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Kabarettist René Sydow punktet mit gesellschaftskritischen Pointen

Die Bürde des weisen Mannes

Beverungen (WB). »Sie merken, es könnte ein schwieriger Abend werden«, warnt Kabarettist René Sydow seine Zuschauer kurz nach Showbeginn in Beverungen. Ob zum Thema Vollbeschäftigung oder Digitalisierung, Bildung oder Globalisierung – in seinem Programm »Die Bürde des weisen Mannes« warf Sydow Fragen auf, die nachdenklich stimmten und zog die 400 Zuschauer mit gewichtiger Wortkunst in seinen Bann.

Laura Dunkel

René Sydow hat das Publikum in Beverungen nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken angeregt. Foto: Laura Dunkel

»Sechs Milliarden Menschen auf der Welt haben einen Internetzugang. Nur viereinhalb Milliarden haben Zugang zu einer Toilette – da fragt man sich, was wichtiger ist. WLAN oder Stuhlgang?« Es sind Fragen wie diese, die das Publikum verhalten zum Lachen bringen. Die Menschen lachen, weil die Pointe gut war. Ihr Lachen ist aber auch Ausdruck der Absurdität dieser Frage – der Tatsache, dass sie in einer Welt leben, in der solche Fragen überhaupt gestellt werden müssen.

Es ist keine leichte Kost, die Sydow auf der Bühne präsentiert. Aber es lohnt sich, ihm zuzuhören. Er führt an, dass es nicht sein könne, dass in Deutschland 2,8 Milliarden Euro pro Jahr in die Digitalisierung der Schulen gesteckt werden, aber das Essen in der Schulmensa Tierfutter gleiche. Tausende Lehrer fehlten und asbesthaltiger Putz bröckele. Dass es nicht sein kann, dass wir die ganze Welt fotografieren, aber sie nicht begreifen und wir vor lauter Zeitersparnis vergessen, wie viel Zeit wir für die Zeitersparer aufbringen.

Kritik an der Konsumgesellschaft

»Technik macht uns weltfremd. Wir bestaunen einen Fortschritt, ohne ihn zu hinterfragen«, macht Sydow deutlich. Er warnt vor einem digitalen Echoraum für Meinungen und Zielgruppen. Er warnt davor, dass man vergesse, hinaus in die echte, algorithmenfreie Welt zu gehen und nur noch in einem System existiere, anstatt zu leben.

Sydow kritisiert auch die Konsumgesellschaft, in der günstige Preise die Kauflust ankurbeln. »Wir beuten uns selbst aus, im Glauben, uns zu verwirklichen. Wer möchte schon hören, dass 20 Kleider nicht glücklicher machen als zwei?«

In einer Zeit, in der die Jugend ihre Sprache verliere, auf Youtube in Verkaufsvideos »zugelabert« werde und prominent sein bedeute, Reality-Show-Teilnehmer bei RTL zu sein, wünscht sich Sydow mehr Kunst und Kultur, die die Leute nicht da abhole, wo sie stehen, sondern sie fordert. Auch die Schule sei dahingehend wichtig. Sie dürfe nicht bloße Kompetenzen vermitteln, sondern müsse die Kinder in der Form bilden, dass sie etwas wissen, und nicht nur wissen, wo etwas steht.

Sydow appelliert in der Stadthalle Beverungen auch für mehr Menschlichkeit. »Erschöpfung ist heute schambesetzt. Erschöpfung klingt nach einem kaputten Fiat Punto. Burn-Out hingegen nach einem liegengebliebenen Lamborghini.« Und ein Kind sei heute keine Lebensaufgabe mehr, sondern ein Start-up, das laufen müsse.

Kabarettist rüttelt Zuschauer sauf

Dem Kabarettisten ist das, was er sagt, wichtig. Er will die Menschen mit seinen Worten aufrütteln – nicht böse und mit mahnendem Zeigefinger, aber leidenschaftlich und mit Herz. Sydow will die Menschen zu einem selbstbestimmten Leben animieren, dazu, die Welt und vor allem ihr eigenes Handeln zu hinterfragen, anstatt jegliche Entwicklungen unreflektiert hinzunehmen. Es wird deutlich, dass es die Bürde des weisen Mannes ist, keine Fragen zu stellen, keine neuen Blickwinkel zu suchen und davon zu erzählen.

Sydow beendet seine Show mit einem »privaten Bildungsauftrag«: »Es gibt in Deutschland Kollegen, die großartiges Kabarett machen, die Sie aber nicht kennen, weil sie nie im Fernsehen oder Radio laufen. Mein Tipp an Sie: Gehen Sie auch mal zu den Leuten, deren Namen sie noch nicht kennen«, riet Sydow.

Auch, wenn er mit dieser Aussage auf seine Kollegen verwies, war den Zuschauern nach dem zweistündigen Kabarettabend mit ihm klar, dass »großartiges Kabarett« auch eine Wertung ist, die auf Sydow ganz persönlich zutrifft.

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