeln: Ja, ich bin oft der erste. Kürzlich habe ich allerdings den Hausmeister getroffen, der schon dabei war, auf dem Parkplatz Schnee zu räumen. Ich bin eben Frühaufsteher. Für mich ist der frühe Morgen die effektivste Zeit des Tages.

Zurück zur Ausgangsfrage: Ihre Parteifreunde feiern Sie als Social-Media-Star. Woher kommt die Affinität zu dem Thema?

Stickeln: Für mich sind die sozialen Medien bereits seit Jahren eine wichtige Informations- und Kommunikationsplattform. Ich verwalte meine Accounts selbst. Nur so können sie authentisch sein. Ich habe dadurch die Möglichkeit, niederschwellig direkt mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen. Derzeit bekomme ich viele Nachrichten über den Facebook-Messenger, vor allem zum Thema Corona. Ich antworte auf jede Mail, auch abends, am Wochenende und im Urlaub. Allerdings gibt es auch Ausnahmen: Beim Abendbrot mit der Familie und beim Spielen mit den Kindern lasse ich mich nicht stören.

Sie könnten noch mehr Freunde haben, wenn Facebook nicht bei 5000 den Deckel drauf machen würde.

Stickeln: Ich bekomme täglich neue Freundschaftsanfragen und habe sicherlich 200 in der Warteschleife. Ab und an durchforste ich meine Kontakte. Es gibt Menschen, die zwei oder drei Profile haben, die „überschüssigen“ lösche ich dann zum Teil. Allerdings poste ich ohnehin alles öffentlich, wer also lesen will, was ich schreibe, kann das auch tun, ohne bei Facebook mit mir befreundet zu sein.

Sie sind junger Vater von Zwillingen, verheiratet, leiten eine große Kreisverwaltung und müssen politisch aktiv sein. Wie gelingt es Ihnen, das alles unter einen Hut zu kriegen?

Stickeln: Ich habe eine tolle Ehefrau, die mein Engagement voll mitträgt. Sie führt den familiären Steinmetzbetrieb, kommt aus eine Unternehmerfamilie und weiß, wie wichtig mir meine Arbeit ist. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Kurz nach Ihrem Amtsantritt, sind die Corona-Zahlen durch die Decke gegangen. Haben Sie die Entwicklungen jemals schlecht schlafen lassen?

Stickeln: Ja, ich habe natürlich schlecht geschlafen, als die Todesfälle zu Beginn des neuen Jahres so stark zunahmen. Auch in meiner Nachbarschaft gab es Menschen, die mit einer Corona-Infektion verstorben sind. Das hat mich sehr bedrückt. Darüber hinaus gab es einige Mails und Anfragen, die mich direkt erreicht haben und mir sehr zu Herzen gegangen sind.

Haben Sie je gedacht, das kriegen wir nicht in den Griff?

Stickeln: Zu keiner Sekunde. Unser Krisenmanagement funktioniert. Alle Kolleginnen und Kollegen auch in diesem Bereich sind sehr hoch motiviert und sehr engagiert. Allerdings muss es uns gelingen, die Menschen weiter zu motivieren, die Corona-Regeln einzuhalten und noch einige Zeit durchzuhalten, damit wir das Erreichte, den derzeit wieder deutlich gesunkenen Inzidenzwert, nicht zu gefährden.

Gab es Momente, die Sie hoffnungsvoll gestimmt haben?

Stickeln: Immer wieder. Besonders zum Beispiel die große Hilfsbereitschaft von Ehrenamtlichen, die Senioren zum Impfzentrum fahren wollen. 260 Menschen haben sich dafür bei uns gemeldet. Zudem beeindruckt mich die hohe Impfbereitschaft der Über-80-Jährigen und das nahezu alle ihre Impftermine eingehalten haben, trotz widriger Wetterverhältnisse.

Es war ja auch schwierig genug, einen zu bekommen.

Stickeln: In der Tat verstehe ich die Verärgerung. Denn es ist eine Zumutung für die Bürgerinnen und Bürger, sich über die Kassenärztliche Bundesvereinigung telefonisch oder über das Internet einen Termin buchen zu müssen. Hier gibt es nach wie vor erheblichen Nachbesserungsbedarf. Ich glaube, wir vor Ort hätten das besser regeln können.

Wie hat sich die Personalsituation im Gesundheitsamt verändert?

Stickeln: Wir haben im Gesundheitsamt 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter neu eingestellt. Sie kümmern sich um die Nachverfolgung der Kontakte sowie um die Organisation und Durchführung der Testungen. Darüber hinaus wird das Gesundheitsamt zusätzlich durch zwei Gesundheitsaufseher, eine Rechtsberaterin und eine Apothekerin mit einer halben Stelle unterstützt. Viele weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Kreishaus haben bei der Kontaktnachverfolgung geholfen und beim Testen, an der Corona-Hotline sowie im Impfzentrum. Im Rahmen der Amtshilfe sind seit Anfang November fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Finanzämter Höxter und Warburg, zwei vom Medizinischer Dienst der Krankenversicherung und zwei Mitarbeiterinnen der Kreispolizeibehörde in unterschiedlichen Bereichen der Pandemie-Bewältigung tätig. Darüber hinaus leisten derzeit zehn Soldatinnen und Soldaten Dienst im Gesundheitsamt.

Führt das zu Einschränkungen bei den anderen Aufgaben des Gesundheitsamtes, beispielsweise bei der Schuleingangsuntersuchung?

Stickeln: Ja. Wir werden die Schuleingangsuntersuchungen in diesem Jahr nicht vollumfänglich durchführen können, sondern uns auf Schülerinnen und Schüler mit einem erhöhten Förderbedarf konzentrieren müssen. Wir hoffen, dass wir bei zurückgehenden Zahlen im März damit beginnen können. Diese Untersuchungen von Kindern mit wahrscheinlichem Förderbedarf werden wie sonst auch in Höxter durchgeführt. Um es aber ganz klar zu sagen: Eine wegfallende Untersuchung wird nicht dazu führen, dass Kinder nicht eingeschult werden können. Die Kindergartenreihenuntersuchung im Herbst hat gar nicht stattgefunden. Auch Gutachten, beispielsweise bei Fragen nach der Arbeitsfähigkeit für das Jobcenter, werden zurzeit kaum geschrieben. Hygienekontrollen werden überwiegend anlassbezogen durchgeführt, und auch die Kontrollen von Trinkwasseranlagen sind auf ein verantwortbares Maß zurückgefahren worden.

Wie ist derzeit die Versorgungslage mit Impfstoff?

Stickeln: Bis Ende Februar bekommen wir vom Land 547 Dosen Biontech pro Woche und seit Montag 1000 Impfdosen von Astra-Zeneka. Im März werden dann auch wöchentlich 1000 Dosen von Biontech geliefert.

Wie lange wird Corona unser Leben noch einschränken?

Stickeln: Wir werden mit dem Virus leben müssen, und mittelfristig wird es unseren Alltag weiter bestimmen. Ich hoffe, dass das zweite Halbjahr zu gewisser Normalität zurückführen wird und die Geschäfte bereits möglichst zeitnah wieder öffnen können. Hier geht es bei vielen, auch in anderen Branchen, um die Existenz, und wir müssen dringend Öffnungsperspektiven entwickeln.

Der Kreis Höxter ist geprägt von einer hohen Vereinsdichte, ohne Ehrenamt läuft nichts. Welche Spuren wird die Pandemie an dieser Stelle hinterlassen?

Stickeln: Ich glaube schon, dass sich das Leben in einer Reihe von Vereinen strukturell verändern wird. Manches digitale Format wird sicherlich erhalten bleiben. Generell gehe ich davon, aus dass das breitgefächerte ehrenamtliche Engagement erhalten bleibt, auch mit Unterstützung unserer Geschäftsstelle Ehrenamt. Corona hat gezeigt, wie ideenreich Vereine mit der Situation umgegangen sind. Es konnten auch neue Menschen für das Ehrenamt gewonnen werden. Die Strukturen in einigen Gruppierungen werden sich nach Corona verändert haben, der Generationswechsel wird deutlich spürbar sein. Die langjährige Kontinuität, insbesondere in der Vorstandsarbeit wird sich damit unter Umständen verändern.

Sie sprachen die Geschäftsstelle Ehrenamt an. Welche Rolle werden die Mitarbeiter dort nach der Corona-Krise spielen?

Stickeln: Sie werden auch weiter eine vernetzende und beratende Funktion übernehmen und wichtige Anlaufstelle für alle Initiativen sein. Zur Arbeit der Geschäftsstelle haben wir bislang sehr viel positives Feedback erhalten. Darum soll es sie auch nach Ende 2022 weitergeben. Dann läuft die Projektförderung zwar aus, wir möchten das Angebot aber weiter aufrechterhalten.

Höxter bereitet sich auf die Landesgartenschau vor. Kann sie Strahlkraft auf den ganzen Kreis entwickeln?

Stickeln: Die Landesgartenschau 2023 bietet große Chancen für unsere Region. Wir können die Schönheit unseres Heimatkreises einem großen Publikum präsentieren und ein hohes touristisches Potenzial für uns und unsere touristischen Leistungsanbieter generieren. Wir tun dies mit unserem Ausstellungsbeitrag zur Landesgartenschau im Archäologie-Park bei Corvey. Dieses Kooperationsprojekt zwischen dem Kreis Höxter, der Stadt Höxter, dem Landesbetrieb Wald und Holz sowie dem Naturpark Teutoburger Wald/Eggegebirge eröffnet uns die Chance, den Kreis Höxter als attraktive wie innovative Tourismus-, Kultur-, und Freizeitregion nicht nur regional, sondern auch überregional und nachhaltig noch deutlich bekannter zu machen. Das neue digitale Informationszentrum – optimal nahe der Weser gelegen – soll auch nach der Landesgartenschau als Tourismusinformation genutzt werden und hat das Potenzial, ein Aushängeschild für den gesamten Kreis Höxter und die Region zu werden.

Welche Chancen ergeben sich durch Corona für den Tourismus?

Stickeln: Der Kreis Höxter hat eine überdurchschnittlich hohe Tourismus-Intensität, also im Verhältnis von Gästen zu Einwohnern des Kreises. Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor im Kreis Höxter, den es nachhaltig zu stärken und auszubauen gilt. Wandern, Radfahren, Kanupaddeln, Klettern – der naturnahe nachhaltige Tourismus ist im Kommen. Durch die Corona-Pandemie ist diese Entwicklung noch verstärkt worden. Viele Menschen, die früher in die Welt geflogen sind, haben erlebt, wie schön es hier ist. Gut wäre, wenn sich daraus ein anhaltender Trend hin zum Urlaub in Deutschland entwickeln würde.

Ohne den schon abgeschlossenen Breitbandausbau hätte Corona die Menschen im Kreis wohl noch härter getroffen. Wann kommt Glasfaser bis an jede Haustür?

Stickeln: Wir erleben gerade einen umfassenden digitalen Wandel in der Gesellschaft, der Bildung und der Wirtschaft. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben diese Veränderungen in vielen Bereichen beschleunigt. Schulen nutzen das Netz intensiv für Distanzunterricht und neue Lernformen, Betriebe setzen immer mehr auf Homeoffice und Videokonferenzen, Gastronomie und Geschäfte in der Region präsentieren ihre Angebote und Lieferdienste verstärkt auch online. Deshalb brauchen wir ganz vordringlich leistungsfähige Glasfasernetze bis an jede Haustür. Für den Ausbau der notwendigen Infrastruktur setze ich auf eine massive finanzielle Hilfe vom Bund. Voraussichtlich ab 2023 werden wir mit dem Verfahren beginnen können.

In der ersten Kreistagssitzung gab es einen kleinen Disput zum Stellenwert des Klimaschutzes. Wie bewerten Sie dieses Thema? Muss der Kreis beim Ausbau der Erneuerbaren Energien noch mehr tun?

Stickeln: Wir forcieren seit Jahren den Klimaschutz. In diesem Jahr möchten wir zum Beispiel einen Wärmeatlas als Planungsinstrument für den Ausbau erneuerbarer Energien bei der Wärmenutzung erstellen. Dabei geht es um die Frage, in welchen Wohngebieten Einsparpotenziale liegen und wo sich beispielsweise bei der Frage nach der Heizung Quartierskonzepte realisieren lassen. Darüber hinaus soll die Fahrradinfrastruktur im Kreis gestärkt werden. Insgesamt haben wir bereits 27 der 61 Maßnahmen aus unserem Klimaschutzkonzept und darüber hinaus viele weitere Projekte umgesetzt.

Dennoch wird gerade ländlichen Regionen beim Ausbau der Erneuerbaren eine wichtige Rolle zugeschrieben.

Stickeln: In Sachen Solarenergie schlummert noch großes Potenzial auf privaten, wie auch auf Hallendächern von Betrieben. Auch wir als Kreis werden, um Vorreiter zu sein, noch mehr tun müssen. Teilweise haben wir auf unseren Gebäuden schon Solarpaneele. Natürlich haben wir mit einem Anteil von 87 Prozent erneuerbarer Energien am Stromverbrauch im Kreis Höxter schon viel erreicht. Aber, wir haben die Kapazitäten, um noch mehr zu erreichen. Die Energiewende kann ohne den ländlichen Raum nicht gelingen. Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass in den meisten Windvorrangzonen auch Repowering möglich ist und wir die Windkraft selbst weiter verantwortungsvoll zulassen müssen, allerdings nur im Konsens mit der Bevölkerung. Dafür eine gewisse Kompensation zu erwarten, ist meines Erachtens absolut angemessen, weil all dies zum Teil auch mit Einschränkungen beziehungsweise Belastungen für die Bevölkerung vor Ort verbunden ist. Wir sind „Kornkammer“, Erholungsraum und nicht zuletzt auch Energielieferant auch für die Menschen in den großen Städten.

Das Kreisjugendamt ist im Lügde-Untersuchungsausschuss im Landtag in die Kritik geraten. Die Kreis-SPD hat Ihnen fehlende Offenheit vorgeworfen. Inwiefern ist der Fall intern aufgearbeitet worden?

Stickeln: Wir sind derzeit dabei zu prüfen, was wir angesichts des laufenden Untersuchungsausschusses dazu überhaupt öffentlich sagen dürfen. Wir werden den Jugendhilfeausschuss und den Kreistag in den nächsten Sitzungen über das Thema informieren. Den Vorsitzenden der Kreistagsfraktionen haben wir eine ausführliche Information zu den Anhörungen und dem grundsätzlichen Vorgehen des Kreises zugesendet. Den Vorwurf fehlender Offenheit durch den SPD-Fraktionsvorsitzenden kann ich in keiner Weise nachvollziehen. Ich habe auf seine Anfrage zu diesem Thema noch am selben Tag geantwortet. Schneller geht es nicht.

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