Fall Lügde: Jugendamt Höxter für weiteres Kind zuständig – Landrat Stickeln kündigt externe Untersuchung an – mit Kommentar

„Wir müssen lückenlos aufklären“

Höxter/Lügde (WB)

„Wir werden aufarbeiten, bewerten und erst dann entscheiden.“ Landrat Michael Stickeln schließt, nachdem im Kreisjugendamt Höxter ein dritter Fall im Zusammenhang mit dem hundertfachen sexuellen Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen bekanntgeworden ist, personelle Konsequenzen zunächst aus.

Jürgen Drüke

Auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen soll auch ein drittes Kind aus dem Kreis Höxter missbraucht worden sein. Foto: Guido Kirchner/dpa

Der Landrat kündigte aber an, die Arbeit des Jugendamtes von einer externen Organisation überprüfen zu lassen.

Aufgrund von Stickelns Anweisungen waren vor seiner Anhörung im Untersuchungsausschuss des Landtags (wir berichteten am Samstag) Akten des Jugendamts mit den Namen von betroffenen Kindern abgeglichen worden. Mehr als zwei Jahre, nachdem der Missbrauch von Lügde öffentlich wurde, ist man in Höxter auf einen weiteren Fall gestoßen, für den das Kreisjugendamt zuständig war. „Es ist mir unerklärlich, warum der Name dieses dritten Kindes bei uns erst jetzt entdeckt worden ist. Der Untersuchungsausschuss soll die Akte so schnell wie möglich erhalten. Wir müssen lückenlos aufklären“, sagte Stickeln am Montag im Gespräch mit dieser Zeitung. „Wir reichen lieber zehn Akten zu viel, als eine zu wenig ein.“ Michael Stickeln hob hervor, dass er das Gefühl habe, mit seiner Aussage in Düsseldorf zur Aufklärung beigetragen zu haben. Transparenz sei ihm wichtig. „Wir wollen auch weiterhin unseren Teil dazu beitragen“, so der Vater von vierjährigen Zwillingen.

Dritten Fall in den Akten gefunden

Wie genau das Kreisjugendamt mit dem jetzt bekannt gewordenen Fall betraut war, ist bisher offen. Jugendamtsleiter Klaus Brune, der 2019 die Nachfolge von Gerhard Handermann angetreten hatte, muss nun sicherlich noch einige Fragen beantworten.

Michael Stickeln und sein Vorgänger Friedhelm Spieker waren am Freitag im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Landtags in Düsseldorf befragt worden. Dabei hatte der neue Landrat vor den Ausschussmitgliedern den dritten Fall erstmals erwähnt.

Michael Stickeln, Landrat im Kreis Höxter, sitzt im „Untersuchungsausschuss Kindesmissbrauch" im Landtag. Foto: Oliver Berg

Seit Monaten wartet der Lügde-Untersuchungsausschuss auf Akten aus dem Kreis Höxter. Im ersten Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft Paderborn aufgrund des Anfangsverdachts der Aktenmanipulation gegen eine Mitarbeiterin des Kreisjugendamts. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes hatten bei ihren Befragungen im Zusammenhang mit den ersten beiden Fällen vor dem Ausschuss in den vergangenen Wochen zudem Wissenslücken offenbart. 33 Kinder, das geht aus dem Urteil gegen die Lügde-Täter vom September 2019 hervor, sollen auf dem Campingplatz in Lügde über Jahre sexuell missbraucht worden sein.

Externe Untersuchung im Jugendamt

Die Strukturen, die Organisation und die Arbeitsabläufe des Kreisjugendamtes werden nun von externen Gutachtern aufgearbeitet. „Klar ist, dass bei uns in der Behörde Fehler gemacht worden sind“, weiß Stickeln inzwischen. Von der externen Überprüfung verspreche er sich neue Erkenntnisse. Die Untersuchungen würden vom Landesjugendamt und von einem unabhängigen Unternehmen erfolgen. „Welches Unternehmen es sein wird, ist noch nicht entschieden. Die Expertisen sind aber schon eingeholt worden“, sagte Stickeln und macht Tempo. Am Geld dürfe diese Untersuchung nicht scheitern.

Der frühere Warburger Bürgermeister Stickeln hatte vor gut einem halben Jahr die Nachfolge von Friedhelm Spieker als Chef im Kreishaus in Höxter angetreten und die Aufarbeitung des Falles Lügde im Kreis-Jugendamt zur Chefsache erklärt Der Landrat leitet eine Projektgruppe, die sich im Fall Lügde regelmäßig austauscht.

Friedhelm Spieker, ehemaliger Landrat im Kreis Höxter, steht im Sitzungssaal des „Untersuchungsausschuss Kindesmissbrauch“. Foto: Oliver Berg

Spieker überrascht

Ex-Landrat Friedhelm Spieker war am Freitag vom Ausschuss vor Michael Stickeln befragt worden und zeigte sich am Montag nach seiner fünfstündigen Anhörung vom medialen Echo auf seinen Auftritt überrascht. „Das hätte ich in der negativen Form nicht erwartet.“ Aus Sicht des 66-jährigen Juristen ist die juristische Seite in der Anhörung vor dem Ausschuss zu wenig berücksichtigt worden. „Es sollten keine Vorverurteilungen erfolgen.“ Im Fall Lügde habe es unter seiner Führung viele mündliche Absprachen in der Behörde gegeben. Wichtig sei aber für ihn ebenfalls die „lückenlose Aufarbeitung“ der drei Fälle.

Ein Kommentar von Jürgen Drüke

Landrat Michael Stickeln drückt auf das Tempo. Externe Untersuchungen sollen schnell aufdecken, was im Jugendamt des Kreises Höxter im Zusammenhang mit dem Fall Lügde und dem hundertfachen sexuellen Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz über Jahre hinweg falsch gelaufen ist.

Der neue Landrat, der erst seit dem 1. November im Amt ist, gesteht Fehler seiner Behörde ein und kann am wenigsten dafür. Stickeln geht in die Offensive. Das ist der einzig richtige Weg angesichts des unsäglichen Leids, welches den Kindern widerfahren ist und angesichts der offenbaren Tatenlosigkeit im Jugendamt.

Unfassbar ist, dass gut eineinhalb Jahre nach dem Urteil im Kreisjugendamt ein dritter Fall auftaucht. Ein Update der Missbrauchsfälle hat es nach dem Urteil im September 2019 im Jugendamt bis vor wenigen Tagen wohl nicht gegeben. Erinnerungslücken bei Mitarbeitern und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Aktenmanipulation passen ins unsägliche Bild.

Personelle Konsequenzen werden als Teil der Aufarbeitung wohl unvermeidlich sein.

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