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Mai 1943: Nach Bombardierung der Edersee-Staumauer reißt Flut alles nieder

75 Jahre Ederflut: Wesertal wird zur Seenplatte

Höxter/Beverungen (WB). Eine Flutwelle ungeahnten Ausmaßes hat sich nach der Bombardierung der Edertalsperre in der Nacht zum 17. Mai 1943 ins Edertal und ab 18. Mai auch ins Wesertal ergossen. Die Wassermassen aus dem Stausee sorgten vor 75 Jahren für dramatische Zerstörungen und Überschwemmungen. Auch in vielen Ortschaften im Kreis Höxter hieß es 1943: Land unter.

Michael Robrecht

Dieses Foto zeigt Herstelle bei der Ederflut im Mai 1943: Diese jungen Leute fahren durch die überfluteten Gärten des Weserdorfes. Nur 1943 und dann noch einmal 1946 beim Winterhochwasser haben die Fluten an der Weser so hoch gestanden. Foto: WB-Archiv

In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, starteten 19 speziell umgebaute Lancester-Bomber der Royal Air Force vom Luftwaffenstützpunkt Scampton in Großbritannien einen Angriff auf deutsche Talsperren.

Am 17. Mai kurz vor 2 Uhr nachts wurde die Eder-staumauer bei einem Angriff der britischen No. 617 Squadron stark beschädigt. In der Folge ergoss sich eine sechs bis acht Meter hohe Flutwelle durch das untere Edertal nach Fritzlar und durch das Fuldatal (Kassel) zur Weser in Hann. Münden und schließlich in breiter Front durch das Wesertal nach Bad Karlshafen, Beverungen, Höxter und Holzminden.

Weiß schäumende und laut grollende Gischt

Die Flutwelle, die von den Anwohnern als eine weiß schäumende und laut grollende Gischt beschrieben wurde, führte dazu, dass hunderte Häuser sowie Fabriken, Eisenbahnstrecken, Straßen, Brücken und Bäume stark beschädigt, zerstört oder weggespült wurden. Die Flut verwandelte die teils weit ausgedehnten Täler von Eder, Fulda und Weser in einen teils mehrere Kilometer breiten »See«. 47 Todesopfer werden überliefert. Es gab viele Vermisste und Verletzte.

Als vor 75 Jahren, am 18. Mai, die Flutwelle Bad Karlshafen und Beverungen erreichte, lief Schlamm und viel Schutt in die Weseranrainerorte. Die Warnung vor dem Hochwasser kam rechtzeitig ins Wesertal, aber niemand dachte auch nur im Geringsten, dass eine so große Überschwemmung durch den Edersee möglich war.

Pegelstand: 8,57 Meter

Herstelle, Wehrden, Boffzen, Lüchtringen: Viele Dörfer liefen im Frühling 1943 voll. Der Pegelstand mit 8,57 Meter war in Bad Karlshafen gewaltig. In Höxter stand die Weser rekordverdächtig bei mehr als sieben Metern (Jahrhundert-Rekord dann 1946 mit 7,47 Meter). Das Wasser machte das Brückfeld zur Seenplatte. Der normale Stand des Fahrwassers beträgt in Höxter 1,50 Meter.

Im Fluss wurden neben toten Menschen Mobiliar, Tierkadaver, Gartenhäuschen, Bäume, Kaninchenställe und Hausrat flussabwärts mitgerissen. Das wissen viele der noch lebenden Zeitzeugen zu berichten.

Scheitelpukt am 19. Mai

Eine Geschichte gibt es aus Herstelle: Zwischen Herstelle und Karlshafen lagen der Dampfer »Carlshafen« und die Schiffe »Hermine«, »Bremen 51« und »Bremen 70«. Die Vertauungen hielten dem enormen Wasserdruck der Ederflut nicht stand. Die »Carlshafen« brachte die »Hermine« in Sicherheit. Die beiden anderen Schiffe trieben zunächst talwärts.

Das Hochwasser hatte seinen Scheitelpunkt erst am 19. Mai, also genau an diesem Samstag vor 75 Jahren. Reichlich Unrat blieb an den Ufern der Weser zurück. Zerstörte Vorräte, nasse Hauswände, überflutete Getreidefelder mitten im Krieg, viel Schlamm in den Kellern und Straßen seien die Folge der Staudammbombardierung gewesen, berichtete Horst Wagner im Buch »Karlshafen im Zweiten Weltkrieg; Bad Karlshafen 1999«. Und auch Hermann Multhaupt aus Herstelle schreibt in einem Buch darüber.

»Operation Chastise«

Im Zweiten Weltkrieg hoffte die Royal Air Force mit der Operation Chastise (»Züchtigung«) mit der Zerstörung von Möhne-, Sorpe-, Ennepe- und Listertalsperre, Transportwege und Wasserversorgung der Rüstungsindustrie im Ruhrgebiet entscheidend zu treffen.

Während dieser Operation sollte mit dem Angriff auf die Staumauer des Edersees die Wasserstandsregulierung von Weser und Mittellandkanal gestört werden. Um die Netzsperren vor der Staumauer zu überwinden, wurde dabei eine speziell für diesen Zweck konstruierte Roll- oder Rotationsbombe eingesetzt, die von einer speziellen Vorrichtung an Bord eines Bombers des Typs Avro Lancaster in Rotation versetzt und dann abgeworfen wurde.

Ähnlich wie beim Steinehüpfen, bei dem ein horizontal über das Wasser geworfener Stein flach über das Wasser springt, sprang die rotierende Bombe nach dem Abwurf erst über die Wasseroberfläche und dann über die Netzsperren hinweg in Richtung Staumauer. Danach sank sie wasserseitig vor der Mauer herab, und es detonierte ihr Sprengsatz in einer vordefinierten Tiefe.

Durch die Explosion entstand in der Mauer eine halbkreisförmige Öffnung von etwa 22 Meter m Höhe und an der Mauerkrone 70 Meter Länge. Durch diese strömten durchschnittlich 8000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde aus – insgesamt rund 160 Millionen Kubikmeter, was rund 80 Prozent des Speicherraums des Sees ausmacht.

Bombardiert wurden auch der Möhne- und Sorpestausee.

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