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Hausnummer-Serie: Marktstraße 21 in Höxter – „Seelsorger-WG“ und Pfarrhaus in historischem Adelshof

Gäste halten Dechanei für Rathaus

Höxter

Touristen vermuten hinter der schmucken zweigiebeligen Fachwerk-Fassade eher den Bürgermeister als den Pfarrdechanten. Denn sie halten die stadtbildprägende Dechanei in der Marktstraße für das Rathaus. Ein Aushängeschild ist das Weserrenaissance-Juwel mit seinen vielen Fächerrosetten aber allemal – nicht nur für Höxter, sondern auch für die katholische Kirche. Die nämlich erfüllt das Schmuckstück seit fast 225 Jahren als Pfarrhaus und als Ort der Begegnung für die Gemeinde mit Leben.

Sabine Robrecht

Priester-WG hinter Fachwerkfassaden: Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek (Mitte), Vikar Jonas Klur (rechts) und Diakon Jonathan Berschauer. Foto: Sabine Robrecht

Pfarrdechant Dr. Hans-Bernd Krismanek öffnete dem WESTFALEN-BLATT für die heutige Folge der Adventskalender-Serie die Tür zur Dechanei. Sie trägt die Hausnummer 21 und ist nach wie vor das meistfotografierte Gebäude in Höxter. „Das liegt aber nicht an uns“, scherzt Vikar Jonas Klur und schaut augenzwinkernd zum Pfarrdechanten. Die beiden Geistlichen bewohnen das Baudenkmal in 1A-Lage. Diakon Jonathan Berschauer, der in Höxter sein Pastoralpraktikum absolviert, komplettiert bis Ende März die „Priester-WG“ hinter Fachwerkfassaden.

Das Leben in dieser WG gestaltet sich freilich nicht so, wie man es aus dem Studentenleben kennt. Denn jeder der drei Hausbewohner des ehemaligen Adelshofes hat seine eigene Wohnung. „Wir sitzen auch nicht jeden Abend zusammen und spielen Gesellschaftsspiele“, sagt Jonathan Berschauer. Ganz ohne Gemeinschaft leben die drei aber nicht Tür an Tür. „Wir essen häufiger zusammen und beten auch gemeinsam.“ Dienstags bis freitags beginnen der Pfarrdechant, der Vikar und der Diakon den Tag mit der Laudes in der Nikolaikirche. Gestärkt vom gemeinsamen Morgenlob – „einem festen und schönen Start in den Tag“ – widmen sie sich ihren vielfältigen Aufgaben in Seelsorge, Liturgie, Verwaltung und Organisation.

Das rege Leben im Herzen der Stadt liegt Jonas Klur und Dr. Krismanek regelrecht zu Füßen: Von ihren Wohnungen aus schauen sie hinunter auf die Markstraße. „Die Wohnlage ist optimal – nicht nur zum Schützenfest“, sagt Jonas Klur. Zu seinem Wohnzimmer gehören die oberen Fenster der zweigeschossigen, polygonalen Utlucht auf der rechten Seite. Dieser Logenplatz erinnert an ein Turmzimmer wie im Märchen. Apropos Märchen: Aus den Fenstern im Stockwerk darunter lässt Marianne Fien als Frau Holle beim Märchensonntag der Werbegemeinschaft immer Federn und später Bonbons auf die Besucher herabregnen. Auch für dieses fantastische Stelldichein ist die Dechanei mit ihren aufwendig und kunstvoll gestalteten Fassaden eine stimmungsvolle Kulisse.

Im „richtigen“ Leben fällt durch Frau Holles Fenster Licht ins Büro des Pfarrdechanten. Auf dem großen Schreibtisch des Pastoralverbundsleiters liegt immer viel Arbeit. Privat lebt der Geistliche im linken Gebäudeteil des im 16. Jahrhundert errichteten Adelshofs der Familie von Amelunxen. Beim Blick auf die Marktstraße sieht er, wie sein schmucker Wohn- und Dienstsitz tagein, tagaus für Fotos Modell steht – „von morgens um halb neun bis abends um halb elf“, erzählt Dr. Krismanek. Dieses geschäftige Treiben ist durch die Corona-Pandemie ausgebremst. Der Pfarrdechant und seine Mitbrüder gehen aber zuversichtlich davon aus, dass in absehbarer Zeit wieder das bunte Leben in die Stadt zurückkehren kann.

Den Logenplatz-Blick auf die Marktstraße hat der dritte Dechanei-Bewohner im Bunde, Jonathan Berschauer, nicht. Seine Wohnung liegt zur Nordseite hin. Der angehende Priester nimmt es gelassen: „Im Sommer ist es angenehmer.“ Der junge Diakon schaut auf die Möllinger Straße und auf den rückwärtigen Parkplatz der Dechanei, von dem aus der große Saal direkt zu erreichen ist. Ihn nutzt der Pastoralverbund für Sitzungen und auch für Feiern. Nebenan wird auch der Kolpingraum oft mit Leben erfüllt. Von der Marktstraße aus sind diese Räume ebenfalls zu erreichen. Wer die Tür durchschreitet, blickt zuerst auf den um 1678 aufgestellten großen Kamin. Eine Treppe führt in den Flur mit dem Büro des Pfarrdechanten, dem Saal, dem Kolpingraum, den Sanitäranlagen und der Küche.

Das dreigeschossige Fachwerkensemble, das so viele Menschen erfreut, hat eine lange Vorgeschichte. Die Adelsfamilie von Amelunxen wurde im 14. Jahrhundert von Corvey mit dem Hof belehnt. Christoph von Amelunxen ließ das bestehende Gebäude in der Zeit von 1564 bis 1571 im Stil der Weserrenaissance umbauen. Nach mehreren Besitzerwechseln übernahm die katholische Kirchengemeinde den einstigen Adelshof als Pfarrhaus.

In seiner jüngeren Geschichte bereitete das Baudenkmal den Verantwortlichen Kopfzerbrechen: In den 1970-er Jahren sind bei Sanierungen schadhafte Stellen im Fachwerk nicht mit Holz, sondern mit Epoxydharz ausgebessert worden. Die dadurch entstandenen Schäden traten 2004 zutage. Während der Sanierung fanden die Fachleute dann auch noch Hölzer mit einem aktiven Schädlingsbefall. Über viele Jahre hatte sich der „gescheckte Nagekäfer“ in vielen Balken eingenistet. Der Schädling wurde im Sommer 2006 bekämpft. Die erheblichen Sanierungskosten von etwa 400.000 Euro bezuschusste das Erzbischöfliche Generalvikariat. Hinzu kamen Spenden von Unternehmern und Bürgerinnen und Bürgern. Viele Menschen erinnern sich noch an die aufregende Zeit. Die schmucke Fachwerkfassade war verhüllt wie ein Kunstwerk von Christo. Auch dem damaligen Pfarrdechanten Andreas Kurte ist sie lebhaft in Erinnerung. Unter seiner Ägide ist 2006 ein Buch über die Geschichte des ehemaligen Adelshofs erschienen. Damals war die Kirche genau 210 Jahre Eigentümerin des Baudenkmals. Der Sanierung und Schädlingsbekämpfung ist einer der Beiträge gewidmet.

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