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Bäckerei Engel protestiert mit einem Berg an Belegen gegen neue Kassensicherungsverordnung

Kunden nervt der Bon fürs Brötchen

Höxter (WB). Seit dem 1. Januar 2020 ist jedes Geschäft dazu verpflichtet, Kunden unaufgefordert einen Kassenbon auszuhändigen. Die neue Bon-Pflicht bringt viele Einzelhändler, aber auch viele Kunden auf die Palme: Die Bäckerei Engel in Höxter protestiert seit einigen Tagen mit einem gut sichtbar anwachsenden Belegberg im Ladenlokal Albaxer Straße gegen die von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) maßgeblich vorangetriebene Neuregelung, die auch für Döner-Buden, Currywurst-Imbisse, Apotheken und Kneipen gilt.

Michael Robrecht

Führt jeden Tag viele lebhafte Gespräche über die Bon-Pflicht: Elena Gerzen (Mitarbeiterin der Bäckereifiliale Engel in der Albaxer Straße in Höxter) wird oft auf die lange Bon-Papierschlange am Tresen und auf dem Fußboden angesprochen. Foto: Michael Robrecht

Erste Proteste im Netz

Ein Bäckermeister aus Südlohn (Kreis Borken) hatte zu Jahresbeginn mit einer landesweit beachteten Aktion gegen die Kassenbon-Pflicht für Brötchen und andere Backwaren als erster protestiert. Tage lang druckte Michael Tenk alle Bons aus, machte ein Foto von diesem Zettelhaufen und veröffentlichte es bei Facebook. Die Resonanz war riesig und zog bundesweit Kreise. Einen enormen bürokratischen Aufwand und erhebliche Kosten befürchten auch im Kreis Höxter viele Einzelhandelsbetriebe durch die Pflicht zum Kassenbon. Auch in der kleinen Höxteraner Filiale der Bäckerei Engel an der Einfahrt Zur Lüre liegen demonstrativ Unmengen Kassenbons, die kein Kunden mitnehmen möchte, am Boden. „Mich kostet die Bonpflicht der Kassensicherungsverordnung 1500 Euro im Monat für Papierrollen“, sagt Bäckereiinhaber Bernd Engel.

 Ausufernde Bürokratie

Er wende sich nicht grundsätzlich gegen eine Bonpflicht, sondern gegen die in dieser Form ausufernde Bürokratie. Bäckereiverkäuferin Elena Gerzen berichtet, dass 99 Prozent der Kunden keinen Kassenzettel für Brot und Kuchen haben wollten. Die Bons für die Kunden seien unnötige Papierverschwendung. Interessant seien die Kundenreaktionen seit Dienstag: Die meisten lobten unsere Protestaktion, aber es gebe auch einige, die sich von der Bonpflicht erhoffen, dass es keine Schwarzeinnahmen in Läden oder auch Imbissen mehr gebe.

Positiv komme rüber, dass die langen Bon-Schlange dazu führte, dass die Menschen über das Thema ins Gespräch kämen. Das bezweckte auch Bäckermeister Bernd Engel. Die Bonpflicht als solche sei unnötig. Dass ordentlich gebucht und korrekt regis-triert werde, könne auch ohne Kassenzettel erreicht werden. Bei elektronischen Kassensystemen werde jeder Kassiervorgang ohnehin unveränderbar erfasst, sodass Behörden diese Informationen jederzeit einsehen können. „Bons sind somit absolut verzichtbar“, bringt es Engel auf den Punkt.

Bernd Engel will den Protest möglicherweise in weitere Filialen ausweiten. Die Albaxer Straße sei seit Dienstag Testladenlokal. „Ich sehe das als Protest mit Augenzwinkern, aber mit ernstem Hintergrund“, meint der Höxteraner. Dass das Thema strittig sei und sich auch Kunden über den bewusst angelegten Bon-Berg aufregten oder auf der anderen Seite die Aktion des Finanzministeriums gut heißen würden, das sei ihm klar. Der Kunde entscheide letztlich, ob er den Bon annehme - anders als in Italien, wo es ein Gesetz gibt, den Kassenzettel mitnehmen zu müssen. 18.000 Bons am Tag in allen Filialen, das sei ganz schön viel, so Bernd Engel.

Was gilt ab 1. Januar konkret? Bäcker und Kioskbesitzer müssen seit mehr als einer Woche einen Kassenzettel ausdrucken und -händigen. Auch wenn Brötchen und Zigaretten nur einige Cent kosten. Mitnehmen muss der Kunde den Bon nicht. Die Finanzbehörden wollen stärker gegen Steuerbetrug vorgehen. Der Tenor der Kritiker: Das alles verursacht Kosten und Müll. Denn Kassenbons werden auf thermobeschichtetem Papier gedruckt. Laut Klimaschützern dürften sie darum nicht in den Papiermüll.

Das sagt der Ihk-Chef

„Mich stört, dass durch das neue Gesetz ein grundsätzliches Misstrauen gegen die Händler und Kaufleute ausgesprochen wird. Das kann nicht sein“, sagte IHK-Geschäftsführer Jürgen Behlke. Die Bonpflicht werde die Wirtschaft grundsätzlich nicht vorangehen. Es gebe fälschungssichere Kassen, die die Pflicht, einen Papierstreifen auszudrucken, eigentlich völlig überflüssig machten, meint der Zweigstellenleiter für die Kreise Paderborn und Höxter.

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