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Panflöten-Virtuose Matthias Schlubeck wechselt das Geschlecht

„Hurra, es ist ein Mädchen“

Bellersen(WB). Gut gehe es Ihr, sagt sie. „Ein bisschen warm vielleicht,wärmer als sonst“, ergänzt sie und fasst in ihr langes Haar. Sie, das ist Hannah Schlubeck. Bis vor kurzem war die 47-Jährige Matthias Schlubeck, einer der renommiertesten Panflötisten weltweit.

Frank Spiegel

Hannah Schlubeck hofft, möglichst bald die geschlechtsangleichende Operation bekommen zu können. Die Reaktionen auf ihre Wandlung waren bisher nur positiv. Foto: Bettina Osswald

„Ich habe genau zum richtigen Zeitpunkt meine wärmenden Haare bekommen“, scherzt die Bellerserin, die, als sie noch als Mann lebte, teilweise schütteres Haupthaar hatte, um gleich darauf wieder ernst zu werden: „Das ist wie so eine Art Befreiungsschlag.“

Befreiungsschlag

Dass sie Ende vergangenen Jahres den Entschluss gefasst hat, das Leben als Mann hinter sich zu lassen, ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Prozesses.

„Das ich in der Beziehung irgendwie anders bin, weiß ich seit meiner Kindheit und Jugend. Aber da habe ich das noch nicht so eingeordnet“, blickt sie zurück.

Sie erfülle allerdings nicht das Klischee, dass sie als Kind mit Puppen gespielt habe. „Es war aber so, dass ich mich meistens wohler gefühlt habe in der Gegenwart von Mädchen. Nicht, weil ich denen hinterhergejagt wäre. Ich konnte mit denen mehr anfangen“, erinnert sie sich. Und tolle Kleider habe sie schon immer faszinierend gefunden. Im Gegensatz dazu habe sie als Junge und Mann nie Wert auf Kleidung gelegt.

Hannah Schlubeck: „Das ist jetzt anders. Ich darf mich neu erfinden.“

Sie habe mit dem Thema Trans-Menschen anfangs auch nie etwas zu tun gehabt. Hannah Schlubeck: „Das kam eigentlich erst durch das Internet, dass man gemerkt hat: Man ist gar nicht so alleine.“ Präsent sei das Thema für sie schon lange. „Mit der OP beschäftige ich mich schon seit fast 14 Jahren. Auch wenn ich damals nie gedacht hätte, dass ich den Schritt wirklich mache.“

Sie habe aber gemerkt, dass sie das Bedürfnis Frau zu sein auf Dauer nicht ignorieren kann.

Typischer Verlauf

„Meine Geschichte ist ein fast typischer Verlauf. Entweder man trifft die Entscheidung als junger Mensch oder man wartet ab, weil man das, was man sich aufgebaut hat, nicht in Gefahr bringen will, sei es Familie, Job oder – wie in meinem Fall – eine musikalische Karriere. Aber irgendwann geht es dann nicht mehr“, beschreibt Schlubeck, wie es vielen Menschen in ihrer Situation ergeht.

„In den letzten Jahren ging es mir oft sehr schlecht. Es gab Phasen, in denen ich gemerkt habe, dass das auf Dauer nicht funktioniert. Das zieht einen ganz schön runter, das geht dann auch schon in Richtung Depressionen“, blickt sie auf die Zeit zurück, in der die Entscheidung reifte, das Leben als Matthias hinter sich zu lassen.

„Früher als Musiker, da bin ich am weiblichsten gewesen in der Musik“, erinnert sie sich. Das sei wahrscheinlich nicht so sehr aufgefallen, weil sie durch ihre Behinderung auch anders laufe.

„Der Matthias wird nie ganz weg sein. Ich will ja auch musikalisch anknüpfen an ihn. Ich werde auch nach wie vor am Haus basteln und Rasen mähen. Man ist nicht plötzlich jemand völlig anderes. Es war nur ein große Bereich, den ich immer versucht habe zu verstecken. Und das ist auf Dauer echt anstrengend“, gibt sie einen Einblick in ihr Seelenleben.

„Es gibt viele neue Probleme, und es ist auch schwierig“, berichtet Hannah Schlubeck über ihr Leben als Frau. In einem „neuen Design“ in der Öffentlichkeit herumzulaufen sei ein Schritt, der sehr ungewohnt sei, bisher aber gut funktioniert habe.

Übergangsphase

„Was bisher noch etwas frustrierend ist, ist, dass viele Dinge noch nicht so sind, wie man es sich vorstellt. Aber das ist eben so, dass in der Übergangsphase vieles noch nicht perfekt ist“, sagt die Musikerin. Der Bart sei da zum Beispiel in Thema. Hannah Schlubeck: „Wenn ich rasiert bin, dann geht es noch. Aber ich bin noch in der Bartentfernung. Das dauert insgesamt 100 Stunden, davon habe ich jetzt 30 geschafft.“ Vor jedem Termin müsse sie fünf bis sechs Tage den Bart wachsen lassen. „Das sieht dann natürlich ‚besonders gut‘ aus. Und danach sieht man auch sehr besonders aus”, weil dann das Gesicht im Bartbereich geschwollen und rot ist“, beschreibt sie das noch vorhandene Problem.

Die Musik ist für sie derzeit weitgehend auf Eis gelegt. Ein Konzert hat sie noch als Matthias im Juni gespielt. An diesem Sonntag wird sie unter Corona-Bedingungen in einer Kirche in Arnsberg auftreten – zum ersten Mal als Hannah. „Das ist natürlich besonders spannend für mich, und für die Leute sicherlich auch“, ist sie überzeugt.

In diesem Jahr kann sie ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum feiern – allerdings ohne große Jubiläumskonzerte. Hannah Schlubeck: „Das fällt alles weg. Jetzt habe ich wenigstens eine Jubiläums-CD gemacht. Ohne Konzerte hat man allerdings auch das Problem, dass man nicht viel verkaufen kann.“

Sie sei glücklich, dass sie von Familie und Freunden in der für Künstler schweren Zeit sehr gut unterstützt werde. „Ohne das wäre es schwierig im Moment.“

Positive Rückmeldungen

Sie hofft, dass es nach der Krise für sie weitergeht als Panflötistin. „Ich weiß natürlich noch nicht, wie die Reaktion der Veranstalter ist, dass ich nun Hannah Schlubeck bin“, sagt sie. Bisher habe sie nur positive Rückmeldungen bekommen: „Aber im Endeffekt werde ich das erst in zwei oder drei Jahren sehen, wenn der Betrieb wieder anläuft, ob genug Engagements kommen.“

Bisher seien die Reaktionen so positiv gewesen, dass diverse Medienanfragen gekommen seien. Unter anderem auf Facebook hat sie ihren Entschluss, künftig als Hannah leben zu wollen, öffentlich gemacht. Die Menschen in ihrem Heimatort Bellersen hat sie über eine Rundmail informiert.

„Wenn ich hier einfach wohnen würde und eine Bürojob hätte, dann wäre ich nicht so in die Öffentlichkeit gegangen damit. Aber es ist nun einmal so, dass ich aufgrund meines Berufes in der Öffentlichkeit stehe, und durch meine Behinderung bin ich noch einmal doppelt auffällig.“, erklärt sie. Da sei eine unauffällige Umwandlung in eine Frau ohne weiteres nicht möglich, da sie an ihren durch die Behinderung verkürzten Armen immer erkannt werde.

Die Reaktionen im Dorf bezeichnet sie als unglaublich positiv. „Es gibt einen E-Mail-Verteiler mit 100 Adressen. Auf meine Mail habe ich 40 wunderbare Antworten bekommen. Das fand ich wirklich toll und habe das ein wenig als Rückendeckung empfunden“, freut sie sich.

Manche Menschen hätten sie besucht oder Briefe eingeworfen. „Ich habe sogar eine Geburtskarte bekommen ‚Hurra, es ist ein Mädchen‘“, erzählt sie amüsiert. Zu vielen persönlichen Begegnungen sei es noch nicht gekommen. Hannah Schlubeck: „Aber das kenne ich von meiner Behinderung, dass Menschen oft nicht so genau wissen, wie sie mit mir umgehen sollen. Das ist jetzt wieder so, nur aus einem anderen Grund.“ Die Reaktionen in der Familie seien ebenfalls durchweg positiv gewesen.

Veraltete Regeln

Den ersten öffentlichen „Auftritt“ als Hannah hatte sie bei einem Einkauf während eines Aufenthaltes im Schwarzwald – und der war völlig unspektakulär für ihr Umfeld. „Da habe ich mir gedacht: Eigentlich mache ich mir zu viel Gedanken. Es ändert sich im Verhalten mir gegenüber eigentlich nichts“, erzählt sie. Aufgefallen sei ihr, dass manche Menschen noch hilfsbereiter seien. Als Frau schlage ihr eine andere Welle der Höflichkeit entgegen als als Mensch mit Behinderung.

Angesichts der Corona-Krise nutzt Hannah Schlubeck die auftrittsfreie Zeit, um ihr neues Leben weiter voranzutreiben. „Da geht es um Vorbereitungen und Untersuchungen. Ich habe mich zum Beispiel informiert, wo Operationen gemacht werden können, wo man mit den Hormonen gut aufgehoben ist und vieles mehr“, nennt sie Beispiele. Sie hofft nun, möglichst bald die geschlechtsangleichende Operation zu bekommen und bedauert, dass es sehr viele teilweise veraltete Regeln und Auflagen gibt, ohne die die notwendigen Schritte vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) nicht bezahlt werden. Die 47-Jährige: „Für mich ist nun das Ziel, den Weg schnellstmöglich weiter zu gehen, um dann auch nach der derzeitigen Corona-Lage im anlaufenden Kulturbetrieb wieder Konzerte spielen zu können.“

Zwischen den Welten

Das bedeute aber auch, dass sie einige der vom MDK aufgestellten Regeln zum zeitlichen Ablauf nicht einhalten könne und somit auch verschiedene Schritte – etwa Operationen – selber finanzieren müsse.

„Es wäre aber gleichzeitig fatal, wenn die wichtigen und schweren Operationen genau dann stattfinden würden, wenn endlich wieder regelmäßig Konzerte stattfinden und ich somit wieder Einkommen generieren könnte, ich dann aber für Monate wieder ausfalle“, beschreibt die Panflötistin das Dilemma.

„Der Weg wird noch lang sein, und gerade die Übergangsphase ist für mich selber sowie das Umfeld sicherlich schwierig. Es wird Phasen geben, in denen ich mich quasi zwischen den Welten bewege, innerlich wie äußerlich“, beschreibt sie ihre Situation.

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