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Bökerhof: Christina Seck erinnert an Jugendkatastrophe der Droste vor 200 Jahren

Komplott entzweit die Liebenden

Bökendorf (WB). Die Gesellschaft ist im Umbruch. Umso mehr klammert sich der Adel an die alte ständische und konfessionelle Ordnung. Kein Wunder also, dass Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848) mit ihrer Liebe zu dem bürgerlichen und noch dazu protestantischen Studenten Heinrich Straube bei der hochwohlgeborenen Verwandtschaft keinen Blumentopf gewinnen kann. Im Gegenteil. Diese Verbindung muss unterbunden werden. Ein Komplott in Bökendorf entzweit im Sommer 1820 die Liebenden.

Sabine Robrecht

Christina Seck bei ihrer Lesung vor dem Bökerhof. Foto: Christof Lücking

Annette fühlt sich schuldig

Dieser Bruch ist als Jugendkatastrophe der Droste in die Literaturgeschichte eingegangen. Am Originalschauplatz – dem Bökerhof in Bökendorf – vergegenwärtigte die Schauspielerin Christina Seck 200 Jahre später auf Einladung des Heimatvereins einem sympathischen Publikum aufschlussreich, wie übel Annette mitgespielt wurde. Und wie die Dichterin zeitlebens darunter litt. „Ich sollte mit Gewalt recht schuldig werden“, schrieb sie später.

Diese (eigene) Schuld empfand sie tatsächlich. Und tat – zumindest zeitweise – das, was für Frauen ihres adeligen Standes statthaft war: Handarbeiten und die „großen Themen“ dem starken Geschlecht überlassen. Zum Glück unterwarf sie sich nach einer Schaffenspause dann aber doch nicht dem (noch geltenden) gesellschaftlichen Diktat, dass seriöse Dichtung Männern vorbehalten ist. Sonst wären der Nachwelt große Werke wie die neue Version des Gedichtzyklus „Das Geistliche Jahr“ oder die 1842 veröffentliche Novelle „Die Judenbuche“ – ein Klassiker der Weltliteratur, der im „gebirgichten Westfalen“ spielt, – vorenthalten geblieben.

Romantikerkreis

Auf dem Gut Bökerhof lebten Annettes Großvater Werner Adolf von Haxthausen und ihre Stief-Großmutter. Aus deren Ehe gingen 14 Kinder – die große Generation der Familie von Haxthausen – hervor. Zwei von ihnen, August und Werner, versammelten im Elternhaus den berühmten Bökendorfer Romantikerkreis, zu dem auch Wilhelm und Ludwig Emil Grimm gehörten. Überhaupt bekam die illustre Großfamilie viel Besuch. Augusts Studienfreund Heinrich Straube war auch ein gern gesehener Gast. Bei seinen Besuchen traf er auf Annette. Und war der einzige, der ihre Dichtung ernst nahm. Selber als neuer Stern am Dichterhimmel mit Vorschusslorbeeren gefeiert, war Straube ganz angetan vom hohen Niveau der Dichtkunst Annettes. Diese trat auch anders auf als ihr anmutiges Portrait auf dem 20-Mark-Schein suggerieren mag. Die junge Droste war aufmüpfig, vorlaut, frech und mischte sich auf dem Bökerhof ganz ungeniert in Männerdiskussionen über Kunst und Politik ein. Das geziemte sich nicht für eine Frau ihres Standes. Wilhelm Grimm war außer sich über so viel Impertinenz.

Perücke und gelber Flaus

Dass Heinrich Straube, der mit Perücke und gelbem Flaus daherkam, ihr Auftreten und ihre Werke ernst nahm, verstand sein Freund und Nettes Onkel August von Haxthausen überhaupt nicht. Und Augusts Schwester Anna, lange eine enge Vertraute Annettes, war es ein Rätsel, warum die Männer so sehr auf die kleingewachsene, kurzsichtige Nichte aus dem Münsterland abfuhren. Diese hatte nämlich schon mit einem Architekten aus Kassel unter dem Tisch Händchen gehalten. Und auch August von Arnswaldt aus Hannover, viel attraktiver übrigens als ihr Herzensfreund Straube, warf beim Besuch im Bökerhof gleich ein Auge auf die Dichterin.

Flirt mit Arnswaldt

Von ihm ließ sich Nette um den Finger wickeln, obwohl sie Straube ihre Liebe längst gestanden hatte. Arnswaldt, der Womanizer, wollte ihre Treue zu seinem Freund Straube auf die Probe stellen. Also flirtete er, was das Zeug hielt. Und Annette wurde schwach. Um sich aber sofort wieder zu fangen und zu Straube zu stehen. Zu spät. Beide Männer sagten sich von ihr los.

Im Sommer 1820 war es in Bökendorf zu diesem schicksalhaften Showdown gekommen. Annette war 23. Ihre Verwandtschaft hatte bei Arnswaldts Intrige die Finger im Spiel. Die Dichterin machte seitdem einen Bogen um den Bökerhof. Sie blieb unverheiratet, kränklich und starb 1848 bei ihrer Schwester Jenny in Meersburg am Bodensee.

Lesenswerter Roman

Die Autorin Karen Duve widmet der Droste, den politischen Umwälzungen ihrer Zeit und nicht zuletzt der Jugendkatastrophe den ausgesprochen lesenswerten Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“. Als die in Bökendorf aufgewachsene Schauspielerin Christina Seck aus Paderborn jetzt am authentischen Ort Texte der großen Dichterin las, wurde offenkundig, wie übel man ihr im Schicksalssommer vor 200 Jahren mitgespielt hatte und wie die Liebeskatastrophe ihr schriftstellerisches Werk beeinflusst hat.

Die von Bernhard Aufenanger zusammengestellte Textauswahl war ebenso überzeugend wie die Einfühlsamkeit, mit der Christina Seck Werke wie das in zeitlicher Nähe zum Beziehungsdrama entstandene Gedicht „Not“ oder einen langen Brief Annettes aus dem Dezember 1820 an ihre Tante Anna vortrug, in dem sie das Dilemma des Scherbenhaufens untröstlich schildert.

Unruhe

Unter die Haut ging Secks Vortrag des Gedichts „Unruhe“, einem frühen Werk von 1816, das Sehnsucht nach Aufbruch aus der Enge biedermeierlicher Konventionen widerspiegelt. Christina Seck entließ die eindringlichen Worte in die warme Sommerluft – um gleich wieder mit Humor auf Nettes Leben und ihre Verwandtschaft zu schauen. Eine wunderbare Kombination, die das Publikum mit anhaltendem Beifall belohnte. Wegen des großen Interesses las Christina Seck zweimal vor dem Bökerhof. Bernhard Aufenanger war begeistert über den Zuspruch, den er auch als starkes Signal an die Kulturschaffenden empfand. Christina Seck kehrte mit der Lesung zu den Wurzeln ihrer schauspielerischen Tätigkeit zurück: Sie hat bei der Freilichtbühne Bökendorf mitgespielt, deren Vorsitzende Verena Becker im Publikum mit großer Freude ihre Zeitreise in das Leben der Droste begleitete.

Kommentar

Wenn die Schauspielerin Christina Seck mit dem vor dem Bökerhof präsentierten Programm auf „Tournee“ durch Schulen ginge, dann hätte Annette von Droste-Hülshoff auf einen Schlag etliche neue – jugendliche – Leserinnen und Leser. Noch besser wäre es, wenn die Schulklassen oder Deutschkurse am authentischen Ort in Bökendorf diesen spannenden Unterrichtsstoff erleben könnten. Dann hätten sie das gleiche Vergnügen wie das Publikum der Lesungen und könnten, wie die Zuhörer, im berühmten Laubengang die lauschigen Plätze erkunden, an denen Annette und ihr Liebster Heinrich Straube romantische zweisame Momente genossen. Dann würden sie die Werke der Dichterin sicher mit anderen – interessierteren Augen lesen. Denn die Schüler würden Annette auch als Menschen kennen lernen. Das öffnet Zugänge. Überhaupt gehört die Droste wieder mehr in die Lehrpläne – eine Exkursion auf den Spuren der Dichterin ins Kulturmusterdorf Bökendorf, nach Wehrden und an andere Stationen ihrer Verwandtschaftsbesuche im Kreis Höxter inbegriffen. Dass der Heimatverein den Bökerhof als literaturgeschichtlich bedeutsamen Ort mit der Lesung wieder ins Bewusstsein gebracht hat, erweist der Region, die sich als Kulturland vermarktet, einen guten Dienst . Sabine Robrecht

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