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Hasan Cobanli liest in Bad Driburg – Zuhörer erfahren viel über Erdogan und Atatürk

„Türken der unterschiedlichsten Sorte“

Bad Driburg (WB). „Ich habe noch viel vor mit dieser Stadt und diesem Land“ – diese Worte richtete Recep Tayyip Erdoğan bereits Mitte der 90er Jahre an den etwa gleichaltrigen Hasan Cobanli. Jetzt war Cobanli im Gräflichen Park in Bad Driburg zu Gast und las aus seinen Büchern „Der Halbe Mond“ und „Erdoganistan, der Absturz der Türkei und die Folgen für Deutschland“.

Greta Wiedemeier

Hasan Cobanli hat im Gräflicher Park Health & Balance Resort auf Einladung der Diotima-Gesellschaft aus seinen beiden Büchern gelesen und seltene Einblicke in die Persönlichkeiten Erdogans und Atatürk gegeben. Foto: Greta Wiedemeier

Erdogan getroffen

Der deutsch-türkische Journalist erzählte dabei nicht etwa ausgedachte Geschichten. Cobanli lernte Erdogan einst auf der Einweihungsfeier eines Freundes persönlich kennen. Zu diesem Zeitpunkt war der heutige Präsident noch Oberbürgermeister von Istanbul.

„In der Abendgesellschaft schien er sich damals nicht wirklich wohl zu fühlen“, erinnerte sich Cobanli zurück. Auch im Gespräch mit ihm habe Erdogan stets einen schwermütig abwesenden Blick aufgesetzt und „eher eindimensional fundamentalistische Repliken auf meine Fragen“ auf Lager gehabt. Erdogan griff zu Apfelsaft anstelle des alternativen Bier- und Wein-Angebots, erzählte von seiner Kindheit, in der er nach eigener Aussage ein „Super-Kicker“ war und tauschte sich mit Cobanli über Kinderlieder, die Relevanz des Religionsunterrichts in Schulen und sein ganz eigenes Weltbild aus.

Damals habe man noch durchaus offen mit ihm reden können – ohne Angst, tags darauf aufgrund einer kritischen Aussage verhaftet zu werden. Heute wagt Cobanli es nicht mehr, in sein Heimatland einzureisen: „Das wäre schön blöd“, schmunzelte er auf eine entsprechende Nachfrage aus dem Publikum und verwies auf das Schicksal seines Kollegen Deniz Yücel.

Und auch zum ersten Präsidenten der aus dem ersten Weltkrieg aus dem Osmanischen Reich hervorgegangenen Republik Türkei, zu Mustafa Kemal Atatürk, von vielen Landsleuten als „Vater und Retter der Türkei“ vergöttert, hat Cobanli eine direkte Verbindung: Sein Großvater war dessen engster Weggefährte, sein Vater sein Protegé. „Atatürk war auch ein Diktator und hat Leute erschossen. Im Gegensatz zu Erdogan hat er aber auch wirklich etwas geleistet für die Türkei“, betonte Cobanli den aus seiner Sicht entscheidenden Unterschied zwischen den beiden so gegensätzlichen Männern. Er beschrieb die Begegnung seines Vaters mit „dem inneren Kreis, der Tafelrunde des Gazi“, vermutete das Geheimnis Atatürks Erfolg in den „Zauberaugen wie von einem Angora-Kater“ und berichtete auch von seinem letzten öffentlichen Auftritt 1938.

Seltene Einblicke

Der größte Fehler dieses Staatsmannes? „Er ist einfach viel zu früh gestorben“, meinte Cobanli.

Es waren Einblicke, die man nicht oft bekommt: In die Sicht der Präsidenten und in die Sicht derer, die ihnen untertan sind. Und vor allem in die Sichtweise Cobanlis: eines Türkens, der einst drei Militär-Putsche hautnah miterlebte, schon lange als Journalist in Deutschland arbeitet und dessen erstes Buch „Der halbe Mond“ nun kurz vor der Verfilmung steht.

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