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Kirchenchor feiert Jubiläum mit Pontifikalamt

70 Jahre im Dienst der "Musica sacra" in Lüchtringen

Lüchtringen

70 Jahre. Mehr als zwei Generationen sind seit der Gründung des Kirchenchores St. Johannes Baptist in Lüchtringen durch Pfarrer Hermann Thöne vergangen. Dieses Jubiläum feiern die Sängerinnen und Sänger an diesem Wochenende mit einem Pontifikalamt.

Der Kirchenchor aus Lüchtringen probt montags ab 20 Uhr im Pfarrheim. Über neue Mitglieder würde man sich freuen. Foto: privat

Der Chor St. Johannes Baptist blickt in einer Pressemitteilung anlässlich seines runden Geburtstags auf seine Geschichte zurück. „Leider lebt kein Gründungsmitglied mehr, das als Zeuge aus dieser Zeit berichten könnte, doch die Geschichte der Gründung ist lebendig geblieben und wird gern innerhalb des Chores weitererzählt.“

Pastor Hermann Thöne, von 1950 bis 1971 Pfarrer in Lüchtringen, war der "Musica sacra" (lateinisch für „Kirchenmusik“) sehr eng verbunden. Für ihn war, nach seinen eigenen Worten, die Kirchenmusik „nicht Dekoration und schmückendes Beiwerk, sondern tätiges Mitfeiern der Liturgie“. Darum kümmerte er sich schon bald nach seinem Eintreten in die Gemeinde auch um den Gesang, indem er persönlich vor den Gottesdiensten mit der Gemeinde neue Kirchenlieder einübte.

Gründung und erster Auftritt

Mit zunächst 25 Mitgliedern gründete er dann am 2. November 1952 einen Kirchenchor. Dass er sich dieser Aufgabe, die sehr viel Geduld, Beharrlichkeit und Idealismus erforderte, annahm, zeige seine große Liebe zur Kirchenmusik, denn „die äußeren Umstände waren nicht so, dass sie die Gründung begünstigten“, heißt es in der Rückschau des Chores. Der im Dorf fest etablierte Männergesangverein zum Beispiel habe den Chor als Konkurrenten betrachtet, der ihm eventuell Mitglieder abspenstig machen könnte. Auch andere Gegebenheiten seien für uns heute nur schwer nachvollziehbar. So fuhr der erste Chorleiter, Herr Voss, der den Chor sieben Jahre lang dirigierte, montags im Sommer und im Winter, bei Wind und Wetter, mit dem Fahrrad von Höxter zur Fähre in Lüchtringen, wo er um 19.45 Uhr vom Fährmann Heinrich Harting abgeholt und um 21.45 Uhr wieder zurück über die Weser gesetzt wurde.

Schon zwei Monate nach der Gründung hatte der Chor seinen ersten Auftritt mit einer kleinen Krippenfeier in der Pfarrkirche. „Dieser Achtungserfolg und das beharrliche Werben des Pastors, der bei seinen persönlichen Ansprachen, die er besonders auch an Jugendliche richtete, kaum Ausflüchte akzeptierte, bescherten dem Chor einen beachtlichen Zulauf.“ Wie sehr dem Pastor die Ernsthaftigkeit der Proben und deren Beständigkeit am Herzen lag, bewies seine stetige Anwesenheit bei den Proben sowie das Anlegen einer Anwesenheitsliste, die bis heute ohne Unterbrechung von den Schriftführern weitergeführt werde. „Die sieben Jahre unter der Leitung von Herrn Voss waren für den Aufbau und die Gestaltung des Chores von großer Wichtigkeit, und der Chor dankt ihm für seinen Einsatz und sein großes Engagement.“

Von immenser und nachhaltiger Bedeutung für den Chor war, so heißt es weiter, dass die Pfarrgemeinde auf Betreiben des Pastors 1959 mit dem Kirchenmusiker Adalbert Gabel einen hauptamtlichen Organisten und Chorleiter bekam. „Fast 30 Jahre hat Herr Gabel mit seiner feinen und zurückhaltenden Art und seinem großen musikalischen Können St. Johannes Baptist geleitet und bis heute geprägt“, erinnern sich Chormitglieder noch immer dankbar.

Mitgliederzuwachs und Repertoire-Erweiterung

In dieser Zeit stieg die Zahl der Mitglieder zeitweise auf über 60 an. Die erarbeiteten und dann auch aufgeführten Werke wurden umfangreicher und umfassten sowohl Neues als auch Altbewährtes. „Sie alle aufzuzählen, würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen, doch es gibt einige Highlights, an die sich die Chormitglieder gern erinnern. In zahlreichen Gemeinden und Kirchen der näheren und weiteren Umgebung hat der Chor mit seinen Aufführungen die Zuhörer erfreut und begeistert.“

Einen besonderen Stellenwert habe für den Chor das Werk „Der Kreuzweg“ von Hermann Simon und Ruth Schaumann. „Dieses ergreifende Stück hat die Sängerinnen und Sänger von Anfang an so in seinen Bann gezogen, dass sie es immer wieder gern und mit großer innerer Anteilnahme singen“, heißt es in der Pressemitteilung des Chores. In etlichen Aufführungen hätten sie den Zuhörern die Geschehnisse der Karwoche nahegebracht. „Für eine Messe im byzantinischen Ritus, gehalten von Pater Gregor Hohmann, übte der Chor die notwendigen mehrstimmigen Gesänge sogar in russischer Sprache ein und die Sängerinnen und Sänger waren davon so angetan, dass sie gern Messen in diesem Ritus in anderen Gemeinden feierten.“

Reisen nach Italien

Ein Höhepunkt in der Geschichte des Kirchenchores sei des Weiteren eine Fahrt nach Rom im Jahr 1979 gewesen. Gemeinsam mit dem Männergesangverein „Weserperle“ aus Lüchtringen gestaltete der Chor vor deutschen Pilgern die heilige Messe in der Sakramentskapelle des Petersdoms. Unvergessen sei auch eine weitere Italien-Reise im Jahr 1984. Sie führte nach Treviso, Padua und Venedig. Nach einem Empfang durch den Bischof sang der Chor im Dom zu Treviso die „Missa de Angelis“ von Wolfram Menschick „und erhielt dafür großen Zuspruch“.

Zwei Personen seien gerade für einen Kirchenchor von besonderer Wichtigkeit: der Dirigent als musikalischer und der Präses als geistiger Leiter. Die Bedeutung von Pastor Thöne als Gründer und erstem Präses sei unbestritten. Weiter heißt es in den Ausführungen der Mitglieder: „Der Chor war sein Geschöpf, ein Rohling, den er in den Anfangsjahren formte und gestaltete. Immer wieder wies er auf den Unterschied zwischen einem weltlichen und einem Kirchenchor hin, dessen Bestreben nicht die perfekte musikalische Darbietung sei, die durchaus ein Ziel sein könne, sondern sein Wirken diene dem Lob Gottes.“

Viele Chorleiter prägten St. Johannes Baptist

Auch die Nachfolger von Pastor Thöne, die Pastöre Anton Berendes, Norbert Schlicker, Hubertus Mersmann und Anton Honisch hätten in ihrer Zeit auf "St. Johannes Baptist" positiv eingewirkt. Ebenso der jetzige Präses, Diakon Erwin Winkler, kenne den Chor genau und sei mit ihm besonders eng verbunden, denn er ist seit 1956 bis heute aktiver Sänger im Chor.

„Was wäre ein Chor ohne Chorleiter? Gilt doch der Spruch: 'Der Dirigent bestimmt und der Chor singt.' Über die erschwerten 'Arbeitsbedingungen' des ersten Chorleiters wurde oben schon berichtet. Sicherlich waren die Mühen, die Herr Voss auf sich nahm, auch ein steter Ansporn für die Chormitglieder. Die 4 Worte: Kirchenchor Lüchtringen, Adalbert Gabel muss man als eine Einheit sehen. Fast 30 Jahre lang hat Herr Gabel den Chor geleitet und geprägt und aus ihm einen Klangkörper geformt, der sich als Laienchor auch an anspruchsvolle Werke wagte und sie meisterte.“ Zum Dank für diese erfolgreiche Zusammenarbeit und gegenseitige Zuneigung ernannte der Chor Herrn Gabel zu seinem „Ehrenchorleiter“. Noch heute sei sein Wirken spürbar, wenn es zum Beispiel heiße: „Bei Herrn Gabel haben wir das so und so gemacht.“

Mit seiner jungen Nachfolgerin Hildegard Helling erfolgte ein Generationswechsel. „Der Chor musste sich auf jugendlichen Schwung und neue Ideen einstellen, was für seine Entwicklung durchaus förderlich war. Nach neun Jahren endete leider diese fruchtbare Zusammenarbeit.“ Die nachfolgenden Dirigenten Uwe Klingeberg, Klaus Trowe - ein Sonderfall in seiner Doppelrolle als erster Vorsitzender und Dirigent in Notfällen - Alicja Heimbrecht und Michael Schauka „wurden vom Chor jedes Mal mit positiver Erwartung aufgenommen und integriert“. Seit nunmehr sieben Jahren leitet Wilhelm Gickler den Chor „zur Zufriedenheit der Mitglieder, denn sein musikalisches Können und Wissen, seine humorvolle Art, mit den manchmal sonderbaren Eigenarten des Chores umzugehen, machen jede Probe zu einer speziellen“.

20 Jahre lang regelte der Chor nach seiner Gründung seine Angelegenheiten quasi aus der „Lamäng“, ohne festgelegten Verantwortlichen. Doch mit der Zunahme der Mitgliederzahl und den wachsenden organisatorischen Aufgaben erkannte man die Notwendigkeit, sich einen Vorstand zu geben, der 1970 erstmals gewählt wurde. „Jeder, der schon einmal in diesem Gremium, zum Beispiel als Vorsitzender, tätig war, weiß, dass dieses Ehrenamt nicht nur Renommee, sondern Arbeit und viel Einsatz bedeutet. Darum 'Hut ab' vor jedem, der sich für Vereinsarbeit zur Verfügung stellt“, zollt man dem ehrenamtlichen Engagement Tribut.

Beständigkeit und Zusammenhalt

Ein Wesensmerkmal des Lüchtringer Kirchenchores sei - bei aller Aufgeschlossenheit für Neues - seine Beständigkeit. Sie zeige sich in der Treue der langjährigen Mitglieder und den langen Amtszeiten seiner Funktionsträger. In der fast dreißigjährigen Tätigkeit von Klaus Trowe als erstem Vorsitzenden habe der Kirchenchor viele Höhepunkte erlebt, nicht nur auf kirchenmusikalischem Gebiet. „Der Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl in einem Verein entstehen nicht nur durch das Arbeiten an den vorgenommenen Zielen. Das gemeinsame Erleben verbindet, und der Frohsinn darf auch nicht zu kurz kommen.“ Große Fahrten, Ausflüge, Probewochenenden, Einkehrtage, Sommerfeste und das jährlich wiederkehrende „Cäcilienfest“, zu denen stets auch Gäste und Familienangehörige eingeladen wurden, hätten dazu geführt, dass der Chor sich nicht nur als Interessengemeinschaft verstehe, sondern sich mit der Zeit auch ein echtes Zusammenhaltsgefühl entwickelt habe. „An dieser Stelle sei auch einmal den Familien und Angehörigen für ihre Unterstützung und ihren Rückhalt gedankt.“

Pontifikalamt zum 70. Geburtstag

Nach Theresia Missing ist Kriemhild Beverungen seit sieben Jahren die aktuelle erste Vorsitzende des Chores, „mit viel Einsatz und Engagement“. Unterstützt wird sie von den weiteren Mitgliedern des Vorstandes: Julia Müller (zweite Vorsitzende), Susanne Schlüter (Schriftführerin), Christa Drücke (Kassiererin), Susanne Beug (Notenwartin) und Manfred Beverungen (Liedauswahl). 

Festlich begehen wird der Chor sein siebzigjähriges Bestehen mit einem Pontifikalamt, das er zusammen mit dem Bischof Manfred Grothe aus Paderborn feiern will. Zu dieser Messfeier lädt der Kirchenchor alle Interessierten ein. Sie findet statt am Sonntag „Christkönig“, 20. November, ab 10.30 Uhr in der Pfarrkirche St. Johannes Baptist in Lüchtringen.

Ein Wunsch des Chores zu seinem Jubiläum sei es, „dass junge Leute sich die gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis über die vielfältig positive Wirkung des Singens auf Körper und Geist (nachzulesen im Internet)  zu eigen machen und für sich den Entschluss fassen, in den Kirchenchor einzutreten, um als Teil der 'Musica sacra' zum Lobe Gottes beizutragen“.

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