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»Unsere Gruppengegner«: Taekwondo-Großmeister von südkoreanischer Kultur geprägt

Miri drückt Deutschland die Daumen

Siebenstern(WB). Wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft heute ihr letztes Weltmeisterschafts-Gruppenspiel gegen Südkorea bestreitet, fiebert im beschaulichen Siebenstern einer ganz besonders mit. Großmeister Miri – bürgerlich Abdelilah Miri – hegt zu beiden Ländern eine ganz spezielle Beziehung: Deutschland ist seine Heimat, die koreanische Kampfkunst Taekwondo seine Leidenschaft.

Dennis Pape

Großmeister Miri, bürgerlich Abdelilah Miri aus Siebenstern, hat eine besondere Beziehung zu Südkorea. Seine große Leidenschaft – der Taekwondo-Kampfsport – stammt aus dem Land des heutigen deutschen Gruppengegners Foto: Dennis Pape

Wer Großmeister Miris Trainingsraum in Siebenstern betritt, der könnte meinen, dass dieser eigens für das entscheidende Gruppenspiel am heutigen Mittwoch eingerichtet worden ist. Neben einer Deutschlandfahne hängt die Südkoreanische Flagge. Das mannsgroße Logo seiner Kampfsportakademie ziert das rot-blaue »Eum und Yang«-Symbol sowie die vier Trigramme für Himmel, Wasser, Feuer und Erde – die koreanische Flagge »Taegeukgi«.

Mehr als Sport

»Das Land und insbesondere die Kultur Südkoreas haben eine immens große Bedeutung für mich. Taekwondo ist mehr als ein Sport – es ist eine Lebenseinstellung der Südkoreaner, die auch mein tägliches Leben prägt.« Diese Leidenschaft teilt Großmeister Miri, derzeit Trainer der jungen Kampfsportabteilung im TV Riesel.

Er reist im November mit seiner Frau Sandra erneut nach Südkorea, um in der Heimat »seines« Kampfsportes die Prüfung zum nächsten Meistergrad – den 6. Dan – abzulegen. Miri ist der einzige Dan der »World Taekwondo Federation« im Kreis Höxter und möchte die Tradition sowie die Werte der Kampfkunst hier gerne weitergeben. Deshalb ist 2020 eine Reise nach Korea mit der Kampfsportabteilung aus Riesel geplant. »Meine jungen Schüler sollen den Ursprung und die Werte des Taekwondo vor Ort lernen.«

Tiger haben nur einen Star

Miri ist geboren in Marokko, seine Leidenschaft zum Taekwondo stammt aus Südkorea – doch die Daumen drückt der 49-Jährige bei der Fußball-WM der deutschen Mannschaft. »Selbstverständlich fiebere ich bei den Spielen unserer Jungs mit. Vor dem Turnier war Deutschland auch mein Favorit, jedoch hat mich die Mannschaft in den ersten beiden Spielen überhaupt nicht überzeugt. Belgien und England sind die einzigen im Vorfeld hochgehandelten Mannschaften, die für mich noch zum Favoritenkreis gehören – ich denke aber, dass am Ende ganz überraschend eine südamerikanische Mannschaft wie Uruguay oder Kolumbien den Titel holen wird«, sagt er. Die südkoreanische Mannschaft hat nach zwei Niederlagen nur noch theoretische Chancen und auch gegen die deutsche Elf traut Miri den »Tigers of Asia« eher weniger zu: »Ich denke, dass Deutschland 3:0 oder 4:0 gewinnen wird. Außer Heung-Min Son hat Korea leider zu wenig Qualität«, betont er.

Fußball bei jüngeren beliebt

Der Star der Südkoreaner (Marktwert 50 Millionen Euro) ist auch in Deutschland kein Unbekannter: Über die Stationen Hamburger SV und Bayer Leverkusen wechselte er nach London zu Tottenham. In seiner Heimat ist der Kumpel von DFB-Youngster Julian Brandt ein Top-Star, Marken-Magnet, Botschafter und Frauenheld – zumindest bei den jüngeren Südkoreanern in den großen Städten.

»Denn sie sind nach dem sensationellen Erreichen des Halbfinals 2002 bei der WM im eigenen Land durchaus fußballverrückt und fiebern mit ihrer Nationalmannschaft mit. Vor dem Turnier in Russland herrschte eine große Euphorie – schon die Qualifikation war ein Erfolg«, erzählt Miri: »Die älteren Südkoreaner und die Menschen aus den Provinzen können mit Fußball dagegen nicht viel anfangen. Insgesamt sind Baseball sowie natürlich Taekwondo die Nummer-Eins-Sportarten in Korea.«

Zwei Tempel in jedem Dorf

Der Kampfsport nehme gerade angesichts des in Südkorea weit verbreiteten Buddhismus eine wichtige Rolle ein. »Er steht in Verbindung mit dem Spirituellen und damit auch mit der buddhistischen Lebensweise, die viel mehr als eine Religion ist – besonders auf dem Land, wo jedes Dorf mindestens zwei Tempel hat«, sagt Miri, der 2013 zum ersten Mal in Südkorea war. Er sei dort auf viele Menschen getroffen, die sehr offenherzig und zuvorkommen seien.

»In den großen Städten wie Soul oder Busan sind die Koreaner auch sehr an anderen Sprachen und Kulturen interessiert – die Städte sind bunt, hypermodern, zum einen chaotisch und zum anderen dann doch wieder noch organisierter als in Deutschland«, sagt der Großmeister mit einem Schmunzeln: »Hier gibt es auch mehr als genügend überdimensionierte Bildschirme für Public-Viewing während der WM.«

Ein Thema in Korea sei selbstverständlich auch die Teilung des Landes in Nord und Süd. »Die Koreaner sehen sich alle als Brüder und Schwestern – und sie wünschen sich eine Wiedervereinigung. Nur einmal im Jahr dürfen sich durch die Grenze getrennte Familien sehen«, so Miri. In diesen Momenten sei Fußball dann zwar lediglich eine Nebensache – jedoch eine, die ein Volk vielleicht auch verbinden könne.

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