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16. Hoffmann-von-Fallersleben-Rede in Schloss Corvey: Preisträgerin und Rednerin bekommt Spenden für liberale Moschee in Berlin

Frauenrechtlerin Seyran Ates will als Imamin predigen

Höxter (WB). Die Frauenrechtlerin Seyran Ates (54) aus Berlin ist am Maifeiertag in Schloss Corvey mit der Hoffmann-von-Fallersleben-Plakette ausgezeichnet worden. Die türkisch-kurdischstämmige Expertin für Menschenrechtsfragen mit deutschem Pass hielt auch die vielbeachtete 16. Fallersleben-Rede vor 250 Gästen im Kaisersaal.

Michael Robrecht

Kaisersaal Schloss Corvey am Mittag des 1. Mai bei der Hoffmann-von-Fallersleben-rede: (von links) Bürgermeister Alexander Fischer, Preisträgerin und Rednerin Seyran Ates, Dr. Michael Stoltz und Viktor Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey. Foto: Michael Robrecht

Seyran Ates, eine durch viele TV-Auftritte und ihre Bücher bekannte Rechtsanwältin, hat sich um die Integration und die Stärkung der rechte muslimischer Frauen verdient gemacht. Sie wurde oft wegen ihrer liberalen Haltung von Extremisten angegriffen. Höxters Bürgermeister Alexander Fischer überreichte die Plakette. Ates trug sich zudem ins Goldene Buch der Stadt Höxter ein. Viktor Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey begrüßte die Zuhörer. Er erinnerte daran, dass Hoffmann von Fallersleben auf dem Friedhof neben der Corveyer Kirche beerdigt und der 1. Mai immer dessen erster Arbeitstag in der fürstlichen Bibliothek von Herzog Viktor I. gewesen sei.

Dr. Michael Stoltz (Leiter Arbeitskreis Hoffmann von Fallersleben im HVV) stellte Seyran Ates Vita vor. Schon seit ihrem Jurastudium gelte Ates Aufmerksamkeit besonders Mädchen und Frauen aus muslimischen Ländern, denen eigene Rechte nicht gewährt oder die in ihrer Würde verletzt werden. »Auch unter Hinnahme persönlicher Risiken nenne Ates Grundrechtsverletzungen beim Namen, die oft als kulturelle Spezifika verharmlost werden.«

Die 1963 in Istanbul geborene Juristin türkisch-kurdischer Eltern (in Berlin als Gastarbeiterkind aufgewachsen) ist oft für ihr Engagement beschimpft, bedroht und gewalttätig angegriffen worden. 1984 wurde vor ihren Augen eine Klientin erschossen und sie von dem Attentäter einer nationalistischen türkischen Gruppe lebensgefährlich verletzt. Ihr linker Arm sei bis heute unbeweglich, zeigte sie in Corvey. Wegen anhaltender Drohungen gegen sie gab Ates von 2006 bis 2012 ihre Anwaltstätigkeit auf. Im Sommer 2012 eröffnete sie wieder ihre Kanzlei. Seitdem kämpft sie noch unermüdlicher für muslimische Frauen.

Für Mitte Juni hat der Ullstein-Verlag das Erscheinen eines neuen Buches von Seyran Ates angekündigt. Es heißt »Selam, Frau Imamin«. Das wird aufschlussreich zu lesen sein, denn im Untertitel verspricht das Buch zu erklären, »wie ich in Berlin eine liberale Moschee gründete«. Mit diesem komplizierten heiklen Unterfangen ist die Rechtsanwältin und bekennende sunnitische Muslimin derzeit beschäftigt: mit der Schaffung einer Moscheegemeinde, die sich dezidiert dem Reformislam verpflichtet fühlt. Der Erlös der Fallersleben-Rede mit Preisgeld der Volksbank (insgesamt 4400 Euo) geht an ihr Projekt zur Eröffnung der Ibn-Rushd-Modschee in Berlin-Moabit. Am 16. Juni ist es soweit. Ates will selbst Predigten als Imamin halten – eine Revolution und ein weltweites Pilotprojekt gegen viele Widerstände. Man müsse endlich ein anderes Gesicht des Islam zeigen. Viele lebten längst einen liberalen Islam, der werde nur vielerorts nicht sichtbar.

Seyran Ates sprach in ihrer mehr als einstündigen Rede in Corvey auch das strittige Thema »Mitsingen der deutschen Nationalhymne durch türkischstämmige Spieler der deutschen Nationalmannschaft vor Länderspielen« an. Sie habe kein Verständnis dafür, wenn die Spieler die dritte Strophe des Deutschlandliedes nicht mitsingen würden. Sie selbst singe die Hymne gerne mit.

Ausführlich widmete sich Ates Hoffmann von Fallersleben, den sie als Systemkritiker des 19. Jahrhunderts für sich entdeckt hatte, und zog Bezüge zum Thema Bürgerrechte heute. Kritik gab es an den Vorgängen in der Türkei, wo der Rechtsstaat abgeschafft werde. Sie selbst könne zurzeit nicht mehr in ihre Heimatstadt Istanbul fliegen, weil ihr wegen ihrer Überzeugungen und kritischen öffentlichen Aussagen sofort die Verhaftung in der Türkei drohe.

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