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Im Gebiet der Orgelstadt, Steinheim, Willebadessen und Brakel steigt die Zahl nitratbelasteter landwirtschaftlicher Flächen

Bauern im Borgentreicher Land sehen rot

Borgentreich/Stei...

Während andernorts in Westfalen-Lippe die roten Gebiete geschrumpft sind, wird für den Kreis Höxter noch mal 15 Prozent mehr Fläche als „nitratbelastet“ ausgewiesen. Das ärgert den Landwirtschaftlichen Kreisverband. Die Landwirte rechnen mit Ertragseinbußen.

Marius Thöne

Die roten Gebiete rund um Borgentreich sind noch einmal größer geworden. Eine Besonderheit in Westfalen. Foto: ELWAS NRW

„Wir waren zunächst von zehn Prozent mehr Fläche ausgegangen, mussten den Wert nach einer genaueren Analyse dann aber nach oben korrigieren“, sagte der Geschäftsführer des Kreisverbandes, Stefan Legge, am Freitag.

„Die neuen Regelungen zur Binnendifferenzierung schlagen bei uns voll ins Kontor“, macht Antonius Tillmann, Vorsitzender des Kreisverbandes, die Betroffenheit seiner Berufskollegen deutlich. Zwar bekenne sich die Landwirtschaft weiterhin voll und ganz zum Gewässerschutz: „Dieses Ergebnis können wir aber so nicht stehen lassen.“

Bis Mittwochabend, als die Landesregierung die neue Karte nitratbelasteter Gebiete veröffentlichte, gab es im Kreis gut 7660 Hektar, die als nitratbelastet eingestuft wurden. Jetzt sind noch weitere Flächen hinzugekommen, vor allem im Bereich der Stadt Borgen­treich, aber auch in Willebadessen (Altenheerse) und Brakel (Gehrden) sowie ganz im Norden bei Hagedorn und Steinheim.

Landwirt Tillmann aus Bonenburg stellt klar: „Im Vergleich zu anderen Regionen in NRW werden im Kreis Höxter wenig Tiere pro Hektar landwirtschaftlicher Fläche gehalten. Auch der überbetriebliche Einsatz von Gülle als Pflanzendünger macht keine Probleme, da viele Ackerbaubetriebe diese gut gebrauchen können. Dass ausgerechnet wir hier nun besonders eingeschränkt werden sollen, kann nicht angehen.“

Damit das Grundwasser nicht mit Nitrat belastet wird, sieht die neue Düngeverordnung in den nitratsensiblen Gebieten eine Unterteilung in grüne und rote Gebiete vor. In den roten Gebieten gelten künftig vor allem bei der bedarfsgerechten Düngung strengere Regeln. Die Landwirte rechnen mit Ertragseinbußen.

Der WLV-Kreisverband prüft nun alle Möglichkeiten, die Situation für die betroffenen Betriebe zu verbessern. „Wir haben wenige Messstellen, in denen erhöhte Nitratwerte gemessen werden. Im riesigen Grundwasserkörper um Borgen­treich und Warburg ist es beispielsweise nur eine“, erläutert Legge ein zentrales Problem. Die Messstelle bei Borgentreich ist stark nitratbelastet. Hier fordert der Bauernverband eine gutachterliche Überprüfung. Und: „Es müssen dringend mehr Messstellen ertüchtigt und zur Bewertung herangezogen werden.“ Erst dann könne man den Zustand eines Grundwasserkörpers objektiv bewerten.

Ein Webfehler der neuen Düngeverordnung sei, dass der einzelne Betrieb die Bewertung seiner Flächen nicht unmittelbar beeinflussen könne. „Landwirte müssen schnell die Möglichkeit erhalten, einzelbetrieblich nachzuweisen, dass ihre Bewirtschaftung nicht zu hohen Nitrateinträgen ins Grundwasser führt. So müssen sie sich von erhöhten Auflagen befreien können“, formuliert Tillmann eine zentrale Forderung.

Georg Gievers von der Wasserkooperation bei der Landwirtschaftskammer nannte die Nitrat-Karte „überraschend“. Auch er hatte mit einer umgekehrten Entwicklung gerechnet.

Von den Auswirkungen sind auch die 200 Teilnehmer der Flurbereinigung in Großeneder betroffen, die kurz vor dem Abschluss steht. 2011 war von der Bezirksregierung die Flurbereinigung als Musterprojekt für NRW eingeleitet worden, um die „zersplitterte“ Feldflur auf einer Fläche von insgesamt 1400 Hektar neu zu ordnen. Grundstücksbesitzer und Landwirte befürchten nun Nachteile bei der Zuteilung der Flächen.

„Während andernorts die roten Gebiete geschrumpft sind, wird für Großeneder plötzlich noch mal rund zehn Prozent mehr Fläche als nitratbelastet ausgewiesen“, sagt Franz Engemann, Vorsitzender der Teilnehmergemeinschaft. Das sei so nicht nachvollziehbar.

Mitte 2021 will die Flurbereinigungsbehörde den Teilnehmern eigentlich ihre neuen Flächen zuteilen. Dabei gilt der Grundsatz der wertgleichen Abfindung. „Wie soll das jetzt noch gewährleistet werden“, fragt sich Engemann.

Er rechnet mit einer Klagewelle der Teilnehmer, die sich gegen die Zuteilung von nun roten Flächen zur Wehr setzen würden. Damit werde der Abschluss der Flurbereinigung wohl um Jahre verzögert. „Einen vergleichbaren Fall hat es noch nicht gegeben“, ärgert er sich. Die Nitrat-Karten würden jährlich aktualisiert, habe NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser verkündet. „Sie nimmt den Landwirten so jegliche Sicherheit“, sagt Engemann. „Damit haben sich zukünftige Flurbereinigungen erledigt, sie sind undurchführbar geworden.“

Mit der Nitrat-Einstufung wollen sich die Teilnehmer der Flurbereinigung nicht abfinden. Sie haben eine Anwaltskanzlei beauftragt, die Berechnungen des Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz zu überprüfen. Das könne aber Monate dauern. Sie erwägen zudem eine Sammelklage.

„Enttäuscht“ von der jüngsten Entwicklung zeigt sich Borgentreichs Bürgermeister Nicolas Aisch. „Das kann doch nicht die von Ministerin Heinen-Esser in Aussicht gestellte Lösung für Gro­ßeneder sein“, sagt Aisch. „Ich habe weiterhin die Hoffnung, das an einer Lösung gearbeitet wird.“ Die Ministerin habe schließlich die aktuelle Lage in Gro­ßeneder als eine „Sondersituation“ bezeichnet. Der müsse nun auch Rechnung getragen werden. Er kündigte an, dies Anfang nächster Woche auch in Gesprächen mit der Bezirksregierung deutlich zu machen.

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