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Neugestaltung der Innenstadt: In Höxter setzen Bürger auf alternative Lösungen – Initiative will „die letzten vier Bäume retten“

„Legt nicht mich, sondern den Kanal um“

Höxter

Bürger aller Generationen aus Höxter wollen es nicht hinnehmen, dass weitere Bäume im Zuge der Neugestaltung der Innenstadt gefällt werden. „Es reicht uns. Die letzten verbliebenen Bäume in der unteren Fußgängerzone dürfen nicht auch noch gefällt werden“, so die Initiative „Grün statt Grau 23“ gegenüber dieser Zeitung.

Von Harald Iding

Um jeden der vier Bäume (drei Platanen und eine Linde) haben Akteure der Initiative „Grün statt Grau 23“ in der Stummrigestraße von Höxter auffällige „Botschaften“ platziert („Legt nicht mich, sondern den Kanal um“ oder „Rette mich, Politik“). Die Bürger wollen verhindern, dass die Bäume gefällt werden. Foto: Harald Iding

Gerade in Zeiten des Klimawandels hätte man doch eine große Verantwortung, lautet ihr Appell. Es geht aktuell um drei Platanen und eine Linde in der Stummrigestraße der Kreisstadt Höxter. An heißen Tagen sitzen dort oft Besucher wie Einheimische gerne unter den großen Schattenspendern, um ein Eis zu genießen oder sich mit Kleinkindern einfach nur vor der Sonne zu schützen. „Bäume verschönern nicht nur die grauen Straßenzüge der Städte – sie haben auch einen erheblichen Einfluss auf das Stadtklima“, betont der NABU.

Bäume würden eine Stadt lebenswerter machen und seien auch für die Tier- und Vogelwelt sehr wichtig. In der Hauptstadt Berlin würden laut NABU an jedem Kilometer Straße etwa 80 Bäume stehen, insgesamt seien es mehr als 431.000 Straßenbäume. Hinzu kämen noch zahlreiche Bäume in den Parks und Grünanlagen. Der NABU (Naturschutzbund Deutschland): „Stadtbäume sind nicht nur ein ästhetisches Element der Stadtplanung, sie haben auch ökologische Funktionen. Sie sind Schattenspender, Sauerstofflieferanten, Klimaanlage, Luftfilter, Lärmreduzierer und Lebensraum. Gerade im Sommer wissen wir Menschen ihre Fähigkeiten zu schätzen. Ihre Blätter bringen Abkühlung durch den Verdunstungseffekt, spenden Schatten und filtern Staub sowie giftige Stickoxide aus der Umgebungsluft. Wo Bäume stehen, ist die Luft frischer und weniger belastet. Unserer Gesundheit tut das gut.“

Doch auch andere Lebewesen profitieren vom Baumbestand. Vögel, Eichhörnchen, Fledermäuse und Insekten würden dort ein Zuhause finden. „Besonders alte Bäume sind wahre Biotope“, so die Naturschützer. Aber die Bäume hätten es nicht leicht – die Böden seien oft stark verdichtet, Versorgungsleitungen und der Unterbau von Gehwegen und Straßen würden den Wurzeln wenig Raum zur Entfaltung bieten. Oft seien die Baumscheiben einfach zu klein bemessen – und die Versorgung mit Sauerstoff, Nährstoffen und Wasser unzureichend.

Die Vorbereitungen für die Tiefbauarbeiten in der Stummrigestraße haben begonnen. Bürger befürchten jetzt, dass dort die letzten vier Bäume wegen der Erneuerungsmaßnahmen im Vorfeld der LGS 2023 gefällt werden. Foto: Harald Iding

„Statt nun bei der Neugestaltung der Fußgängerzone in Höxter Rücksicht auf die Natur zu nehmen und alternative Lösungen zu suchen, um Baumfällungen zu verhindern – geht man hier leider im Jahr vor Beginn der Landesgartenschau einen anderen Weg“, bedauert Falk Wennemann, Vorsitzender der Bürgerinitiative „Grün statt Grau 23“ (sie hat sich im Oktober 2019 im Vorfeld der Landesgartenschau 2023 gegründet), am Montag im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT.

„Auch wenn die Stadt oft erklärt hat, dass sie zum Beispiel in der Marktstraße einige wenige Ersatzpflanzungen für die dort gefällten Bäume vornehmen will – so reicht das doch längst nicht aus. Zu viele Schattenspender sind im Laufe der Jahre verschwunden, stattdessen haben wir eine große, versiegelte Pflasterdecke. Und jetzt sollen die letzten vier Bäume dort auch noch fallen. Das darf einfach nicht sein“, so der Sprecher von mehr als 80 besorgten Bürger, die im Alter zwischen 16 und über 80 Jahren seien. „Wir wollen mit unserer Plakataktion, die am Sonntagabend erfolgt ist, auf die aktuelle Situation in der Stummrigestraße konkret aufmerksam machen. Wir haben von Bauarbeitern erfahren, dass die drei Platanen und die Linde fallen sollen, weil unter anderem die alten Versorgungsleitungen dort neu gemacht werden – bevor die neue Pflasterung kommt. Die Wurzeln seien eine Gefahr für die Leitungen und der Platz im Boden angeblich nicht ausreichend für ein Überleben der Bäume. Das sehen wir anders. Ausgewiesene Baumexperten haben uns gesagt, dass man durchaus die Bäume stehenlassen und die Wurzeln sogar fachgerecht kürzen könnte.“

Andere Kommunen wie Leverkusen haben schon länger die Notwendigkeit erkannt, den Erhalt des Baumbestandes auf der Prioritätenliste ihrer Maßnahmen weit nach oben zu setzen. So wird in einem Beitrag auf der städtischen Internetseite „Leben in Leverkusen“ deutlich, dass man bei Umbauarbeiten an einem beliebten Platz in der Fußgängerzone die Baumscheiben der großen Platanen bewusst erneuert habe. Zu ihren Projektzielen schreibt die Stadt Leverkusen (ein Mittelzentrum im Regierungsbezirk Köln): „Die Bäume erhalten neue Beeteinfassungen anstelle der jetzigen maroden Einfassungen. Diese werden danach mit je 60 Kubikmeter speziellem Bodensubstrat gefüllt. Es dient dazu, die Bäume dauerhaft mit Nährstoffen zu versorgen. Speziell ausgeformte Bodenplatten lassen Regenwasser einsickern und ermöglichen den Austausch der Bodenluft.“ Um das Überleben des Baumes sicherzustellen, musste die neue Baumscheibe deutlich größer als gedacht angelegt werden. Die Mehrkosten (rund 35.000 Euro) seien im Kostenrahmen eines „Integrierten Handlungskonzeptes“ aufgefangen worden.

Falk Wennemann aus Höxter ist Sprecher der Bürgerinitiative „Grün statt Grau 23". Foto: Dennis Pape

Der 48-jährige Falk Wennemann hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben: „Wir wollen doch zunächst nur, dass die Kommune den Bürgern in einem offenen Gespräch darlegt, was sie konkret vorhat und welche Lösungen überhaupt für diesen Bereich im Raum stehen – bevor zur Kettensäge gegriffen und man vor vollendete Tatsachen gestellt wird.“ Der Hinweis, dass man doch die Pläne für die Umgestaltung längst der Öffentlichkeit präsentiert habe, reiche da nicht aus, so Wennemann. Das hat man am Montag schon an den ersten Reaktionen von Bürgern nach der Plakataktion der Initiative gemerkt.

Entlang der Markstraße laufen bereits seit längerer Zeit Tiefbauarbeiten mit Erneuerung von Versorgungsleitungen. Einige Bäume mussten dort bereits weichen. Foto: Harald Iding

„Das gibt es doch nicht, dass hier die schönen Platanen einfach platt gemacht werden. Will man uns denn nur noch Beton und Steine in der City vorsetzen. Mit der Pflanzung von Bäumen außen herum ist es doch nicht getan“, merkte ein frustrierter Senior kritisch an. Das WB hat am Montag bei der Stadt Höxter nachgehakt und Fragen zu dem Sachverhalt und den konkreten Maßnahmen gestellt – ob vielleicht die Bäume am Ende doch nicht gefällt werden. Bis zum Redaktionsschluss lag aus dem Stadthaus am Petritor noch keine Antwort vor.

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