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Kübler Schreibwaren, An der Kirche 10, schließt zum Jahresende nach 122 Jahren in Beverungen

Von Kommunionkerzen und Luftpost-Kopien

Beverungen

Was genau Ilona und Ferdinand Kübler im Januar machen werden, wissen sie nicht. „Man realisiert noch gar nicht richtig, dass wir wirklich schließen“, sagt das Paar, das sein gesamtes Eheleben auch beruflich gemeinsam verbracht hat. Nächstes Jahr feiern sie Goldene Hochzeit. Vorher, zum 31. Dezember, schließen sie das Schreibwarengeschäft Kübler – nach 122 Jahren.

Alexandra Rüther

Ilona und Ferdinand Kübler vor ihrem Geschäft An der Kirche 10. Zum Ende des Jahres ist Schluss. Foto: Alexandra Rüther

Angefangen hat alles am 1. Dezember 1898, als in der Zeitung folgende Anzeige erschien: „Einem hochgeehrten Publikum von Beverungen und Umgegend mache ich die ergebene Mitteilung, daß ich in Beverungen, Langestraße 114, eine Buchbinderei, verbunden mit Papier-, Schreibmaterialien- und Galanteriewarenhandlung eingerichtet habe und bitte ich in Bedarfsfällen um geneigten Zuspruch. Hochachtungsvoll, Heinrich Wagenknecht.“

Inneneinrichtung in den 1960er Jahren Foto: Kübler

Der junge Buchbinder musste schon bald umziehen, weil die Post das Haus an der Langen Straße gekauft hatte. So verlegte Wagenknecht sein Ladengeschäft an den Kellerplatz, in das Haus Groffmann. Auf diesem Grundstück steht heute das Service-Center (Marktpassage). 1908 dann der Umzug an den heutigen Standort an der Kirche. Dass aus Wagenknecht schließlich Kübler wurde, lag an der Tochter des Firmengründers. Anna Wagenknecht heiratete den Buchbindermeister Ferdinand Kübler aus Wessobrunn in Oberbayern. Der übernahm das Geschäft samt Druckerei und Buchbinderei am 1. Januar 1949. Am 2. Januar 1978 übergab er es wiederum an seinen Sohn, Ferdinand Kübler jun.

Ehefrau arbeitet selbstverständlich mit

An diese Zeit erinnert sich Ilona Kübler noch gut. 1971 hatte die gelernte Chemielaborantin den Buchbinder geheiratet. „Ich wäre gerne in meinem Beruf geblieben, aber es war ganz normal, dass ich im Geschäft mitarbeiten musste.“ Ihr Mann legte 1973 die Meisterprüfung ab und beide zusammen übernahmen nun Verantwortung. „Ich bin da quasi reingewachsen“, sagt Ilona Kübler, die heute alles über Füllfederhalter weiß und mit den Fingern erkennt, ob der Papierbogen 200 oder 300 Gramm wiegt. Unzählige Kinder sind mit ihr und einer Liste dessen, was sie im neuen Schuljahr benötigten, durch den Laden gegangen.

Wandbild Buchbinder Foto: Alexandra Rüther

Zu ihren Anfangszeiten hatte das Geschäft auch sonntags noch geöffnet. „Es gab alles – vom Tempo und Klopapier über Christbaumkugeln bis zu Feuerwerkskörpern“, erzählt Ferdinand Kübler. Sonntags nach der Kirche kauften sich die Männer die Zeitung und Zigaretten. Seine Frau erinnert sich an einen Sonntagmorgen, als die Türklingel ging und eine verzweifelte Mutter vor der Tür stand. „Es war weißer Sonntag und ihr Sohn hatte seine Kommunionkerze als Schwert benutzt. Er brauchte eine neue.“ Kurios ist auch die Geschichte einer Luftpost aus den USA. Ein Kunde, der inzwischen in die USA ausgewandert war, wandte sich 1980 per Brief an Kübler, um Kopien zu bestellen. „Er wohnte in Virginia so weit von der nächsten Stadt entfernt, dass er über uns schneller an seine Kopien kam.“

23.000 Artikel im Laden

Nun also soll Schluss sein mit dem Schreibwarenladen an der Kirche. „Die wirtschaftliche Situation hat sich so verändert, dass es kein Interesse gibt, in einem so kleinen Einzelhandel die Nachfolge anzutreten“, erklärt Ferdinand Kübler. Teilweise habe man mehr als 23.000 Artikel im Laden gehabt. Und was es nicht gab, wurde bestellt. „Das Angebot aber wird immer kleiner. Nehmen wir als Beispiel den Schulbedarf. In den Wochen, bevor die Schule losgeht, bietet mittlerweile jeder Discountern das Komplett-Paket an“, sagt Kübler. Da könne man nicht mithalten.

Kopierauftrag aus Amerika 1980 Foto: Kübler

Die Kunden wissen das – und finden es trotzdem schade. Das merken die Küblers (68 und 69 Jahre alt) an den Reaktionen, denn der Räumungsverkauf läuft ja schon seit Wochen.

Langeweile wird nicht aufkommen.

Pläne für nächstes Jahr haben die beiden noch nicht. Sie sind sich aber sicher, dass keine Langeweile aufkommen wird. „Dafür sorgen schon unsere vier Enkelkinder.“

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