Fall Lügde: Friedhelm Spieker entschuldigt sich für sein Auftreten vor dem Landtags-Untersuchungsausschuss – „nicht wie Zeuge, sondern wie Angeklagter gefühlt“

„Das hätte mir nicht passieren dürfen“

Höxter (WB)

„Die Wucht des medialen Echos hat mich betroffen und nachdenklich gemacht.“ Der Grund für diese Aussage des ehemaligen Landrats Friedhelm Spieker liegt in der bundesweiten Berichterstattung über sein Auftreten vor dem Untersuchungsausschuss des NRW-Landtags, der den hundertfachen sexuellen Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz in Lügde aufarbeitet.

Jürgen Drüke

Ex-Landrat Friedhelm Spieker könnte ein zweites Mal vor dem Untersuchungsausschuss vernommen werden. Vorsitzender Martin Börschel (rechts) räumt diese Möglichkeit ein. Foto: Oliver Berg/dpa

Gegenüber dieser Zeitung bezog Spieker nach der Kritik an seinem Auftritt vor dem Ausschuss am Mittwoch Stellung: „Mir sind in der Vernehmung patzige Antworten herausgerutscht. Dafür kann ich mich nur entschuldigen.“

Börschel sieht Möglichkeit

Der Ex-Landrat könnte nun sogar ein zweites Mal vor dem Ausschuss vernommen werden: „Wenn Friedhelm Spieker Aussagen korrigieren oder zurücknehmen möchte, kann ich ihm diese Möglichkeit einräumen“, hob Ausschussvorsitzender Martin Börschel (SPD) auf WB-Anfrage hervor. Friedhelm Spieker schloss das aus und räumte ein: „Auf die Sitzung hätte ich mich optimaler vorbereiten müssen.“ Im Fall Lügde könne nur durch bestmögliche Transparenz aufgedeckt werden. „So etwas wie Lügde darf sich nicht wiederholen.“

Atmosphäre im Ausschuss

Es sei die Atmosphäre im Ausschuss gewesen, die ihn im zweiten Teil der Vernehmung leider zu Antworten, die er im Nachhinein bereue, verleitet hätten. „Das hätte mir nicht passieren dürfen. Entschuldigung.“

„Mit den Geschehnissen rund und um den Campingplatz in Lügde haben wir in den Abgrund der heutigen Gesellschaft geschaut. Unschuldigen Kindern ist auf perfide Art und Weise unsägliches Leid zugefügt worden“, stellte Spieker fest.

Aufklärung an erster Stelle

Die Aufklärung der inzwischen drei bekannten Fälle im Kreisjugendamt Höxter müsse an erster Stelle stehen. Bereits in seiner Amtszeit seien im Zusammenhang mit dem Fall Lügde Organisation, Strukturen und der Informationsaustausch im Kreisjugendamt überprüft worden, erläuterte Spieker gleich zu Beginn der Vernehmung. Teamleiter seien zur Aufklärung der Fälle eingesetzt worden. „Mein Nachfolger Michael Stickeln hat externe Untersuchungen angeordnet. Das ist der richtige Weg.“ Dabei stellt sich Spieker hinter sein ehemaliges Personal: „Im Jugendamt sind gewissenhafte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Einsatz.“ In Bezug auf den Anfangsverdacht der Aktenmanipulation im ersten Fall führte Spieker aus: „Solange die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nicht abgeschlossen sind, muss die Unschuldsvermutung gelten.“

Kreuzverhöre

Aus Sicht von Spieker sei bei der Art der Kreuzverhöre, die bis zu fünf Stunden dauern, ein Stück Kultur, nämlich der faire Umgang der Politik mit den unbescholtenen Mitarbeitern einer Kreisverwaltung, auf der Strecke geblieben. Er selbst habe sich während des fünfstündigen Kreuzverhörs nicht als Zeuge, sondern teilweise als Angeklagter gefühlt. „Mitarbeitern eines Jugendamts, die mit zerrütteten Familienverhältnissen und Straftaten an unschuldigen Kindern konfrontiert werden, wird alles abverlangt. Meine Hochachtung gilt den Mitarbeitern dieser Behörde, die nach Recht und Gesetz ihr Bestes geben.“

Drei Kinder, die vom Jugendamt Höxter betreut worden sind, gehören zu den 33 Kindern, die auf dem Campingplatz sexuell missbraucht worden sind. Das Jugendamt Höxter ist in den vergangenen drei Monaten immer stärker unter Druck geraten. Gegen eine Mitarbeiterin des Kreisjugendamts ermittelt die Staatsanwaltschaft Paderborn wegen des Anfangsverdachts der Aktenmanipulation.

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