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Wie zwei Kindergartenkinder in Dalhausen durch die Corona-Zeit kommen

Richtig beste Brieffreunde

Dalhausen (WB). „Lieber Willem, geht es Dir gut? Ich hoffe, Du bist noch gesund. Mir geht es gut. Schade, dass wir uns wegen Corona nicht treffen können. Bis bald. Dein Eric.“ – „Hallo Eric, mein bester Kumpel, wirklich sehr schade, dass wir uns nicht treffen können. Ich habe versprochen, Dir einen Brief zu schicken. Das mache ich jetzt. Ich hoffe, Du steckst dich nicht mit Corona an. Alles Gute! Dein Willem.“ So beginnt der Briefwechsel zweier kleiner Freunde, die sich wegen der Corona-Pandemie nun auf eine unbestimmt lange Zeit nicht mehr treffen können.

Michaela Friese

Willem (links) und Eric dürfen sich in der Corona-Krise nur auf Abstand sehen. Zum Abklatschen benutzen die beiden besten Kumpel einen Stock. Darüber hinaus halten sie ihre Freundschaft mit Briefen aufrecht, die sie den Müttern diktieren. Foto: Michaela Friese

Als am Nachmittag des 13. März feststand, dass ihre Kita nun mindestens bis zum 20. April nicht mehr geöffnet werden darf und es zu weitreichenden, strengen Kontaktbeschränkungen für alle kommen wird, fassten die beiden Sechsjährigen in ihrem Kindergarten, dem Familienzentrum St. Maria in Dalhausen, einen Entschluss. Bevor sie sich nun für Wochen von einander verabschieden mussten, versprachen sie sich: „Dann sind wir jetzt eben beste Brieffreunde – von Corona lassen wir uns nicht unterkriegen!“ Gesagt, getan. Ab jetzt diktierten die beiden Vorschulkinder in unregelmäßigen Abständen ihren Mamas einen Brieftext. Die Schreiben wurden anschließend noch liebevoll bemalt und beklebt sowie – Ehrensache – persönlich zum Briefkasten am Haus des besten Freundes gebracht. Und wenn die Sehnsucht zu groß war, durften Eric und Willem Videotelefonate führen. In diesen improvisierten die beiden auf erstaunliche Weise eine Art gemeinsames, virtuelles Spielen, zeigten sich ihre aktuellen Lieblingsspielzeuge und „fachsimpelten“ über Dinos, Ritter, Polizeiarbeit und Power Rangers.

Ausgestorbenes Haus

In Dalhausen gibt es derweil zwei Notbetreuungsgruppen. In der Kita, in der normalerweise 68 Jungen und Mädchen aus Dalhausen, Haarbrück und Jakobsberg betreut werden, sind bislang nur noch maximal zehn Kinder anzutreffen. Und alles ist völlig anders als zuvor. Die beiden Gruppen dürfen sich nicht begegnen, spielen und essen getrennt. Es gelten strenge Hygieneregeln. „Und alles muss genauestens dokumentiert werden“, erzählt Gabriele Richter, Leiterin der Einrichtung. „Wer war wann wie lange da? Was wurde wann wie desinfiziert?“ Sie gibt zu, dass in den ersten Wochen, als zunächst noch kein Bedarf an Notbetreuung an ihre Kita heran getragen wurde, ihr der Gang zur Arbeit sehr schwer gefallen sei. „Dieses ausgestorbene Haus, das sonst von Kinderstimmen und -lachen und vom Getrappel kleiner Füße erfüllt ist – das war so ungewohnt und sehr traurig.“ Die Büroarbeit teilt sie sich mit ihrer Stellvertreterin Manuela Nübel. Alle anderen Kolleginnen blieben zunächst zu Hause, bis die Notbetreuung dann doch nachgefragt wurde.

Betreuung nur für Notfälle

Diese übernehmen die Erzieherinnen seitdem im Rotationssystem. Manuela Nübel gibt zu, dass vor allem die ganz Kleinen es verständlicherweise noch nicht schafften, sich beim Spielen an Sicherheitsabstände und Hygieneregeln zu halten. „Doch aufgrund der sehr kleinen Gruppen hat man das sehr gut im Blick und kann gegebenenfalls einschreiten.“ Etwas problematisch sei auch gewesen, dass manchen Eltern nicht bewusst gewesen sei, dass die Betreuung „wirklich nur für den absoluten Notfall, also die Zeit, in der die Eltern außer Haus arbeiten müssen“, gedacht sei. „Einige dachten, wir würden für die Notbetreuungsgruppen die gleichen Öffnungszeiten anbieten wie vor Corona.“ Dies sei angesichts der aktuellen Vorgaben der Landesregierung aber für den Kindergarten organisatorisch schon gar nicht machbar.

Abstand schweren Herzens

Die beiden besten Brieffreunde haben sich kürzlich doch endlich „richtig“ wiedergesehen. Als Willem und seine Mutter bei einem Spaziergang am Haus des besten „Kumpels“ vorbei gingen, hörte Willem Eric im Garten spielen und rief aufgeregt nach ihm. Als der Gerufene angelaufen kam, hielten die beiden schweren Herzens Abstand. Und zeigten dabei Einfallsreichtum: Statt wie sonst direkt beim „High Five“ abzuklatschen, griffen sie zu einem Stock als „verlängertem Arm“. Dass sie aber ihren geliebten Kindergarten viel länger als gedacht und erhofft nicht wiedersehen und betreten würden, damit hatten die beiden Sechsjährigen, und sicherlich auch alle anderen Kinder, nicht gerechnet. Wie sehr die beiden kleinen Dalhäuser das aber doch belastet, zeigen die mit der Zeit trauriger werdenden Brieftexte. Im Mai diktiert Eric seiner Mama: „Ich vermisse Dich sehr. Ich wünschte, bald ist wieder Kindergarten. Dann könnten wir unsere Freunde Titus und Luke auch endlich mal wiedersehen.“ Es freut sie, dass die insgesamt 18 Vorschulkinder des Familienzentrums St. Maria ab dem 28. Mai wieder in den Kindergarten dürfen. Und so heißt es in Willems aktuellstem Schreiben: „Es wäre so toll, wenn wir in der Kita ohne Abstand spielen könnten. Aber am grausamsten ist, dass ich Dich nicht, wie sonst nach dem Urlaub immer, umarmen kann. Bleib gesund! Dein bester Freund Willem.“

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