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30 Jahre Mauerfall: Paula und Norbert Pirone betreuten hunderte Flüchtlinge in Villa Löwenherz in Lauenförde

Aus der DDR ins Motorrad-Hotel

Höxter/Lauenförde (WB). »Wir waren wie ein Durchgangslager«, erzählt Paula Pirone (84). Gemeinsam mit ihrem Ehemann Norbert nahm sie vor und nach der Wende 1989 hunderte DDR-Übersiedler in der Villa Löwenherz in Lauenförde auf. Heute lebt das Ehepaar in der Tonenburg.

Roman Winkelhahn

Am schwarzen Bechstein-Flügel, der damals in der Villa Löwenherz gestanden hat, sang Paula Pirone mit den Kindern aus der DDR Weihnachtslieder. Sie erinnert sich noch gut an die Jahre 1989/90 und trifft manchmal ehemalige Flüchtlinge. Foto: Roman Winkelhahn

Was Europa seit rund vier Jahren erlebt – einen Andrang von Menschen, die in ihrer Heimat nicht mehr sicher sind – gab es vor 30 Jahren schon einmal: 1989 fiel in Berlin die Mauer; die Bürger der DDR konnten aus der kommunistischen Diktatur fliehen. Sie wurden auf westdeutsche Gemeinden aufgeteilt, wo sie eine Unterkunft bekamen. Auch der Samtgemeinde Boffzen sind »Übersiedler« zugewiesen worden – und Heinz Thadewald, damals Leiter des Ordnungsamtes, hatte die Aufgabe, diese unterzubringen. »Helfen Sie mir!«, hat er 1989 zu Norbert Pirone (86) gesagt.

Alle packen mit an

Pirone und seiner Frau gehörte seit 1978 die Villa Löwenherz in Lauenförde, die sie zu einem Motorrad-Hotel umgebaut hatten. Im Winter war hier eher wenig los, aber dafür umso mehr zu tun. Die Gäste aus der DDR kamen der Familie Pirone also gerade recht: Das Integrationskonzept »Alle packen mit an« machte beide Parteien zu »Gewinnern«, wie Norbert Pirone heute sagt. Die Übersiedler fanden ein Heim für einige Tage oder Wochen und Familie Pirone bekam Unterstützung bei der Renovierung und dem Ausbau des Hotels oder bei der Arbeit im Haus, zum Beispiel in der Küche.

Vor der Wende seien es Flüchtlinge gewesen, die über Ungarn und die Tschechoslowakei in den Westen geflohen seien. Nach dem Mauerfall sei die Rede von »Übersiedlern« gewesen. »Zuerst waren es immer 30 bis 40 Menschen in der Villa«, erklärt Norbert Pirone. Die meisten seien nur bis zu zwei Wochen geblieben, manche nur ein paar Tage. »Später wurden es mehr, manchmal 80 Menschen, und sie blieben länger«, erinnert er sich. »Irgendwann wollte sich sogar Herr Moritz, der Leiter des Grenzdurchgangslagers Friedland, unser Konzept vor Ort ansehen«, sagt Paula Pirone stolz.

Das einfache System damals: Jeder muss mitmachen. Im Hotel gab es Zwei- bis Vierbettzimmer und die »Matratzenlager« mit bis zu acht Betten. »Wir versuchten drauf zu achten, dass die Familien zusammenbleiben konnten«, sagt Paula Pirone. Jeder Gast in der Villa bekam einen Eintrag in Norbert Pirones Notizbuch. Auch die Adresse nach dem Auszug aus Lauenförde wurde vermerkt. Die Würgasser Straße in Lauenförde wurde zu einem Mikrokosmos, der alle Facetten der Zeit vor, während und nach der Wende in sich vereinte. Auf dem Flur des Hauses installierte die Familie Pirone eine Telefonanlage. Würde man die Gespräche von 1989 heute noch einmal zurückholen, was würde man da alles hören? Glückliche Menschen, verzweifelte Menschen, vielleicht auch welche, die Angst haben vor der Zukunft. Menschen, die ihre Familie vermissen, und Menschen, die auf der Suche nach einer Familie sind.

»Für uns war das eine Befriedigung, weil wir konkret helfen konnten«, erinnert sich Paula Pirone. »Ich bin mit schreienden Babys zum Arzt gefahren, wir haben die Leute zum Arbeitsamt gebracht, für sie gekocht, den Weihnachtstisch gedeckt.« Manchmal, erklärt sie, habe man einen Unterschied gemerkt. Die »Gesinnung« der DDR-Bürger, sagt Pirone, sei eine andere gewesen. »Einer Mutter, die gerade ihr Kind bekommen hat, habe ich gesagt, dass sie noch nicht sofort wieder arbeiten gehen kann«, erklärt sie. »Wieso?«, soll diese dann gefragt haben. Es gebe doch Kinderkrippen.

»Auch Baumärkte kannten viele nicht.« Als Norbert Pirone neue Rohre für den Ausbau des Hotels kaufen wollte, haben sich die Männer aus der DDR auf ein paar Wochen Baustopp eingestellt: »Die dachten, ich müsste da auch erstmal einen Antrag schreiben«, sagt Pirone. Auch dass es im Westen keine Lebensmittelengpässe gab, haben viele nicht verstanden.

Wiedersehen im Supermarkt

Neben schönen Erinnerungen, über die sie auch heute noch herzlich lachen, gab es in der Vergangenheit des Ehepaars aber auch Momente, die nicht einfach waren: »Manche haben die Nase gerümpft und wollten nicht arbeiten«, erzählt Paula Pirone. Auch aus der DDR-Haftanstalt Bautzen seien drei oder vier ehemalige Insassen in der Villa gewesen. »Sie redeten nicht viel. Das Misstrauen untereinander war groß, teilweise sogar innerhalb der Familie.«

An eine Anekdote, die vom »promovierten Tellerwäscher«, erinnert sich Paula Pirone besonders gern: »Irgendwann um Nikolaus herum kam einer, der war Doktor«, erzählt sie. Auch er habe im Haus mitgeholfen. »Silvester hat er noch mit uns gefeiert, dann ist er gegangen.« Später habe der Mann eine Professur für Psychologie angenommen, sagt Pirone.

Es sind Geschichten, wie man sie zum 30. Jahrestag des Mauerfalls verfilmen könnte, mit all ihren schönen und weniger schönen Kapiteln, mit kleinen Erzählungen aus dem Alltag, drei Kindern, die im Beverunger Krankenhaus das Licht der Welt erblickt haben, und der ehemaligen Flüchtlingsfrau im Aldi, die Paula Pirone später so bekannt vorkam.

Heute wird die Villa Löwenherz von den Kindern des Ehepaars geleitet. Paula und Norbert Pirone leben in der Tonenburg bei Höxter. Neben der Treppe zur Küche hängt auch ein Aquarell von der Villa Löwenherz, gleich neben dem Bechstein-Flügel, an dem Paula Pirone damals mit den Kindern aus der DDR Weihnachtslieder gesungen hat. »Wir waren eine große Familie«, sagt sie. Ihr Mann nickt zustimmend.

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