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Kinder leiden unter psychischen Problemen und Gewichtszunahme durch die Corona-Krise – Psychologen und Mediziner schlagen Alarm

„Es ist Zeit für mehr Normalität“

Höxter (WB)

Kinder leiden nicht nur unter psychischen, sondern auch unter körperlichen Auswirkungen der Pandemie. Kontaktverbote, Homeoffice oder Homeschooling und viele weitere Einschnitte in das gewohnte Leben begleiten die Kinder seit Ausbruch des Coronavirus‘ im vergangenen Jahr.

Ellen Waldeyer

Kinder brauchen Bewegung, sagen Mediziner. In der Kindertagesstätte St. Marien in Dalhausen haben die Kinder einen eigenen Turnraum mit zahlreichen Spielgeräten auf denen sie sich so richtig austoben können. Felicitas, Noel, Bob, Ida, Noah und Fiete haben viel Freude an Bewegung und schätzen die Ausstattung der Kita. Foto: Ellen Waldeyer

Dieses Bild scheint sich auch im Kreis Höxter abzuzeichnen, wie Kinder- und Jugendarzt Firooz Ahmadi sowie Kinder- und Jugendpsychologin Andrea Stellmach bestätigen. In einem Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT erklären sie, was sich verändert hat und welche Möglichkeiten es gibt, um auch in dieser Ausnahmesituation einen gesunden Lebensstil zu führen.

Die Corona-Pandemie greift ganz besonders die Psyche der Menschen an. Das betrifft auch die Kinder. Zahlreiche Untersuchungen, darunter auch ein Bericht des Robert-Koch-Instituts, weisen aus, dass nun mehr Kinder in psychische Behandlung müssen. Andrea Stellmach, Kinder- und Jugendpsychologin aus Höxter, hat derzeit zwar nicht mehr Patienten – in ihrer Praxis gibt es ein Limit der Patientenanzahl – doch sie sieht eine Zuspitzung bei denjenigen, die vorher eigentlich nur leichte Probleme hatten. Ganz schwierig sei es für ihre Patienten mit sozialen Ängsten. „Diejenigen mit sozialer Phobie können nicht einfach Kontakt über Telefon und Video halten. Die Angst spitzt sich in dieser Zeit zu. Meine Patienten sind sehr dankbar, dass unsere Therapien noch vor Ort und nicht vor dem Bildschirm stattfinden“, sagt die erfahrene Psychotherapeutin.

Viele Kinder zu dick

Aber nicht nur psychosomatische Auswirkungen bringt die Pandemie für viele Kinder. Erste Studien der TU und der Maximilians-Universität in München sowie Schuleingangsuntersuchungen aus dem Raum Niedersachsen ergaben, dass viele Kinder seit dem ersten Lockdown im März eine Gewichtszunahme verzeichneten. Die Studie aus München nennt den Anteil von neun Prozent der befragten Kinder, die in der Pandemie Gewicht zugelegt haben. Besorgniserregend ist dabei, dass von diesen neun Prozent fast ein Drittel der Kinder aus bildungsfernen Familien stammt. Zwar kochten viele Familien nun wieder frisch und nach eigenen Angaben gesünder als zuvor, doch auch gesunde Ernährung könne zu Gewichtszunahme führen, wenn die Quantität außer Acht gelassen wird, betonen Mediziner. Die Schuleingangsuntersuchungen aus Niedersachsen verzeichnen einen Anstieg der übergewichtigen Vorschulkinder von 5,4 auf 7,8 Prozent. Der Anteil derjenigen mit extremem Übergewicht sei von 2019 mit 4,1 zu 2020 auf 5,6 Prozent gestiegen.

„Solche Studien lassen sich natürlich nicht direkt vergleichen, da sich zum Beispiel Umweltfaktoren und Lebensbedingungen im städtischen und ländlichen Raum unterscheiden. Aber auch ich kann feststellen, dass einige junge Patienten im Kreis Höxter seit der Corona-Pandemie ins Übergewicht abgerutscht sind“, sagt Kinder- und Jugendarzt Firooz Ahmadi, der seit 2015 als Chefarzt in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Höxter tätig ist.

Zu wenig Bewegung

Die mangelnde Bewegung und das vermehrte Sitzen im Homeschooling haben zu Gewichtszunahmen geführt, sagt der Kinderarzt. Die Studie aus München kennzeichnet besonders die Altersgruppe der 10- bis 14-Jährigen, die sich seit den Eindämmungsmaßnahmen um 57 Prozent weniger bewegt hätten als vor der Corona-Krise. Darüber hinaus konsumiere diese Altersgruppe seit dem Lockdown merklich mehr Softdrinks, salzige Knabberartikel, Kuchen und Süßigkeiten.

„Ganz allein ist sicherlich nicht nur die mangelnde Bewegung der Grund für die Gewichtszunahmen, aber gerade jetzt steht diese im Vordergrund“, erklärt Ahmadi, der seit 32 Jahren im Bereich der Kindergesundheit tätig ist.

In Deutschland sind um die 1,1 Millionen Kinder übergewichtig – Tendenz steigend – und auch das Ausmaß des Übergewichts ist zunehmend. „Das ist eine besorgniserregende Entwicklung, denn Adipositas ist eine ernstzunehmende Krankheit und kein Tabuthema. In Deutschland ist sie die Volkskrankheit Nummer eins“, so der Arzt aus Höxter.

Kinderarzt Firooz Ahmadi warnt vor den Folgen der Pandemie für den Gesundheitszustand von Kindern. Foto: Harald Iding

Programm startet 2021

Fast jeden Tag hat Firooz Ahmadi ein Kind in Behandlung, das übergewichtig ist. Deshalb freut er sich, dass derzeit die Planung eines ambulanten Adipositaszentrums der KHWE läuft. Mit einem multidisziplinären Programm, das bundesweit anerkannt ist, soll das Konzept für übergewichtige Kinder ab zwölf Monaten Ende des Jahres starten. Schon seit zwei Jahren arbeiten die Ärzte freiwillig an dem Konzept, haben Trainer ausbilden lassen und Lehrküchen sowie Sportstätten zur Umsetzung gesucht und Genehmigungen eingeholt.

„Wir Ärzte sehen diese kritischen Entwicklungen und begeben uns deswegen freiwillig und zusätzlich zu unserer normalen Arbeitszeit an die Umsetzung eines Programms, um die Adipositas zu bekämpfen. Wo ist da die Politik? Immerhin wollen wir alle keine Verhältnisse wie in den USA“, kritisiert Firooz Ahmadi.

Wenn er bemerkt, dass ein Kind unter Adipositas leidet, führt er zunächst ein Gespräch mit den Eltern in Anwesenheit des Kindes. Dabei werden Ursachen ergründet und Folgen des Übergewichts offen angesprochen. „Es können bleibende Folgeschäden für Gelenke, Leber, Herz, Kreislauf und Blutdruck entstehen“, erklärt der Kinderarzt.

Disziplin gefragt

„Dann frage ich die Kinder, ‚wenn Du krank bist, was machst Du dann? Du gehst zum Arzt, der dir einen Weg zeigt, wie es dir wieder besser geht‘. Es gibt leider keine Medikamente oder Wundermittel gegen Übergewicht. Wir als Mediziner können nur Empfehlungen und Tipps geben, die dann selbstständig umgesetzt werden müssen. Adipositas ist nur mit harter Disziplin in den Griff zu bekommen und das ist wirklich schwer“, weiß Ahmadi. Wichtig sei, dass Kindern keine Lebensmittel verboten werden dürfen und keine kommerziellen Diäten im jungen Alter gehalten werden sollten.

Schon das Halten des Gewichts sei bei übergewichtigen Kindern ein großer Erfolg, da sie noch wachsen. „Alles sollte in gesunden Maßen gegessen werden. Wir empfehlen drei Hauptmahlzeiten mit zwei Nebenmahlzeiten. Wie groß diese sein sollten, besprechen wir gemeinsam mit Eltern und Kindern“, beschreibt Ahmadi.

Darüber hinaus sollten Eltern gemeinsam mit den Kindern einkaufen gehen, um die Verpackungen näher zu studieren und schließlich auch gemeinsam zu kochen. Die drei wichtigen Komponenten, um das Übergewicht zu bezwingen, seien Ernährung, Bewegung und Psychotherapie. Denn Übergewicht belastet auch psychisch. „Die Kinder vergleichen sich, sie sind häufig Mobbing ausgesetzt und haben ein geringeres Selbstvertrauen“, erklärt Andrea Stellmach.

Firooz Ahmadi appelliert an die einzelnen Familien, aber auch an Politiker, etwas gegen die aktuellen Entwicklungen zu unternehmen. „Es ist die Aufgabe der Eltern, Vorbild zu sein. Nach einem bewegungslosen Tag im Homeoffice sollten sie die Initiative ergreifen und noch nach draußen gehen, um einen Spaziergang zu machen“, so der Mediziner. Aber auch die Politik sieht er in der Verantwortung. Eine Möglichkeit für mehr Bewegung seien seiner Meinung nach Sportsendungen im Fernsehen.

„Wir sehen jeden Tag unzählige Kochsendungen und Talkshows. Warum nicht mal 40 Minuten ein Sportprogramm zum Mitmachen laufen lassen?“, fragt er und sieht den Bewegungsmangel als großes Problem. Einige Patienten brachten Ausreden, dass die Fitnessstudios geschlossen seien und Sport daher kaum möglich sei, doch dieses Argument greift für Ahmadi nicht. „Wir leben im Kreis Höxter, wo wir ohne Einschränkungen Fahrrad fahren, spazieren oder joggen können. Ich selbst mache normal auch Mannschaftssport, das geht gerade natürlich nicht, aber eine Ausrede zur Bewegung gibt es nicht“, betont der Kinder- und Jugendarzt. Die Sportstätten sind zwar derzeit geschlossen, aber viele Vereine oder andere Einrichtungen bieten trotzdem Sportprogramm. Einige Fußballvereine stellen ihren Mitgliedern zum Beispiel Laufaufgaben.

Sarah Soethe ist die Leiterin der Tanzfabrik in Beverungen. Ihren Tanzunterricht während des Lockdowns pausieren? Das kommt für die Tanzpädagogin nicht in Frage. Foto: Ellen Waldeyer

Tanzen geht weiter

Noch persönlicher handhabt es beispielsweise Sarah Soethe, Leiterin der Tanzfabrik in Beverungen. Sie lässt den Tanzunterricht weiterlaufen – zwar nur im Bereich des Möglichen, also digital über die Video-App „Zoom“, aber dennoch halten sich die Tanzschülerinnen in ihren Wohnzimmern fit. Die große Anlage der Tanzschule kommt aktuell nicht zum Einsatz, stattdessen wird die Musik über eine mobile Box direkt hinter dem Smartphone, über das die Videoübertragung läuft, abgespielt, um den Schall möglichst einzudämmen und die Qualität für die Kinder und Jugendlichen zu Hause möglichst hoch zu halten. Sarah Soethe hat ihr Handy mit einem weiteren großen Bildschirm verbunden, um ihre Schüler zu Hause sehen und somit auch ihre Technik bewerten zu können.

Weniger Krankheiten

Die Corona-Krise habe allerdings auch positive Entwicklungen gebracht, erklärt der Kinderarzt Firooz Ahmadi. Insgesamt gebe es zum einen weniger andere Infektionskrankheiten wie grippale Infekte oder Magen-Darm-Erkrankungen, und auch psychosomatische Beschwerden wie Bauchschmerzen, Kreislaufprobleme, Kopfschmerzen und Schulstress im Allgemeinen seien merklich zurückgegangen.

Was die Zukunft für die Kinder bringt, ist noch ungewiss, doch sowohl der Kinderarzt Firooz Ahmadi als auch die Psychotherapeutin Andrea Stellmach sehen dringenden Handlungsbedarf der Politik. „Ich sehe schwarz für die Entwicklung der Kinder, wenn die Pandemie weiter andauert“, sagt Ahmadi. Andrea Stellmach sieht ähnliche Entwicklungen.

„Die Kinder und Jugendlichen und auch speziell meine Patienten haben die ganze Zeit so tapfer durchgehalten, darauf bin ich wirklich stolz. Aber es ist jetzt an der Zeit für mehr Normalität. Immerhin haben die Schulen teilweise im Wechsel wieder geöffnet. Denn ansonsten wird es einfach zu viel“, so die Psychologin.

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