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Zeitzeugen reagieren auf WESTFALEN-BLATT-Bericht: Gewaltige Sprengung bei Kriegsende 1945 - Amerikaner an deutschen Erfindungen interessiert

Bielenberg-Stollen: Neueste Horchtechnik in Filzkisten

Höxter/Lütmarsen (WB). „Ich bin als Schüler 1945 in den zugesprengten Stollen gewesen und habe gesehen, was dort lagert und was nicht.“ Mit diesem Satz hat sich Johannes Maßmann (85) aus Lütmarsen beim WESTFALEN-BLATT gemeldet. Schlachtermeister und Landwirt Maßmann gehört zu den wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die berichten können, was sich auf dem Bielenberg bei Kriegsende 1945 ereignet hat. „Ich habe den Bericht über die Ereignisse rund um die Stollen am Wochenende in dieser Zeitung gelesen und daraufhin mein Wissen aufgeschrieben. Es gibt doch sehr viel Seemannsgarn und Gerüchte“, sagte der Lütmarser.

Michael Robrecht

Johannes Maßmann zeigt auf den Bielenberg in Höxter. Dort befinden sich die Steinbrüche mit den Stollen. Er hat seine Erinnerungen an 1945 jetzt niedergeschrieben. Foto: Michael Robrecht

Maßmann schildert, dass zwei Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in Höxter am 7. April 1945, die Wehrmachtssoldaten die Zugänge zum Stollensystem im Eichwaldschen Steinbruch Richtung Lütmarsen gesprengt hätten. Viele Scheiben in Häusern in Lütmarsen, so in der Dorfschule, seien durch die Druckwelle zersplittert. Er sei dann kurze Zeit später auf den Bielenberg gegangen und durch den Sprengschutt im vorderen Teil der Gänge ins Tunnelsystem gelangt. „Im hinteren Teil fand ich mit Filz ausgelegte zwei Meter mal 1,20 Meter große Kisten, in denen Apparaturen gelagert waren. Kopfhörer, Schalter und Stecker habe ich auch gesehen. In einer Kiste lagen Feldtelefone und Geräte“, berichtete Maßmann.

Diese großen Holzkisten hat Johannes Maßmann dann im Herbst 1945 auf dem Bielenberg noch einmal wieder gesehen als die Amerikaner sie aus den Stollen geräumt und auf Lkw verladen hätten. Familie Maßmann erntete auf ihren direkt unterhalb des Steinbruchs liegenden Feldern Kartoffeln, als sie die US-Amerikaner entdeckten. „Wir wurden damals alle mit der Warnung vor mit Sprengstoff beladenen und mit Sprengladungen verkabelten Lastwagen vor einem Eindringen in die schnell geheimnisumrankten Stollen gewarnt“, erzählt der 85-Jährige. Er bezweifele aber, dass Lkw in die vielen Lehrstollen im Berg gepasst hätten.

Herabhängende Elektrokabel

„Ich habe gesehen, dass es sich bei den vielen Kabeln um herunter gerissene Elektroleitungen in den Stollengängen handelte“, sagte Maßmann. An Sprengfallen glaube er nicht. Da sollten Soldaten, Anwohnern und Kindern Angst gemacht werden. „Hinweise auf mögliche Kisten mit Kunstgütern oder gar eine Spur zum Bernsteinzimmer gab es da oben im westlichen Steinbruch nicht“, scherzte der Lütmarser.

Seine Beobachtung von der Pionier-Spezialtechnik im Berg weist nach Ansicht des Bad Driburger Geschichtsexperten Waldemar Becker darauf hin, dass die Amerikaner 1945 sehr interessiert an modernster deutscher Technik für die Pioniereinheiten gewesen seien. Bei den Geräten, die Maßmann beschreibe, handele es sich um UKW-Horchgeräte der Wehrmacht, mit denen Sprengungen ferngezündet werden konnten. Becker erklärte gegenüber dem WB, dass die Wehrmacht im Bielenberg Experimente mit Tunnelhorchanlagen gemacht habe. Eine Gefangenenbefragung habe 1945 den Alliierten den Hinweis gebracht, dass bei Kriegsende im Bielenberg von den Deutschen etwas Interessantes eingelagert worden sei. Horchgeräte seien beim Bunker- und Tunnelbau an den Fronten von Pionieren, die in Höxters Kaserne lagen, genutzt worden, um den Feind abzuhören und dessen Aktivitäten früh akustisch zu erkennen.

Johannes Maßmann berichtet in seinen Erinnerungen an 1945 auch, dass am Steinbruch zwei kleine Häuschen für die Wache und für die Öllagerung gestanden hätten, ebenso zwei Hallen nahe der heutigen Zufahrt zum eingezäunten Bundeswehrübungsplatz. In 30 Ställen hätten die Wehrmachtssoldaten 1945 Kaninchen gezüchtet. Zudem stand an der Zufahrt zum damaligen Übungsdorf mit Holzkirche und Häusern ein Betonbunker mit Kuppel und ein Bunker aus Kaisers Zeiten. An die Zugänge zum Stollensystem vom Steinbruch Schmidt in Höxter-Richtung erinnere er sich auch und habe sie mit einer Karbidlampe ausgiebig erkundet. Auch seien dort 1945 drei Dutzend russische Kriegsgefangene auf dem Berg interniert gewesen.

Beim WESTFALEN-BLATT meldete sich auch Hans-Jürgen Meyer aus Moers, der in Höxter in der Goethestraße aufgewachsen ist und auf der Bergbauschule Bochum einen Dozenten, Pionierhauptmann Nattkämper aus Höxter, traf. Der habe die Ausstattung der Bielenberg-Stollen beschrieben und vom Interesse der „Amis“ an den neuen deutschen Geräten im Bielenberg berichtet. Pioniere hätten als Mineure den Streckenvortrieb noch 1945 forciert.

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