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Kulturgemeinschaft präsentiert das Theaterstück „Sophie Scholl – die letzten Tage“ in der Stadthalle Beverungen

Spielen gegen das Vergessen

Beverungen

Ein Stück Zeitgeschichte haben 270 Besucher, darunter viele Schülerinnen und Schüler, am Donnerstagabend in der Beverunger Stadthalle erlebt. Die Landesbühne Rheinland-Pfalz zeigt Sophie Scholls letzte Tage in einem packenden Theaterstück nach dem Drehbuch von Fred Breinersdorfer, das 2005 in der Verfilmung mit Julia Jentsch international ausgezeichnet wurde.

Von Lea Henneke

Die Landesbühne Rheinland-Pfalz zeigt "Sophie Scholl - die letzten Tage"  in der Stadthalle Beverungen. Foto: Lea Henneke

Das Stück orientiert sich an den originalen Verhörprotokollen von Hans und Sophie Scholl.

Nach einer kurzen Begrüßung wird der Saal in Dunkelheit getaucht. Das Bühnenbild ist durch eine große Leinwand auf der linken Seite und einen großen Aktenschrank auf der rechten Seite gestaltet. Die Zuschauer werden direkt in ein geheimes Treffen der Mitglieder der Weißen Rose bei Dunkelheit im Licht ihrer Taschenlampen versetzt. Hier diskutieren sie über die Idee der Verteilung von Flugblättern an der Universität, dem ausschlaggebenden Ereignis für die Verhaftungen am 18. Februar 1943 und folgenden Verhöre der Widerstandskämpfer.

Flugblätter erscheinen auf der Leinwand

Es wird erzählt, wie sich Sophie Scholl, gespielt von Stella Withenius, und ihr späterer Verlobter Fritz Hartnagel, gespielt von Dominik Penschek, bei einer Tanzveranstaltung 1937 kennenlernten. Es folgen durch das Stück und über die Zeit hinweg immer wieder Briefwechsel zwischen dem Paar, das oft getrennt war durch Fritz‘ Einsatz als Berufsoffizier, verbildlicht wird dies durch gegenseitige Grußbotschaften auf der Leinwand.

Dann die Verhöre: Sophie und Hans Scholl, gespielt von Johannes Zajdowicz, werden zu ihrer Person befragt – und so auch dem Publikum vorgestellt. Die mit spannungsvoller Musik untermalten Verhörszenen der Geschwister Scholl durch den Gestapo-Inspektor Robert Mohr, dargestellt von Till Brinkmann und begleitet durch Mohrs Sekretärin an der Schreibmaschine (Hanna Pelz) werden abwechslungsreich gestaltet durch wechselnde Scheinwerferaktionen und akustische Signale, wodurch sie einen immer wieder aufs Neue in den Bann ziehen. Außerdem werden während der Befragungen Textabschnitte aus den Flugblättern auf die Leinwand geworfen.

Gegen das Nazi-Regime

Im Laufe des Schauspiels verändern sich die Verhöre von anfänglicher Leugnung der Befragten über die Tatsachen, über Teilgeständnisse aufgrund von handfesten Beweisen und schließlich dem offenen Vertreten des eigenen Standpunktes gegen das Nazi-Regime. Die Geschwister wurden bis zum 20. Februar 1943 voneinander getrennt in der Gestapo-Zentrale vernommen. Ein besonderes Element der Aufführung war auch die Liveübertragung der Geständnisse der verhörten Geschwister und Christoph Probst, dargestellt von Paul Behrens, auf der Leinwand.

Schlussendlich stehen die Angeklagten vor dem Richter Dr. Roland Freisler, der alle Mitglieder des inneren Kreises der Weißen Rose am 22. Februar 1943 zum Tode verurteilte. Die Verhaftung, Vernehmung, Verurteilung und Hinrichtung ereigneten sich somit in nur vier Tagen. Fritz Hartnagel stellt am Ende die Frage in den Raum: „Was würde Sophie dazu sagen, dass heutzutage wieder rechtsnationalistische Strömungen auf dem Vormarsch sind?“ und regte somit noch einmal zum Nachdenken an, bevor sich die Darsteller unter langem Applaus verabschiedeten.

Ein erschütterndes Zeitdokument

Die Aufführung war ein Nachholtermin aus der Spielzeit 2020/ 2021, anlässlich des 100-jährigen Geburtstages von Sophie Scholl im Jahr 2021. Ein erschütterndes Zeitdokument, das zeigt, zu welchem Widerstand junge Menschen fähig sein können. Die studentische Widerstandsgruppe appellierte in der Zeit des nationalsozialistischen Terrors aus humanistischen Motiven an die Verantwortung jedes Einzelnen für Freiheit und Gerechtigkeit. Auch heute noch ein top aktuelles Thema, das unsere Gesellschaft beschäftigt. Man konnte an diesem Abend also einem wichtigen und spannenden Stück beiwohnen. Ein bewegender Theaterabend für Jung und Alt.

Die Weiße Rose

Die Weiße Rose ist eine der bekanntesten deutschen Widerstandsgruppen und formierte sich zur Zeit des Dritten Reiches, um zum Aufstand gegen die Nazi-Diktatur und zur Beendigung des Krieges aufzurufen. Der innere Kreis, bestehend aus den Geschwistern Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf sowie dem Universitätsprofessor Kurt Huber, druckte dafür auf einer alten Matrizenmaschine Flugblätter, die per Post verschickt wurden. Als aufgrund des fortschreitenden Krieges keine Briefumschläge mehr zu bekommen waren, kamen die Geschwister auf die mutige, aber gefährliche Idee, die Flugblätter auch in ihrer Universität zu verteilen, was den Mitgliedern der Weißen Rose schließlich zum Verhängnis wurde.

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