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Seltenes Handwerk: Uniformschneiderei von Johannes und Gisbert Kleine in Brenkhausen

Die letzten ihrer Zunft

Höxter-Brenkhausen (WB). Solch eine Werkstatt gibt es so nur noch selten im Kreis Höxter. Bunte Garnrollen und Stoffballen liegen in Regalen im Hinterzimmer der Schneiderei Kleine in Brenkhausen. Während vorne im Raum Kunden ihre fertigen Kleidungsstücke bei Gisbert Kleine abholen, sitzt sein Bruder Johannes an einer der vielen Nähmaschinen und widmet sich dem nächsten Auftrag. Viele Schützen aus der Region bestellen hier ihre Uniformjacken, auch die Männer der Schützengilde Höxter, die 2020 ihr 425-jähriges Bestehen feiert.

Michael Robrecht

Gisbert und Johannes Kleine in ihrer Schneiderwerkstatt in Brenkhausen: Viele Uniformjacken werden hier hergestellt. Ein Maßband hängt oft um den Hals der Schneider. Stoffschere, Kreide und Schablonen aus Pappe sind für die Arbeit griffbereit. Foto: Michael Robrecht

Die Brüder sind Schneider und betreiben seit Jahrzehnten eine klassische Schneiderei mit einem kleinen Modegeschäft. Sie sind wohl die letzten ihrer Zunft im Raum Höxter. Allgemein ist das Nähen nicht mehr so weit verbreitet – schon gar nicht, wenn es um Uniformen geht. Früher haben viele Menschen in der Familie oder im Bekanntenkreis auch Jacken genäht und es gab mehrere Uniformschneidereien in der Region, mittlerweile ist das eher selten.

Familienbetrieb wird enden

Der Nachwuchs in diesem Handwerksberuf fehlt. Das wissen auch die Gebrüder Kleine in Brenkhausen in der Kreisstraße 51. Niemand aus der Familie werde die 1927 vom Gründer Johannes Kleine eröffnete Schneiderei übernehmen, erzählen die beiden. Die Jugend heute wolle schon seit Jahren nicht mehr Nähen lernen. Früher habe man mehrfach selbst ausgebildet – Frauen und Männer.

Das liege auch daran, dass sich der Kleidungsstil und das Modeverständnis in den vergangenen Jahren geändert hätten. Schon in den 1960er Jahren haben sich die Kleine-Brüder mit der Uniformschneiderei ein zweites Standbein aufgebaut; und das läuft bis heute gut.

Höxteraner Uniformen in speziellem Grün

Dutzende Uniformjacken, schwarze Hosen, Schützenhüte, Krawatten mit Embleme und Hemden finden die Schützenvereine, Spielmannszüge und Blaskapellen im Ladenlokal in Brenkhausen. „Und vieles wird maßgeschneidert“, schildert Johannes Kleine. Auch viele Schützen-Funktionsträger und Dienstgrade der vier Kompanien der Schützengilde Höxter bestellen sich ihre Uniform bei Kleine in Brenkhausen.

Schon ab Januar, weit vor Saisonbeginn, ist Hochsaison in der Schneiderei. Jeden Tag arbeiten die Brüder an ihren Nähmaschinen an neuen Schützen-Sakkos. Für Höxter gibt es ein spezielles Grün. Am Ärmel wird das Höxter-Stadtwappen aufgenäht. Die Größen werden bei einer Anprobe genau vermessen.

Das Maßschneidern verläuft dann so: Vor Gisbert und Johannes Kleine liegt eine Stoffbahn mit Höxter-Grün. Ein Maßband hängt nach alter Väter Sitte um den Hals der Schneider. Stoffschere, Kreide und Schablonen aus Pappe sind griffbereit, um den Stoff zu bearbeiten. Seitenteile, Arme, Rücken, Vorderseite: Die Brüder legen los. Knopflöcher werden angelegt. Jeder Schnitt sitzt. Man kann es oder man kann es nicht.

Kundschaft aus benachbarten Landkreisen

1960 hat Johannes Kleine die Schneiderwerkstatt von seinem Vater übernommen. Aus- und Umbauten folgten. Die Kundschaft kommt aus dem Kreis Höxter, aber auch aus Lippe, Kassel oder dem Landkreis Holzminden. „Wir haben sogar für die Schützenvereine in Dortmund und Hannover Uniformen geschneidert“, berichtet Gisbert Kleine. Auch der Elferrat des Karnevalsvereins Ovenhausen sei Kunde bei ihnen, weiter viele Musikvereine, Spielmannszüge und Schützenvereine.

Jeder Verein trägt eine eigene Farbe. Rückenriegel, Kragen, spezielle Dinge für Könige: Die Kleines müssen vieles beim Uniformschneidern beachten. Schulterstücke, Schärpen, Accessoires, Fangschnüre, Eichenlaub, Federn, Schützenschnüre, weiße Offiziershosen, Kordeln, Hemden mit kurzen langen Ärmeln und Hüte und Kappen bieten die Uniform-Spezialisten an.

Ein Schild sorgt für Irritation

Wenn ein Höxteraner Schütze eine neue Uniformjacke bestellt, dann kostet die im Durchschnitt 200 Euro. Oft würden auch gebrauchte Jacken zu günstigen Preisen angeboten, sagt Johannes Kleine. Manche suchten auch Last-Minute-Jacken. Königinnen- und Hofstaatkleider gibt es in Brenkhausen nicht; da muss man in Städte fahren oder über Modehäuser die Kleider beziehen.

„Viele Kunden sagen uns, dass wir noch – so lange es geht – weiter machen sollen. Wir haben auch Lust dazu, wenn es die Gesundheit zulässt“, meinen Gisbert und Johannes Kleine. „Einmal haben wir ein Werbeschild „Ausverkauf – Schreibwaren“ im Ladenfenster aufgehängt. Viele hätten nur das Wort „Ausverkauf“ gelesen und irritiert nachgefragt, ob bei uns Schluss sei, weiß Johannes Kleine noch genau. Er habe aber schnell alle beruhigen können.

Höxteraner Uniformen

Mit großer Freude betrachten die Gebrüder Kleine jedes Jahr die vielen Schützenfestfotos im WESTFALEN-BLATT. Da würden sie so manche bei ihnen geschneiderte schmucke Uniform entdecken. Gerne erzählen die Brüder auch, dass längst nicht alle Schützen einen ordentlichen Krawattenknoten binden könnten: „Den müssen wir seit Jahren oft gleich hier im Laden binden, und der Schlips hängt dann gebunden viele Jahre bei den Herren im Schrank“, wissen Gisbert und Johannes Kleine genau. Das gelte übrigens auch für einige Höxteraner Schützen.

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