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Ernst Warneke und seine Mitstreiter digitalisieren alte Super-8-Filme aus der Ortschaft Bödexen

Bewegte Bilder bewegen Menschen

Höxter-Bödexen

Dokumente aus alten Zeiten bewegen die Menschen – erst recht, wenn bewegende Bilder in Bewegt-Bildern festgehalten werden. Damit diese nicht in Vergessenheit geraten, digitalisieren Ernst Warneke und andere Bödexer aktuell alte Super-8-Filme.

Dennis Pape

Ernst Warneke mit seinen Schätzchen: Die Super-8-Technik hat er bereits im Alter von elf Jahren genutzt. Foto: Dennis Pape

Sie sind auch auf der Suche nach weiterem Material, das eventuell seit Jahren und Jahrzehnten in diversen Kellern schlummert.

Pfarrfest in den 80er-Jahren: Pater Eduard van de Groes sitzt auf einem Dach vor den Bödexern und versteigert einen Schinken zur Finanzierung des Kirchturms – mit sympathischem niederländischen Akzent, der irgendwie an Rudi Carrell erinnert. Herr Becker erhöht auf 780 Mark, weil – so Pater Eduard – der Sohn den Fußball nicht bekommen hat und ihn die Eltern nun versöhnlich stimmen wollen. Eine „Wohltäterin“ bietet 785 Mark, Vertreter aus Münsterbrock legen „Fünfe“ drauf. Der Pater scheint es gut mit ihnen zu meinen, immerhin war er sieben Jahre Vikar in Marienmünster. Während das Orchester lautstark moniert, es wolle doch endlich wieder spielen, kommt einmal mehr die „Wohltäterin“ ins Spiel – 800 Mark. „Zum ersten, zum zweiten, zum...“

So endet die fünfminütige Sequenz vom Pfarrfest in Bödexen, die Ernst Warneke kürzlich auf der Internetseite www.bödexen.info veröffentlicht hat. Es ist nur eines von vielen zeitgeschichtlichen Dokumenten aus der Ortschaft, die er und seine Mitstreiter – zumeist Mitglieder des ehemaligen Film- und Fotoclubs – hüten. Sie sollen nach und nach digitalisiert und veröffentlicht werden.

Ernst Warneke, der die Internetseite seines Heimatortes betreut, blickt augenscheinlich sehr gerne in die Zeit zurück, in der Filme noch mit Super-8-Technik aufgenommen wurden. Super 8 ist ein Schmalfilm-Filmformat, das im Mai 1965 von Kodak eingeführt wurde. „Mit elf Jahren habe ich bereits meine erste Kamera bekommen – die gibt es heute noch, sie ist über 50 Jahre alt. Nachdem in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre der Club entstanden ist, haben wir ein Labor im Dorfgemeinschaftshaus eingerichtet und alles selbst produziert. Dazu gehörte es auch, die schmalen Filmspulen mit der Schere zu schneiden und die einzelnen Sequenzen anschließend zusammenzukleben.“ Eine Vorgehensweise, die sich die Generation Smartphone heute nur noch schwer vorstellen kann. Ohnehin: Bereits nach drei Minuten war der Film voll und musste gewechselt werden.

Die ersten großen Filme entstanden in Bödexen bei den Schützenfesten 1975 und 1977. Sie sind angesichts ihrer Länge nicht in Gänze im Internet zu sehen, könnten aber allen Interessierten zur Verfügung gestellt werden. Heinz von Heesen hat sie digitalisieren lassen. „Ein gutes Dutzend Leute war damals in Dreh und Produktion eingebunden. Das Ganze hat Wochen gedauert“, sagt Warneke. Die Bödexer seien mit die Ersten gewesen, die in dieser Form Großveranstaltungen in den Ortschaften des Kreises Höxter begleitet hätten.

Bereits final digitalisiert sind die Filme vom Bödexer Pfarrfest und von einer Feuerwehrfahrt in den 1970ern zum Bodensee. Warneke begleitete damals seinen Vater, um den Ausflug als „Kameramann“ festzuhalten.

Ein weiteres „Sahnestück“ steht derweil in den Startlöchern: ein Film über die Ortschaft Bödexen, der in den 1980er Jahren gedreht worden ist, jedoch noch tontechnisch aufgearbeitet werden muss. „Da gibt es sogar Luftaufnahmen unserer Ortschaft. Was man heute mit einer Drohne machen kann, musste damals noch aus dem Flugzeug von Brenkhausen aus erledigt werden“, sagt Warneke mit einem Augenzwinkern. Der Film dokumentiert Feste, Fußball, eine Auszeichnung des Landes NRW und viele weitere Details des Dorflebens. Der Bödexer habe noch einige Projekte, über die er aber jetzt noch nichts verraten möchte.

Ihm und seinen Mitstreitern sei es eine Herzensangelegenheit, die Dokumente für die Nachwelt zu erhalten – und das aus mehreren Gründen: „Zum einen wird das Material nicht besser, besonders die Tonspur leidet mit den Jahren. Außerdem sind die Filme spannende Zeitdokumente, die allein deshalb einen großen Wert haben. Das zeigt auch die große Resonanz auf die bislang veröffentlichen Sequenzen.“

Wer weiteres Material aus der Ortschaft hat und zur Verfügung stellen möchte, kann sich per E-Mail über die Internetseite der Ortschaft oder direkt an Ernst Warneke wenden.

Bödexer sind ein Vorbild

Auf Dachböden und in den Kellern vieler Häuser im Kreis Höxter schlummern noch alte Film- und Fotoschätzchen. Nicht selten werden sie bei Haushaltsauflösungen entsorgt.

Wie viel tatsächlich verloren geht, kann man nur erahnen. Fest steht aber, dass das Wissen über viele Ereignisse in Vergessenheit gerät, vor allem jüngeren Datums, weil Dorfchroniken heute nur noch selten geschrieben werden.

Vor diesem Hintergrund ist es sehr lobenswert, dass sich die Bödexer aufgemacht haben, ihr seltenes Filmerbe zu digitalisieren und damit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Gut, dass die Technik für all das noch vorhanden ist. In dieser schnelllebigen Zeit können selbst 30-Jährige mit der Bezeichnung Super 8 oft schon nichts mehr anfangen.

Bödexen hat damit durchaus Vorbildfunktion für andere Orte. Gut wäre es, wenn sich flächendeckend Strukturen schaffen ließen, in denen alte Fotos und Filme aufgehoben werden könnten, beispielsweise in ehrenamtlich geführten Dorfarchiven.

Dann gäbe es einen Ansprechpartner für die Enkel, die nach dem Tod von Oma und Opa ein Haus entrümpeln müssen – und es würden sicherlich mehr Erinnerungen erhalten bleiben.

Marius Thöne

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