Corona-Pandemie bringt Sozialpsychiatrischen Dienst des Caritasverbandes im Kreis Höxter an den Rand des Leistbaren

Niemand wird abgewiesen

Brakel

Je länger Corona dauert, desto schwieriger wird die Lage von psychisch kranken Menschen. Auch die Angehörigen der Betroffenen stehen vor großen Herausforderungen.

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Die Mitarbeiterinnen des Sozialpsychiatrischen Dienstes (von rechts) Martina Zimmermann, Anna-Lena Hasenbein, Susanne Steinhage und Anna-Lena Hasenbein. Foto: Caritasverband

Im vergangenen Jahr sind beim Sozialpsychiatrischen Dienst des Caritasverbandes für den Kreis Höxter die Fallzahlen gestiegen, obwohl kaum Präsenztermine stattfinden konnten. „Das könnte ein erster Hinweis auf die Folgen der Pandemie sein“, meint Thomas Rudolphi, Vorstand des Caritasverbandes.

Manchmal dauern die Telefongespräche, die Martina Zimmermann an ihrem Arbeitsplatz führt, bis zu 80 Minuten. Vier bis fünf solcher Telefonate kommen im Lauf eines normales Arbeitstages zusammen, mindestens 30 Minuten pro Gespräch sind der Durchschnitt.

Martina Zimmermann erträgt den Dauereinsatz am Hörer mit viel Geduld. So wichtig wie zurzeit war das Telefon noch nie während der 25 Jahre, die die Krankenschwester im Sozialpsychiatrischen Dienst des Caritasverbandes arbeitet.

Der Sozialpsychiatrische Dienst betreut im gesamten Kreisgebiet mehr als 700 Menschen, die unter psychischen Problemen leiden. Sie wohnen alleine, mit Partner, Partnerin oder in einer Familie, oft liegen stationäre Aufenthalte hinter ihnen. Psychische Krankheiten haben anders als körperliche Erkrankungen in der Öffentlichkeit immer noch ein Akzeptanzproblem. Erkrankte werden oft stigmatisiert und sozial isoliert.

„Corona hat diese Probleme verschärft“, sagt Steffani Schröder-Czornik. Die Ärztin leitet den Sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas. Weil die Krise andauert, ist es wichtig, den Kontakt zu den Klienten so gut wie möglich zu halten – und sei es per Telefon.

„Miteinander zu reden stabilisiert, auch am Telefon“, sagt die Sozialpädagogin Susanne Steinhage. „Wenn unsere Klienten merken, dass da jemand ist, der sich für sie Zeit nimmt, dann gewinnen die Gespräche eine hohe Verbindlichkeit.“ Die Häufigkeit der Kontakte hat zugenommen. Teilweise fanden die Gespräche täglich statt.

Im Ausnahmefall treffen die Beraterinnen des Sozialpsychiatrischen Dienstes ihre Klienten auch während der Pandemie persönlich. „Das machen wir, wenn die seelische Not zu groß wird“, sagt Stefanie Schröder-Czornik. So bald wie möglich sollen alle Erstkontakte wieder auf persönlicher Ebene stattfinden. Der unmittelbare Kontakt bietet viel mehr an Informationen und Kommunikationsmöglichkeiten. In Mimik und Gestik wird auch das Unausgesprochene sichtbar.

„Es macht Sinn, sich ein Bild vor Ort zu machen und zu erleben, was dieser Mensch an Hilfen benötigt und auch, was er bereit ist zuzulassen“, sagt Martina Zimmermann. In den Familien erleben die Beraterinnen, wie sehr die Pandemie allen zusetzt – den erkrankten Menschen, aber auch den Angehörigen und Partnern. Vermisst wird vor allem der Kontakt nach außen.

„Fast alle Strukturen, die sich unsere Klienten aufgebaut hatten, um durch den Alltag zu kommen, sind weggefallen: die regelmäßigen Treffen mit Freunden, Cafébesuche, Selbsthilfegruppen“, hat die Sozialarbeiterin Anna-Lena Hasenbein beobachtet. Auch sie ist Beraterin im Team des Sozialpsychiatrischen Dienstes. „Klienten, die ihre Freunde in der Bäckerei auf einen Kaffee und ein Gespräch getroffen haben, sind wegen Corona auf Supermarktparkplätze und einen Kaffee ‚to go‘ ausgewichen.“ Aber auch dort sind Treffen nicht mehr möglich. Das verstärkt die soziale Isolation.

Um so schwerwiegender macht sich das erzwungene enge Miteinander in den Haushalten bemerkbar. „Die Angehörigen haben es schwer“, sagt Steffani Schröder-Czornik. „Sie selbst geraten wegen der mehrfachen Belastung durch Home-Office oder Home-Schooling an ihre Leistungsgrenzen. Ein psychisch krankes Familienmitglied im Alltag aufzufangen und zu begleiten, wird dann schnell zur Überforderung.“

Das seelische Leid, das sich seit Beginn der Pandemie in vielen Haushalten aufbaut, bleibt in der Öffentlichkeit – noch – weitgehend unbemerkt, weil viele psychisch Kranken und ihre Angehörigen gelernt haben, nicht aufzufallen. „Eine Lehre aus der Pandemie ist schon jetzt, dass die Öffnung des Gemeinwesens für die bessere Integration von psychisch kranken Menschen in die Gesellschaft wichtig ist“, betont Steffani Schröder-Czornik.

Konkret befürchtet Thomas Rudolphi, Vorstand des Caritasverbandes, dass die Fallzahlen schon in den kommenden Wochen steigen. „Wir müssen die Langzeitwirkungen von Corona auffangen. Aber wie sollen wir das schaffen?“, sagt er. Die Mitarbeiterinnen des Sozialpsychiatrischen Dienstes beraten schon jetzt mit dem vorhandenen Personal 700 Menschen. „Ich sehe kaum noch Ressourcen für noch mehr Klienten.“ Eines kann Thomas Rudolphi jedoch garantieren: „Wir werden niemanden, der Rat sucht, abweisen.“

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