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„Weisser Ring“ sucht Nachwuchs – Ehrenamtliche aus dem Kreis Höxter berichten im Interview über ihre Arbeit

„Dankbarkeit der Menschen erfüllt uns“

Kreis Höxter

Zuhören, begleiten, bestärken, Hilfe vermitteln: Wer Opfer einer Straftat geworden ist, hat in den Ehrenamtlichen des „Weissen Rings“ eine große Stütze. Aus dem Team im Kreis Höxter nehmen drei langjährige Mitarbeiter Abschied. Vor diesem Hintergrund wenden sich die Leiterin der Außenstelle Höxter, Sabine Gröppel (70), und ihre Stellvertreterin Andrea Freifrau von Wolff-Metternich (49) mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit: „Wir suchen dringend Nachwuchs und würden uns über Verstärkung freuen.“ Im Interview berichten die beiden Ehrenamtlichen über ihre erfüllende Arbeit.

Sabine Robrecht

Häusliche Gewalt – hier ein Symbolbild – gehört zu den Delikten, mit denen die Ehrenamtlichen des „Weissen Rings“ regelmäßig zu tun haben. Sie werden professionell für ihren Dienst ausgebildet. Foto: dpa

Im Interview berichten die beiden Ehrenamtlichen über ihre erfüllende Arbeit.

Die Ehrenamtlichen des „Weissen Rings“ stehen Opfern von Straftaten zur Seite. Wie sieht diese Begleitung aus?

Sabine Gröppel und Andrea von Wolff-Metternich: In einer Zeit jenseits von Corona vereinbaren wir nach einem telefonischen Erstkontakt ein Treffen. Wir stellen vor, welche Hilfeleistung wir bieten können. Dazu gehören auch materielle Hilfen. Der „Weisse Ring“ hilft in persönlichen Notlagen und unterstützt zum Beispiel die Sicherung der Wohnung nach häuslicher Gewalt. Auch trägt er die Kosten von Selbstbehauptungskursen für Frauen und Kinder nach Gewalterfahrungen. Ein wichtiger Schwerpunkt ist die immaterielle Unterstützung. Wir begleiten Betroffene zur Polizei und helfen bei der Beantragung von Leistungen im Rahmen des Opferentschädigungsgesetzes. Grundsätzlich liegt es uns eines am Herzen: Wir möchten die Betroffenen auf den Weg bringen, ihr Leben wieder selber zu bewältigen. Wir hören zu und helfen ihnen, aktiv zu werden. Denn wenn sie passiv bleiben, kommen sie aus ihrem Opferdasein nicht heraus. Wir verstehen unsals Lotsen, geben aber keinen Weg vor. In den Gesprächen sehen wir, wo Hilfebedarf besteht. Als Lotsen vermitteln wir dann zu anderen Stellen. Hier greifen wir auf ein großes Netzwerk zurück.

Mit welchen Delikten haben Sie zu tun?

Andrea von Wolff-Metternich: Die Bandbreite der Delikte ist groß. Häusliche Gewalt und Sexualdelikte gehören dazu. Im Fall Lügde haben wir acht Familien mit zwölf Opfern betreut. Überfälle, Einbrüche, Handtaschendiebstähle und Trickbetrügereien sind weitere Fälle. Hinzu kommt Stalking.

Sabine Gröppel:   Auf dieses Gebiet hat sich einer unserer Mitarbeiter spezialisiert. Der „Weisse Ring“ hat die „No Stalk“-App entwickelt, mit deren Hilfe Beweismaterial gesammelt wird, das nachher auch gerichtsverwertbar ist. Es gibt aber auch die Möglichkeit, jenseits der Opferhilfe tätig zu sein. Eine Mitarbeiterin in spe möchte sich lieber im Präventionsbereich engagieren. Das begrüßen wir sehr, zumal dieser wichtige Bereich aus Mangel an Ressourcen zu kurz gekommen ist.

Wie werden Opfer von Straftaten auf Sie aufmerksam?

Sabine Gröppel und Andrea von Wolff-Metternich: Wir bekommen die Fälle oft von der Polizei. Sie macht auf uns aufmerksam. Manche Opfer melden sich aber auch selber. Das Team der Online-Opferberatung überweist Betroffene, die sich dort gemeldet haben, an uns, wenn sie aus der Region kommen.

Wie lang sind die Zeiträume, in denen Sie Betroffene betreuen?

Sabine Gröppel: Das ist unterschiedlich. Manchmal reicht ein Gespräch. Andere Fälle ziehen sich je nach Schwere des Delikts über Monate oder Jahre.Andrea von Wolff-Metternich: Die Kontakte schleichen sich meistens aus. Es ist schön zu sehen, wie die Betroffenen sich frei schwimmen. Einer meiner Fälle meldet sich immer zu Silvester und wünscht mir ein gutes neues Jahr.Sabine Gröppel: Unsere Gesprächspartner wissen, dass sie sich auch später immer wieder an uns wenden können. Das hilft ihnen sehr. Wir sind das Netz, das gespannt ist vor einem möglichen Absturz.

Der „Weisse Ring“ schickt Sie nicht unvorbereitet in Ihr Ehrenamt. Wie bereitet der Verein potenzielle neue Mitarbeitende auf ihr Aufgabenspektrum vor?

Sabine Gröppel: Der „Weisse Ring“ legt viel Wert auf die Aus- und Fortbildung seiner Ehrenamtlichen. Er hat eine eigene Akademie. Los geht es mit einer Info-Veranstaltung und einem dreitägigen Grundseminar. Danach folgen zwei Jahre Fallarbeit und ein anschließendes Aufbauseminar. Soweit die Pflicht. Weitere Fortbildungsangebote sind dann die „Kür“.Andrea von Wolff-Metternich: Die Fortbildungen, die uns immer wieder angeboten werden, sind allesamt kostenlos und sehr bereichernd. Wir bekommen ein Rüstzeug an die Hand, das uns für alle Fälle wappnet, und wir können aus den Seminaren immer wieder viel für das eigene Leben mitnehmen.

Sie arbeiten mit Menschen, die oft schwer traumatisiert sind. Trotz aller gebotener Empathie dürfen Sie das Leid, mit dem Sie konfrontiert sind, nicht zu sehr an sich heranlassen. Wie schaffen Sie es, sich in die Lage ihres Gegenübers zu versetzen und trotzdem die nötige professionelle Distanz zu wahren?

Andrea von Wolff-Metternich: Nur wenn wir Distanz wahren, bleibt unsere Aktionsfähigkeit erhalten. Darin werden wir in den Fortbildungen geschult. Wenn ich zuhause aus dem Auto steige, kommt das Erlebte nicht mit ins Haus. Ich lasse es hinter mir. Der „Weisse Ring“ sorgt auch dafür, dass genügend Selbstfürsorge stattfindet. Die darf nicht zu kurz kommen. Wenn man merkt, dass einem der Fall zu nah geht, besteht die Möglichkeit zur Supervision. Wir haben das Glück, dass unsere Außenstellenleiterin Sabine Gröppel diese Supervision selber macht.Sabine Gröppel: Wir sind alle immer füreinander da. Als Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin kann ich meine Fachkenntnisse in die Supervision unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einbringen.

Das Ehrenamt im „Weissen Ring“ ist keine leichte Kost. Trotzdem erfüllt Sie diese Aufgabe. Warum?

Sabine Gröppel: Wir erleben, wie Menschen es durch kleine Hilfestellungen schaffen, mit dem Erlittenen weiterzuleben. Wir sehen, wie Menschen wieder auf den Weg gelangen. Dafür sind wir dankbar. Diese Dankbarkeit erfüllt mich.Andrea von Wolff-Metternich: Es ist schön und erfüllend, zu Lebzeiten zu geben und etwas Sinnvolles zu tun. Als ich vor einigen Jahren nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit suchte, stieß ich über einen Zeitungsaufruf auf den „Weissen Ring“. Ich bin froh, dabei zu sein. Der „Weisse“ Ring „nimmt“ nicht nur, er gibt auch. An dem, was wir hier lernen, können wir wachsen. Die Dankbarkeit der Menschen, denen wir helfen, erfüllt mich. Das Leuchten ihrer Augen ist das Schönste, was es für mich gibt.

Ehrenamtliche nehmen Abschied

Der „Weisse Ring“, Außenstelle Höxter, verabschiedet drei langjährige ehrenamtliche Mitarbeiter: Hermann Dücker aus Höxter hat sich 17 Jahre engagiert und war bis Ende 2020 stellvertretender Leiter der Außenstelle. Gisela Haß aus Warburg nimmt nach 20 Jahren Abschied und Franz Kremer, Höxter, nach 18 Jahren. „Zusammengerechnet waren die drei 55 Jahre für den ‚Weissen Ring‘ im Einsatz“, würdigt Außenstellenleiterin Sabine Gröppel aus Peckelsheim das Wirken der drei Mitarbeiter. Sie bedauert sehr, dass wegen der Corona-Pandemie keine feierliche Verabschiedung möglich ist.

Zu ihrem Team gehören Bärbel Fromme, Christian Hitz, Ralf Stöcker, Dr. Otto Suchier und Andrea Freifrau von Wolff-Metternich. Sie hat die stellvertretende Leitung der Außenstelle übernommen. Birgit Rose ist Mitarbeiterin in spe.

Der „Weisse Ring“ ist Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität. 1976 in Mainz als „Gemeinnütziger Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten“ gegründet, stehen bundesweit rund 2.800 professionell ausgebildete Ehrenamtliche in einem Netz von 400 Außenstellen den Betroffenen zur Seite. Sabine Gröppel leitet die Außenstelle Höxter und ist unter Telefon 0151/55164762 oder E-Mail groeppel.weisserring@gmx.de zu erreichen. Informationen im Internet: https://weisser-ring.de/unterstuetzung/ehrenamt.

Hilfe und Selbstfürsorge – ein Kommentar von Sabine Robrecht

Es ist Jahrhunderte alt – und bleibt so lange, wie es Menschen gibt, immer aktuell: Das Gedicht „Die Schale der Liebe“ des heiligen Bernhard von Clairvaux ist ein Ratgeber zur Selbstfürsorge und mithin zur Stressbewältigung. Die gütige und kluge Liebe strömt über, aber nicht aus, sagt der große Kirchenlehrer und bedeutende Mönch des Zisterzienserordens. Wer aus der vollen Schale gibt, bleibt selber nicht auf der Strecke. Daher sollte jeder, der gibt, immer auch für sich selbst sorgen – damit die Schale (der Energiespeicher) voll bleibt.

Den vielen Haupt- und Ehrenamtlichen, die sich um Menschen kümmern, ist eine stets volle Schale zu wünschen. Denn das, was sie geben, bewirkt viel Gutes. Beispiel: „Weisser Ring“. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen Menschen zur Seite, die Opfer einer Straftat geworden sind. Für die Betroffenen ist nichts mehr, wie es war. Sie sind traumatisiert, hilflos und tief verletzt in ihrer Würde und in ihrem Urvertrauen. Der „Weisse Ring“ stellt ihnen Menschen zur Seite, die sie dort abholen, wo sie stehen. Die Ehrenamtlichen hören zu, stehen den Kriminalitätsopfern bei und begleiten sie zur Polizei oder zum Gericht. Bei Hilfebedarf arbeiten sie mit einem großen Netzwerk im Kreis Höxter und im Nachbarkreis Holzminden zusammen.

Dieser Lotsendienst ist für die Opfer von Straftaten ein Segen. Denn er hat das Ziel, sie zu stärken. Daher ist dem Team der Außenstelle Höxter zu wünschen, dass sich nach dem Abschied dreier langjähriger Mitarbeiter Nachwuchs findet. Eine Hemmschwelle, sich zu engagieren, könnte die Konfrontation mit schweren Schicksalen sein. Außenstellenleiterin Sabine Gröppel und ihre Stellvertreterin Andrea von Wolff-Metternich versichern aber, dass der „Weisse Ring“ seine Ehrenamtlichen im Aus- und Fortbildungsprogramm wappnet. Und dass er auch auf das achtet, was Bernhard von Clairvaux den Menschen ans Herz gelegt hat: die Selbstfürsorge.

Wie viele andere Ehrenamtliche empfinden auch die Mitarbeitenden des „Weissen Rings“ ihren Dienst als erfüllend. Helfen fühlt sich gut an. Wenn dieses Helfen dann auch noch zum Erfolg führt – wenn traumatisierte Menschen wieder Land sehen und ihr Leben in die Hand nehmen – macht es den oder diejenige, die dazu beigetragen hat, umso glücklicher.

Von wohltuenden Erfahrungen wie diesen berichten Sabine Gröppel und Andrea von Wolff-Metternich im Interview. Bleibt zu hoffen, dass ihr Aufruf Erfolg haben wird. Das ist all jenen zu wünschen, deren Leben durch eine Straftat eine dramatische Wendung nimmt und die mit bitteren Gewalterfahrungen und der Angst, die sie hervorrufen, zu kämpfen haben.

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