1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Hoexter
  6. >
  7. Dem Holocaust entkommen: Rückkehr nach Höxter

  8. >

Harry Löwenstein (87) in Höxter, Fürstenau und Bredenborn – der letzte überlebende Jude aus dem Raum Höxter - Besuch ab 11. Juni

Dem Holocaust entkommen: Rückkehr nach Höxter

Höxter/Fürstenau (WB). Mit solch einem besonderen Besucher hätten viele nicht mehr gerechnet: Harry Löwenstein (87) aus Florida kommt mit zwei Töchtern und Schwiegersohn am 11. Juni für einige Tage in die Kreisstadt. Er ist der letzte noch lebende Jude aus dem Raum Höxter, der Nazis und Zweiten Weltkrieg überlebt hat.

Michael Robrecht

Helmut »Harry« Löwenstein (87) hier mit seiner Familie in Florida/USA. Löwenstein ist in Höxter-Fürstenau groß geworden. Er besucht ab 11. Juni seine alte Heimat Höxter und ist der letzte noch lebende Jude aus der Region Höxter, der den Holocaust überlebt hat. Fotos: Forum Jacob Pins Foto:

Fritz Ostkämper, Vorsitzender der Jacob-Pins-Gesellschaft Höxter, ist nach langen Recherchen im Rahmen seines Projektes »Spurensuche nach jüdischen Familien aus Höxter« auf den in Fürstenau aufgewachsenen und 1931 als Helmut Löwenstein geborenen 87-Jährigen in Kissimmee/USA gestoßen. Er berichtet, dass der jetzige US-Bürger zurzeit eine Rheintour unternehme und am Montag, 11. Juni, in Höxter erwartet werde. Vorgesehen sei um 15 Uhr im Pins-Forum eine Gesprächsrunde mit Löwenstein, die in eine von der Stadt organisierte Feierstunde eingebunden sei. Auch KWG-Schüler seien bei dem Zeitzeugengespräch im Forum eingeladen.

Am Dienstag, 12. Juni, ist ein Besuch in Fürstenau geplant, wo sich Harry Löwenstein an seine Kindertage bis 1938 erinnern wolle. Weiter geht es nach Bredenborn, wo er nach einer Odyssee in den Kriegsjahren 1945 sechs Wochen bei einer jüdisch-katholischen Familie untergekommen ist.

»Ich wurde in dem kleinen Bauerndorf Fürstenau geboren. Mein Vater war Viehhändler. Er hatte eine Viehzucht und Pferde. Schon seit 1935 machte man ihm Probleme, wenn er Tiere zum Markt transportierte. Er hat aber durchgehalten, alles ging gut bis zur Kristallnacht 1938«, schilderte Löwenstein einmal Details im Holocaust- Center in Maitland/USA.

Der Fürstenauer Viehhandel Gerson Löwensteins wurde nach seinem Tod von dem Sohn David (geboren 1887) übernommen, der ihn bis ins Dritte Reich weiterführte. Aus dem Ersten Weltkrieg kehrte er ohne Verwundung nach Fürstenau zurück und heiratete 1926 die aus Obermarsberg stammende Bernhardine Weitzenkorn (Jahrgang 1900). Das Ehepaar hatte zwei Kinder, Tochter Kläre (geboren 1927) und Sohn Helmut (1931).

Obwohl die Juden im Dritten Reich aus dem Geschäftsleben verdrängt wurden, blieb der Viehhandel in Fürstenau lange zum größten Teil in jüdischen Händen. Die Situation wurde jedoch schwieriger; nach der Schändung der Fürstenauer Synagoge 1938 sind bei Familie Löwenstein mehrfach die Fensterscheiben eingeworfen worden. Damals hatte David Löwenstein seinen Viehhandel bereits aufgegeben, und die Familie musste von der Substanz leben. Zusätzlich versuchte sie ihren Lebensunterhalt durch die Aufnahme jüdischer Feriengäste im Haus aufzubessern.

In der Pogromnacht des 9. November 1938 stürmten SA-Trupps das Haus und beschlagnahmten Gold, Silber, Bronze und andere Dinge von Wert. David Löwenstein wurde mit den anderen Juden in das KZ Buchenwald gebracht, von wo er erst nach gut vier Wochen im Dezember 1938 entlassen wurde. Während seiner Abwesenheit musste der siebenjährige Sohn Helmut das Vieh in der Scheune und die Pferde im Stall versorgen, sie füttern und putzen, erfuhr Fritz Ostkämper bei seinen Nachforschungen.

Ab 1939 war den Kindern der Besuch der öffentlichen Schulen verboten, und so wurden Kläre und Helmut zur Israelitischen Gartenbauschule in Hannover-Ahlem geschickt, um ihre Schulpflicht zu erfüllen. Mit der Schließung der Schule mussten sie jedoch im Herbst 1941 nach Fürstenau zurückkehren. Am 13. Dezember 1941 ist die Familie dann in das Ghetto Riga deportiert worden. David Löwenstein und Helmut sind im Sommer 1943 ins Konzentrationslager Kaiserwald (bei Riga/Lettland) transportiert worden, wo David Löwenstein erkrankte und nach Riga zurück fuhr. Er wurde in Treblinka ermordet.

Helmut Löwenstein ist 1944 per Schiff über Danzig in das KZ Stutthof transportiert worden. Dort verlor er den Kontakt zur Familie und sah sie nie wieder. Bernhardine Löwenstein und ihre Tochter Kläre kamen etwa Ende 1944 um. Der noch nicht einmal 14-jährige Helmut Löwenstein überlebte das KZ Stutthof. Bei der Auflösung des KZs wurde er mit einer Häftlingskolonne auf den Todesmarsch nach Westen geschickt. Er gelangte über Berlin und durch Thüringen nach Höxter und Fürstenau. Für einige Wochen fand er Unterkunft bei der Familie Kleinstraß in Bredenborn und lebte dann ab Juli 1945 für ein Jahr bei der Familie, die das Haus seiner Familie in Fürstenau erworben hatte. 1946 bis 1947 kam »Harry« in das jüdische Kinderheim in Hamburg-Bankenese, reiste später über Paris in die USA. 1952 strandete er in Florida, wo er in das Bekleidungsgeschäft seines Onkels eintrat. 1974 erwarben Harry und Carol Löwenstein in Kissimmee/Florida ihr eigenes Bekleidungsgeschäft.

Die Lebensgeschichte von Harry Löwenstein ist unter www.jacob-pins.de (Rubrik »Jüdische Bürger in Höxter«) nachzulesen. Fotostrecke unter www.westfalen-blatt.de

Startseite