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Rainer Rauch zieht nach sechs Jahren als Bürgermeister von Borgentreich Bilanz

„Es war mir eine Ehre, Verantwortungfür die Orgelstadt übernehmen zu dürfen“

Borgentreich (WB). Großes Aufheben und Tamtam um seine Person ist Rainer Rauch unangenehm. Er ist mit sich im Reinen, dennoch schwingt zum Abschied etwas Wehmut mit, wenn am 31. Oktober seine Zeit als Bürgermeister von Borgentreich endet. Im Gespräch mit WB-Redakteur Ralf Benner hat er Rückschau auf seine sechsjährige Amtszeit gehalten und in die Zukunft geblickt.

Nach sechs Jahren wird Rainer Rauch das Chefzimmer im Borgentreicher Rathaus verlassen und am Freitag, 30. Oktober, offiziell das letzte Mal die Tür hinter sich schließen. Seinen Glücksbringer, einen metallenen Schornsteinfeger, der ihn 20 Jahre lang begleitet hat, nimmt er mit. Foto: Ralf Benner

Nach sechs Jahren werden Sie das Chefzimmer im Borgentreicher Rathaus verlassen und am Freitag, 30. Oktober, offiziell das letzte Mal die Tür hinter sich schließen. Welche persönlichen Gegenstände aus dem Büro werden Sie mitnehmen?

Rauch: Auf meinem Schreibtisch steht ein metallener Schornsteinfeger, ein Geburtstagsgeschenk. Der Glücksbringer hat mich jetzt seit über 20 Jahren begleitet. Er wird einen schönen Platz in unserem Haus in Körbecke finden.

Aus persönlichen Gründen haben Sie nicht erneut als Kandidat für das Amt des Bürgermeisters der Orgelstadt zur Verfügung gestanden. Fiel Ihnen diese Entscheidung schwer?

Rauch: Ja, denn jetzt am Ende meiner aktuellen Wahlzeit habe ich insgesamt fast 23 Jahre als Hauptverwaltungsbeamter gearbeitet, zunächst von 1998 bis 2001 als Gemeindedirektor der Gemeinde Lindern, dort ab 2001 als erster hauptamtlicher Bürgermeister und seit 2014 als Bürgermeister der Orgelstadt.

Die Arbeit hat mir dabei immer sehr viel Spaß und Freude bereitet und es war natürlich auch eine Ehre, für diese Ämter gewählt worden zu sein und Verantwortung für die kommunale Entwicklung übernehmen zu dürfen. Es war mir daher schon sehr bewusst, dass der freiwillige Verzicht auf eine weitere Kandidatur eine Entscheidung für einen völlig neuen Lebensabschnitt sein wird.

Fällt Ihnen der Abschied jetzt leicht?

Rauch: Ja, denn ich bin mit mir und meiner Entscheidung im Reinen, ich freue mich auf den neuen Lebensabschnitt ab 1. November!

Sie sind jetzt 54. Der Ruhestand ist in diesem Alter ja noch kein Thema. Welchen Weg schlagen Sie beruflich nun ein?

Rauch: Ich habe mich schon immer sehr für die Themen Dorfentwicklung und die Entwicklung ländlicher Räume interessiert und auch engagiert. In diesen Themenbereichen beabsichtige ich, in der Beratung tätig zu werden. Erste Gespräche sind dazu geführt, erste Anfragen liegen auch schon vor: mir wird garantiert nicht langweilig werden!

In den vergangenen 22, fast 23 Jahren war die Zeit, die Sie privat verbringen konnten, immer sehr begrenzt. Mit welchen Aktivitäten werden Sie Ihr Leben nach der Zeit im Borgen­treicher Rathaus gestalten?

Rauch: Ich bin ein Familien- und Naturmensch, und zugegeben: hier ist die Zeit in den letzten zwei Jahrzehnten tatsächlich sehr begrenzt und eingeschränkt gewesen. Ich werde daher deutlich mehr Zeit mit meiner Familie und in der Natur verbringen.

Was wird Ihnen fehlen, wenn Sie nicht mehr Stadtoberhaupt sind? Was hat Ihnen bei der Arbeit als Bürgermeister besonders Spaß gemacht?

Rauch: Ganz sicher ist das Amt des Bürgermeisters in der Kommunalverwaltung das schönste Amt, denn es bietet Gestaltungsräume. Die Entwicklung einer Stadt oder Gemeinde mit zu gestalten macht Spaß, und vielleicht wird mir dies ein bisschen fehlen.

Und was wird Ihnen ganz bestimmt nicht fehlen, was hat Ihnen keine Freude gemacht?

Rauch: Natürlich gibt es auch die nicht so schönen Momente im Leben eines Bürgermeisters. In diesem Amt kann man es nicht allen recht machen, das darf man auch gar nicht erst versuchen. Mir wird sicherlich nicht fehlen, Entscheidungen zu erklären, die notwendig und/oder rechtmäßig sind, obwohl man zugleich Verständnis für diejenigen hat, die mit der Entscheidung nicht zufrieden sind.

Werden Sie sich jetzt ganz aus der Politik zurückziehen?

Rauch: Definitiv ja! Ich habe ja bereits 2013 bei meiner Nominierung gesagt, dass ich mit Ausnahme des Bürgermeisteramtes in Borgentreich kein anderes politisches Amt mehr anstrebe und dabei bleibt es auch. Seitdem ich 14 bin, habe ich mich kommunalpolitisch engagiert, vor meiner hauptamtlichen Zeit in der Kommunalpolitik auch etliche Jahre ehrenamtlich, u. a. als Magistratsmitglied in meiner Heimatstadt Volkmarsen. Alles hat seine Zeit, und nun ist für mich der richtige Zeitpunkt für andere Dinge.

Sie wurden 2014 zum Bürgermeister von Borgentreich gewählt. Stellte dieser Umstand gerade zu Beginn eine besondere Herausforderung für Sie dar? Ihr Vorgänger Bernhard Temme saß ja 15 Jahre auf dem Chefsessel im Rathaus. Wie haben die Mitarbeiter der Verwaltung auf diese Veränderung reagiert?

Rauch: Nein, denn ich kannte das Geschäft als Bürgermeister ja schon hinreichend aus meinen 16 Jahren in Lindern. Das war gerade bei den schwierigen Themen wie z. B. der Einrichtung der zentralen Unterbringungseinrichtung (ZUE) in der ehemaligen Desenberg-Kaserne gleich zu Beginn meiner Amtszeit für mich ein großer Vorteil. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verwaltung und allen Einrichtungen wie Bauhof, Kindergärten, Bäder etc. haben mich in meiner Arbeit von Anfang an bis heute unterstützt, viele von ihnen kannte ich ja auch noch aus meiner Zeit in der Borgentreicher Verwaltung von 1993 bis 1998.

Welche Akzente haben Sie als Bürgermeister gesetzt?

Rauch: Wir haben kräftig in die Infrastruktur im Stadtgebiet investiert, und zwar da, wo es notwendig oder sinnvoll war, und schließlich haben davon alle Stadtteile profitiert. Insgesamt haben Stadt, Kommunalunternehmen und Stadtwerke Borgentreich in den letzten sechs Jahren rund 31 Millionen Euro in Borgentreich investiert, rund 20 Millionen Euro konnten an Fördermitteln für diese Investitionen eingeworben werden. Das ist für eine Kleinstadt wie Borgentreich mit knapp 9000 Einwohnern schon eine sehr beachtliche Summe.

Welche Projekte konnten Sie erfolgreich umsetzen?

Rauch: Es gibt eine ganze Reihe von Projekten, die wir gemeinsam auf den Weg bringen konnten. Am wichtigsten aus meiner Sicht war der kreisweite Breitbandausbau, sodass jetzt 97 Prozent unserer Haushalte die Möglichkeit haben, schnelles Internet zu nutzen. Dies ist für die Zukunftsfähigkeit unserer Stadt von enormer Bedeutung. Daneben sind nur beispielsweise die Investitionen in den Ausbau der Kinderbetreuung unserer städtischen Kitas, die Sicherstellung des Schulstandorts, der Start umfangreicher Sanierungsmaßnahmen unserer Wasserversorgung oder die Sanierung des Rathauses zu nennen, aber eben auch viele weitere Maßnahmen.

Auf welche Leistung, auf welches Vorhaben, das Sie als Bürgermeister auf den Weg oder zum Abschluss gebracht haben, sind Sie besonders stolz?

Rauch: Ich denke, dass das mit großer Beteiligung der Bürgerschaft in allen Stadtbezirken entwickelte IKEK gemeinsam mit dem Leerstandsmanagement zu einem Stimmungswechsel in der Bevölkerung geführt hat. Die Anzahl der Leerstände im ganzen Stadtgebiet konnte sehr deutlich gesenkt werden. Die Leerstände standen 2014 bildhaft für „sterbende Dörfer“ und dies war in ganz vielen Versammlungen und Besprechung stets das Thema Nr. 1. Davon höre ich heute nicht mehr viel. Gepaart mit einigen städtischen und privaten Investitionen vor Ort sehe ich heute eher eine gewisse Aufbruchsstimmung in allen Stadtbezirken.

Welche Entscheidung ist Ihnen rückblickend besonders schwer gefallen?

Rauch: Das Thema Windkraft: die Kommunen, auch die Stadt Borgentreich, werden getrieben von teilweise sehr aggressiv auftretenden Windkraftprojektierern. Dazu greift die Rechtsprechung in massiven Umfang in die kommunale Planungshoheit ein, sie existiert fast nur noch auf dem Papier. Die Kommunen im ländlichen Raum sind im Spannungsfeld zwischen den rechtlichen Rahmenbedingungen zum Windkraftausbau und der berechtigten Frage: wie wollen wir eigentlich mit unserer Heimat umgehen. Und dazu gehört auch unsere schöne Landschaft!

Ich glaube, dass wir im gesamten ländlichen Raum noch sehr große Konflikte erleben werden, wenn der Windkraftausbau nicht mit Maß und Mitte betrieben wird und wenn einzelne Regionen wie zum Beispiel Ostwestfalen gegenüber anderen Regionen wie etwa in Bayern und Baden-Württemberg besonders stark belastet werden.

Welche Themen haben Sie besonders belastet bzw. bei ihrer Bewältigung vor große Herausforderungen gestellt?

Rauch: Nicht schön waren unhaltbare Vorwürfe, zum Teil Beleidigungen und persönliche Bedrohungen im Zusammenhang mit der Einrichtung der ZUE in den Jahren ab 2014, und das aus allen politischen Richtungen, sowohl von links als auch von rechts.

Ich bin und bleibe persönlich nach wie vor skeptisch bezüglich der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Zugleich habe ich aber gerade ab 2014 die gesamtgesellschaftliche Verpflichtung unserer Stadt anerkannt und Bund wie Land in der Krise unterstützt.

Dabei habe ich aber immer auch die Interessen unserer Bevölkerung und unserer Stadt gegenüber dem Land und der Bezirksregierung vertreten, manchmal vielleicht auch sehr robust. Der gesamte Rat hat mir dabei immer Rückhalt gegeben. Dieser Spagat war nicht immer einfach und hat mir auch manchen Ärger bereitet.

Gibt es Beschlüsse von Rat und Verwaltung, die Sie im Nachhinein bereuen, wo Sie aus heutiger Sicht, mit dem heutigen Wissen, vielleicht anders handeln würden oder müssten?

Rauch: Ganz ehrlich: Beschlüsse bereue ich im Nachhinein nicht, die waren aus meiner Sicht ­durchaus abgewogen. Natürlich ist man bei manchen Dingen im Nachhinein immer schlauer! So würde ich heute darauf bestehen, dass die bei der Einrichtung der ZUE gegebenen Zusagen der Bezirksregierung auch schriftlich erfolgen.

Welches Projekt hätten Sie als Bürgermeister vor dem Ende ihrer Amtszeit noch gerne realisiert?

Rauch: Gern hätte ich noch einige IKEK-Projekte mehr oder früher umgesetzt. Hier hat es leider mit der Bewilligung von Fördermitteln nicht immer so gut und reibungslos geklappt, wie ich es mir gewünscht hätte.

Warum war Ihnen der Kontakt zur Basis immer wichtig? Welche Rolle hat für Sie in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit mit den Beschäftigten der Stadtverwaltung und im weiteren Sinne mit den Bürgern der Orgelstadt gespielt?

Rauch: Die Basis erdet, ohne die konstruktive Kritik, Hinweise und Ratschläge aus der Bevölkerung kann man keine Veränderungen herbeiführen. Gute Kommunalpolitik funktioniert zudem nur im Team mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Stadtverwaltung. Das hat aus meiner Sicht gut geklappt, und dafür bin ich allen Mitstreiterinnen und Mitstreitern sehr dankbar.

Die CDU hat nach den Kommunalwahlen im Borgentreicher Rat die absolute Mehrheit verloren. Was würden Sie Nicolas Aisch (CDU), Ihrem Nachfolger im Amt, auch vor diesem Hintergrund noch gerne mit auf den Weg geben?

Rauch: Ganz sicher werde ich meinem Nachfolger keine guten Ratschläge mit auf dem Weg geben. Jeder, der das Amt eines Bürgermeisters übernimmt, muss seinen eigenen Weg und seinen eigenen Stil finden, und ich bin davon überzeugt, dass Nicolas Aisch das ganz prima hinbekommt. Ich wünsche ihm auf jeden Fall viel Erfolg!

Worauf freuen Sie sich jetzt ganz besonders?

Rauch: Auf mehr gemeinsame Zeit mit meiner Frau Andrea und meiner Familie und einen – im Wesentlichen – eigenbestimmten Kalender.

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