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„Wild. Wald. Welt“: Brandauer liest bei „Via Nova“ auf Schloss Corvey

Ein Weltstar kommt zum Weltkulturerbe

Höxter (WB). Natürlich ist der Auftritt längst ausverkauft. Und die Warteliste derer, die auf zurückgegebene Karten hoffen, ist lang. Mit Klaus Maria Brandauer beehrt ein absoluter Weltstar das Kulturfest „Via Nova“ auf Schloss Corvey in Höxter . Der Großschauspieler liest am Sonntag, dem 20. September, ab 11 Uhr aus William Faulkners „Der Bär“.

Andreas Schnadwinkel

Klaus Maria Brandauer kommt zu einer Lesung aus William Faulkners „Der Bär“ am 20. September nach Corvey. Die Veranstaltung um 11 Uhr ist ausverkauft, aber die Macher von „Via Nova“ arbeiten an einer zweiten Lesung am Nachmittag.

Und weil die Nachfrage so groß ist, versucht Brigitte Labs-Ehlert, Brandauer von einer zweiten Lesung am selben Tag zu überzeugen. „Ich hoffe, dass wir am frühen Nachmittag einen zweiten Termin anbieten können“, sagt die künstlerische Leiterin von „Via Nova“ . Ihren neuen Weg sieht Labs-Ehlert nicht als Konkurrenzveranstaltung zur zeitgleichen regionalen Reihe „Wege durch das Land“, die einst ihre Erfindung war. Die Zielgruppe ist ähnlich bis identisch, und die Programme ergänzen sich eher, als dass sie sich Publikum wegnähmen. Zumal beide aufgrund der Corona-Auflagen deutlich weniger Plätze zur Verfügung haben. In Corvey sind es etwa ein Drittel weniger.

Ausgangspunkt sind die „Annalen“ von Tacitus

„Mein Ansatz bei ‚Via Nova‘ ist ganz anders als bei ‚Wege durch das Land‘. In Corvey findet fast alles im Schloss statt. Mir geht es darum, die Schätze der Klosterbibliothek zu heben und mit zeitgenössischer Literatur in Verbindung zu bringen. Ich knüpfe zum Beispiel an ein Werk an, das im Corveyer Skriptorium entstanden ist und mache dann den Brückenschlag bis in die Gegenwart“, erläutert Labs-Ehlert ihr auf fünf Jahre angelegtes Konzept.

Vom 4. September bis zum 4. Oktober heißt das Motto „Wild. Wald. Welt“. Ausgangspunkt sind die „Annalen“ des römischen Geschichtsschreibers Tacitus (56-120 n. Chr.), die im Corveyer Skriptorium vervielfältigt wurden, dem Herzen des damaligen Benediktinerklosters. Musik aus der Romantik bildet die Klammer.

„Wenn wir die Annalen heute aufschlagen, lesen wir vom Niedergang des römischen Principats und hören vom Untergang der römischen Legionen im schier endlosen Waldmassiv des Teutoburger Waldes. Für Tacitus hatten die Germanen im dichten Baumgrün einen Verbündeten“, sagt die Germanistin.

Schauspieler Dominique Horwitz ließt ebenfalls

Zum Auftakt der Reihe liest der Schauspieler Dominique Horwitz unter dem Titel „Friede den teutonischen Urwäldern“ aus Tacitus’ „Annalen“. Im Mittelpunkt der Texte stehen die Beschreibungen des Waldes. „Tacitus war ja nicht hier und stützte sich auf ältere Berichte, in denen der Wald als grauenhaft dargestellt wird“, so Labs-Ehlert. Ebenfalls am 4. September widmet sich der Lyriker Durs Grünbein dem Thema „Germanischer Komplex“.

Entscheidend für die Umsetzung des Konzepts ist die Auswahl der passenden Literatur. So hat sich zum Beispiel auch der Dramatiker Heiner Müller (1929-1995) in einem Gedicht mit den „Annalen“ befasst. In „Klage des Geschichtsschreibers“ (1993) heißt es: „Im vierten Buch der Annalen beklagt sich Tacitus über die Dauer der Friedenszeit, kaum unterbrochen von läppischen Grenzkriegen, mit deren Beschreibung er auskommen muss, voll Neid auf die Geschichtsschreiber vor ihm, denen Mammutkriege zur Verfügung standen. Geführt von Kaisern, denen Rom nicht groß genug war. Unterworfene Völker, gefangene Könige, Aufstände und Staatskrisen: guter Stoff. Und Tacitus entschuldigt sich bei seinen Lesern. Ich meinerseits, zweitausend Jahre nach ihm, brauche mich nicht zu entschuldigen und kann mich nicht beklagen über Mangel an gutem Stoff.“

So geht es auch Labs-Ehlert: „Via Nova“ steht bis 2023. 2021 geht es um Homers „Odyssee“, 2022 um Boethius’ „Trost der Philosophie“ und 2023 um Widukinds „Sachsengeschichte“. Es gibt viel zu erzählen am Weltkulturerbe.

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